BR-KLASSIK - Leporello


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Buch-Tipp Der Dirigent - Mythos, Macht, Merkwürdigkeiten

Sie kehren dem Publikum den Rücken zu und ernten doch den meisten Applaus. Sie spielen selbst kein Instrument und sind doch für den Klang eines Orchesters verantwortlich: Die Spezies Dirigent ist von Seltsamkeiten und Paradoxien durchdrungen.

Von: Robert Jungwirth

Stand: 11.11.2013

Buch-Cover "Der Dirigent: Mythos - Macht - Merkwürdigkeiten" von Wolfgang Hattinger  | Bild: Metzler, colourbox.com; Montage: BR

Fliegende Haare, elegante Bewegungen und ein Charisma, das aus allen Poren quillt - so muss ein Dirigent sein.

Der Dirigent Carlos Kleiber (1930 - 2004)

Ein Pultmagier, ein Klangbeschwörer, der uns, das Publikum, und die Orchestermusiker verzaubert - damit wir ihm zu Füßen liegen können. In den solchermaßen verehrten Dirigenten manifestiert sich das genialische Künstlertum stellvertretend für Haydn, Mozart oder Beethoven, die man ja leider nicht mehr bejubeln kann.

"Es ist beinahe eine mystisch-hypnotische Einflussnahme einer genialen Persönlichkeit auf das Geschehen im Orchester."

Opernexperte Marcel Prawy über den legendären Dirigenten Carlos Kleiber

Selbst der allen esoterischen Übertreibungen unverdächtige Komponist und Dirigent Hans Zender gestand, ein Stück Magie gehöre zum Dirigieren wohl dazu, ja, der Taktstock erscheine ihm sogar als "magisches, schamanistisches Instrument".

Das Berufsbild des Dirigenten

Dabei ist die Musikgeschichte die meiste Zeit ohne die Götter in schwarz ausgekommen. Der Dirigent, wie wir ihn heute kennen, ist eine Erfindung der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Davor leiteten Musiker aus dem Orchester die Aufführungen oder die Komponisten vom Cembalo aus.

Felix Mendelssohn-Bartholdy: Komponist und weltweit erster Dirigent

Mit Mendelssohn-Bartholdy und Hector Berlioz traten erstmals Komponisten auch als Dirigenten von Werken anderer Komponisten in Erscheinung. Mit ihnen nahm ein Berufsbild seinen Anfang, das seitdem auf eine geradezu sensationelle Erfolgsgeschichte zurückblicken kann. Im 20. Jahrhundert überrundete der Dirigent in der öffentlichen Wahrnehmung und Bezahlung dann sogar die eigentlichen Schöpfer der Werke. Dirigenten verdienen heute ein Vielfaches von Komponisten. Entsprechend wichtig ist es natürlich, dass sie ihre Bedeutung klar nach außen kommunizieren. Marketing ist ein wesentlicher Faktor für eine erfolgreiche Dirigentenkarriere.

"Der Hype, der 2009 um Gustavo Dudamels Neubestellung beim Los Angeles Philharmonic Orchestra inszeniert wurde, war eine solche Marketing-Meisterleistung der Etablierung eines Images. Wenn es gelingt, so über den neuen Chefdirigenten sprechen zu lassen, als ob man ihn wie einen Freund persönlich kennen würde, dann wird klassische Musik auch für Schichten chic, die ansonsten niemals ein klassisches Konzert besuchen würden."

Zitat aus den Buch 'Der Dirigent' von Wolfgang Hattinger

Die verschiedenen Dirigenten-Typen

Bei Hattinger kommen sie alle vor: die Selbstinszenierer, die Magier, die Exzentriker, die Humanisten, die Skrupulösen. Sein Buch über die Zunft der Dirigenten ist auch eine Typologie der verschiedenen Erscheinungsformen dieses Berufsstands. Die Wirkung nach außen ist das eine, die Wirkung auf die Musiker - das andere. Auch hier beschreibt Hattinger eingehend die musikalischen und psychologischen Prozesse, die dabei wirksam sind. Das geht bis ins Spirituelle, ja Esoterische.

"Der Dirigent soll sein Bewusstsein in das kollektive Unbewusste der Musiker transportieren."

Zitat aus den Buch 'Der Dirigent' von Wolfgang Hattinger

Der Dirigent Karl Böhm (1894 - 1981)

Leicht gesagt. Für manche ist dies eine Lebensaufgabe, anderen gelingt es einfacher, wie etwa Karl Böhm. Bei einer Probe hatte der Solocellist des von ihm dirigierten Orchesters einen Takt zu früh eingesetzt, weil er das Gefühl hatte, Böhm würde dies wünschen. Und tatsächlich hatte der Dirigent genau an dieser Stelle versehentlich an den Cellisten gedacht, gleichwohl keinen Einsatz gegeben. So weit kann die Symbiose zwischen Dirigent und Musikern gehen.

Das Fazit

Die Ausführlichkeit und thematische Breite, mit der Hattinger dem Phänomen Dirigent in all seinen Facetten nachspürt, seinen überaus komplexen Aufgaben als Nachschöpfer, Vermittler und Psychologe in einem Kollektiv hochspezialisierter Individualisten, seiner Macht und den Schwierigkeiten, mit denen er zu kämpfen hat - all dies wird umfangreich und kenntnisreich dargestellt. Hattingers "Der Dirigent" ist ein faszinierendes Kompendium für alle, die sich entweder beruflich oder aus privatem Interesse mit diesem speziellen Typus des Musikers eingehend beschäftigen möchten.

Buchtipp

Wolfgang Hattinger
"Der Dirigent - Mythos, Macht, Merkwürdigkeiten"

Verlag: Bärenreiter/Metzler
320 Seiten, 29,95 € 

Der Autor
Wolfgang Hattinger unterrichtet Musiktheorie an der Kunstuniversität Graz. Er ist Gründer und Leiter des Kammerensembles "szene instrumental", mit dem er hauptsächlich zeitgenössische Musik aufführt. Wolfgang Hattinger war einige Jahre als Dirigent bei den Vereinigten Bühnen Wien tätig, dort leitete er verschiedene Symphonieorchester und Opernproduktionen.


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