BR-KLASSIK - Leporello


0

Claude Debussy Préludes

"La fille aux cheveux de lin" ... "Das Mädchen mit dem Haar von Linnen" – gewiss eines der bekanntesten Préludes aus Claude Debussys epochaler Sammlung und trotz seiner schlichten Faktur weit mehr als ein musikalisches Genrebildchen. Einfühlsam, jedoch ohne falsches Sentiment dargeboten, entfaltet die Musik einen Geschehensraum der Schwerelosigkeit; die Ahnung von einer im zeitlosen aufgehobenen Zeit.

Von: Helmut Rohm

Stand: 29.09.2014 | Archiv

Gilead Mishory, selbst ein Komponist von beachtlichem Metier, ob der Klangkultur und Akkuratesse seines Spiels vor allem aber ein international herausragender Pianist, besticht in seiner jüngst vorgelegten Gesamtdarstellung des Debussy’schen Kompendiums auf ganzer Linie. Welche Welt das einzelne Prélude auch eröffnet – und hörbar kommt für Mishory jedem der Stücke eine eigene Welthaftigkeit zu – sie entfaltet eine inneren Weite sondergleichen. Dabei fungieren die Titel der Stücke, die Debussy jeweils quasi en passant an ihrem Ende und in Klammern mitgeteilt hat, wie der Nachhall entweder einer zarten Impression oder berstend sich bäumender Eruptionen.  

Durchdachte und kontrollierte Rubati

"Ce qu’a vu le vent d’0uest" – aus den hochvirtuosen Kaskaden dessen, was der Westwind sah. Gilead Mishory, geboren 1960 in Jerusalem, hat u.a. in München bei Gerhard Oppitz studiert. Er unterrichtet an der Freiburger Musikhochschule, gibt weltweit Meisterkurse und pflegt ein umfangreiches Repertoire. Was seine Deutung der Préludes von Debussy so kostbar macht, hat zu tun mit einem besonderen Gespür für Balance. Das Vermögen dieses Pianisten, changierende Klangfarben erblühen zu lassen, sie gleichsam synästhetisch umzuwandeln und aufzulösen in ahndungsvolle Düfte, geht nicht auf Kosten einer klaren Zeichnung der kompositorischen Texturen. Mishory versteht es, noch dem winzigsten rhythmischen Detail Leben einzuhauchen, – stets jedoch nach Maßgabe von dessen Bedeutung im übergeordneten Atemvorgang der Musik. Alle Rubati sind durchdacht und wohl kontrolliert – nie schlampig oder von falscher Gefühligkeit getragen. In einer Musik, der höchst kunstvoll inszenierte Auflösungstendenzen eingeschrieben sind (sowohl der individuellen Miniatur, als auch den großen Bögen des Doppel-Opus), wahren sangliche Konturen und dynamisch stabilisierende Kraftlinien eine wunderbare Equilibristik. Gravitation des Mondes: der Ausklang von "... La terrasse des audiances du clair de lune".

Claude Debussy: Préludes

Gilead Mishory (Klavier)
Label: NEOS


0