"Peter Grimes" Britten-Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin
2013 ist Britten-Jahr, der englische Komponist würde 100 Jahre alt. Natürlich ein Anlass, seine berühmteste Oper neu zu inszenieren – David Alden hat das an der Deutschen Opern Berlin getan. Annika Täuschel war für BR-KLASSIK bei der Premiere.
Komponiert hatte der Pazifist Benjamin Britten die Oper während des Zweiten Weltkrieges in Amerika. Dorthin war er gegangen, zusammen mit seinem Lebensgefährten Peter Pears – in der Hoffnung auf Frieden und auf eine tolerante, freie Gesellschaft. 1945 war die Uraufführung von "Peter Grimes" im Londoner Sadler’s Wells Theatre ein voller Erfolg. Auch wegen Peter Pears in der Titelpartie. Es sollte die erste von vielen Rollen sein, die Britten seinem Freund und seiner Muse auf den Leib komponierte.
Außenseiter ohne soziale Kompetenz
Es ist eigentlich nichts falsch an ihm, er mag nur nicht mitmachen. Beim Tratschen, Sticheln und Hetzen. Beim zwanghaften Fröhlichsein, beim Trinken und beim Koksen. Und er verfügt nicht über das, was man neudeutsch gern soziale Kompetenz nennt. Peter Grimes ist Einzelgänger, unbeholfen, verschlossen, mit den Jahren sonderbar geworden. Und roh.
In den Augen seiner Dorfgesellschaft macht ihn das suspekt – wer sich nicht integriert, hat Dreck am Stecken. So geht es schon los, in Benjamin Brittens Oper über den Außenseiter Peter Grimes; dass es für den vermeintlichen Kindermörder mit dem eigenen Freitod enden wird – fast eine notwendige Konsequenz.
"Hätte er in einer Großstadt gelebt, so hätte Grimes ein Revolutionär werden können, aber die Politik hat im Borough keinen Platz, es gibt nur Mehrheit und Minderheit", sagte einst Peter Pears über diese, "seine" Figur, und fügte richtig hinzu: "Es gibt, so meine ich, viele Peter Grimes um uns herum". Wo und wie man die Oper ansiedelt, ist folglich zweitrangig.
Regisseur David Alden wählt ein Allerwelts-Dorf, Mitte des letzten Jahrhunderts. Es gibt angenehm wenig Seefahrer-Romantik auf der Bühne, dafür Armut, Kargheit und Tristesse. Ein paar Tische, ein paar Wände, die über die sechs Bilder des Abends zueinander rücken und Grimes im doppelten Sinn die Flucht verstellen. Nur der Weg zum Meer, der bleibt frei.
Wie ein feuchter Pullover auf der Haut
Es ist keine spektakuläre, aber eine subkutan bedrohlich werdende Inszenierung, die fast unbemerkt und umso perfider ihre Wirkung entfaltet, wie ein feuchter Pullover auf der Haut. Im Mittelpunkt des Stücks und des Berliner Abends stehen zu recht der stimmgewaltige britische Tenor Christopher Ventris in der Titelpartie, der beachtliche, sich mehr und mehr fokussierende Chor und das brillante Orchester der Deutschen Oper unter Donald Runnicles. Die "Sea Interludes" dieser Oper sind die orchestralen Prüfsteine – bei Runnicles und seinen Musikern konnte man das Meer, die Gischt und die Sturmflut fast schmecken und riechen, so atmosphärisch und einfühlsam wurde gespielt.
Ideale Besetzung
Christopher Ventris zeichnete ein charakterstarkes, musikalisch und stimmlich ausdrucksvolles Portrait des tragischen Helden. Als Kontrast zu Hilfe kam ihm dabei das übrige Personal, durchwegs skurrile und ideal besetze Sonderformen menschlicher Existenz: Dana Beth Miller als vertrocknete Giftspritze Mrs. Sedley, Thomas Blondelle als fanatischer Methodistenprediger Bob Boles und Simon Pauly als koksender Apotheker-Snob Ned Keene.
Auch Markus Brück als mäßigender, toleranter Seebär Balstrode und Michaele Kaune als Ellen Orford überzeugten, wenngleich der Sopranistin der Premierenrespekt anzuhören war. Die beiden hätten es richten können, für Grimes: zu ihm stehen, aushalten, dass einer anders ist. Dafür waren sie am Ende doch zu mutlos, zu einfallslos, zu perspektivlos. Das ist die eigentliche Tragödie.
Peter Grimes an der Deutschen Oper Berlin
Premiere: Freitag 25. Januar 2013
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