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Premierenkritik "Meistersinger" als Biedermeier-Märchen

Schneewittchen, Froschkönig und der gestiefelte Kater - Stefan Herheim versetzt Wagners "Meistersinger von Nürnberg" ins Reich der Märchen. Die Inszenierung strotzt vor Spießbürgertum und Heile Welt-Denken des Biedermeier.

Von: Annika Täuschel Stand: 03.08.2013

Es war einmal ein Regisseur aus Oslo, der machte tolles Theater - handwerklich und ideengeschichtlich. Er konnte Räume öffnen, Ebenen freilegen, Figuren hinterfragen. Mit Wagners "Parsifal" schrieb er in Bayreuth Inszenierungsgeschichte. Fortan machte er viel Oper, aber irgendwie vergaß er sein Potential. Er wurde eindimensional und begann, Märchen zu erzählen…

Ausflug ins Biedermeier

Stefan Herheim siedelt seine Salzburger "Meistersinger" im Biedermeier an. Goethe und Beethoven stehen schon als Büste in der trauten Schusterstube, aber die deutsche Nationalkunst steckt noch in ihren unschuldigen, ungeknechteten, unmissverstandenen frühromantischen Kinderschuhen. Heil-Singen geht noch schmerzfrei.

Die Meistersinger im Wunderland

Spitzwegs einsamer Poet - ein Alter Ego von Sachs? Oder gar von Wagner? - nimmt uns mit in seine Geschichte. Durch Sekretär und Kommode kriechen wir - handwerklich genial! - hinein, in dieses brave, allzu harmlose Märchen vom schönsten und besten und deutschesten Lied, in dem wir neben dem Personal von Wagners Oper auch Bekannten der Gebrüder Grimm begegnen: Schneewittchen und den 7 Zwergen, dem Froschkönig, dem gestiefelten Kater… Manches ist Komödie, manches Posse, manches fast schunkelndes Volkstheater. Schmerzhaftere Dimensionen - kulturgeschichtliche, psychologische, gar politische – möchte das Regieteam um Stefan Herheim nicht ergründen.

Es wäre ein problematischer Abend, wären da nicht Markus Werba als bravouröser Loser Beckmesser und Michael Volle als einsamer Poet und Schuster aus Fleisch und Blut. Wenn hier einer kühn ist, Neues wagt, Kunst und Kreativität will, dann ist es dieser Hans Sachs.

Michael Volle überzeugt als Hans Sachs

Wagner-Spezialist Volle singt und gestaltet ihn rundum glaubhaft, sehr souverän und vielschichtig, glänzt mit stimmlicher Wucht und differenzierten Zwischentönen und wird zum Alleinherrscher des Stücks. Das lässt sich von seinem Protegé Stolzing leider nicht behaupten. Roberto Saccàs Tenor ist für diese Partie zu klein und viel zu lyrisch, lässt jedes heldenhafte Strahlen vermissen, wenn ihm auch die Morgentraumdeutweise sehr stilsicher gelingt. Auch darstellerisch traut man diesem grün-gewamsten Ritter leider nicht zu, dass er jemals eine Konvention außer Acht lassen oder gar ein Tabu brechen wird. Ist das der neue Held, der Vorreiter der Avantgarde? Mitnichten!

Etwas zu blass und schlicht wirkt - auch stimmlich - die Eva von Anna Gabler, eine kaum verschmitzte und erst recht nicht pfiffige junge Frau. Das Paar ist schon von Anfang an so angepasst und hausbacken, dass es seinen ersten Frühling offensichtlich nie erlebt hat.

Musikalisch voller Wackler und zu flach

Nicht nur, wer in den letzten Tagen Kirill Petrenkos Bayreuther Ring mit all seiner Trenn- und Tiefenschärfe verfolgt hat, dürfte vor allem von Daniele Gattis Salzburger Wagner und den Wiener Philharmonikern besonders enttäuscht sein. Zum einen, weil sich die ganzen fünf Stunden erstaunlich viele Unkonzentriertheiten und Wackler durchziehen. Ärgerlicher aber, dass Gattis Dirigat klanglich zwar bisweilen üppig-monumental, aber meistens zu pauschal ist. Zu wenig fordernd, zu wenig scherzohaft burlesk, nie unbedingt bedingungslos. Man hat das Gefühl, er ließe das Stück vielmehr laufen, als es zu leiten. Schade!

Zu viel spießige heile Welt

Regisseur Stefan Herheim

Man könne dem Humor in Wagners "Meistersingern" nicht trauen, sagte einst Carl Dahlhaus. In Salzburg war so viel spießige heile Welt zu sehen, dass man ihn die ganze Zeit vermisst hat, jenen Sarkasmus, die Häme, Aggressivität und Boshaftigkeit, die den "Meistersingern" ihre Farben verleihen.

Aber der Regisseur aus Oslo, mit dem unser Märchen begann, ist noch jung. Und so warten wir eben weiter, bis er wieder hineinblicken will in die Tiefe und die Abgründe der Partitur und der menschlichen Seele…


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