Salzburger Festspiele Anna Netrebko als Mimi in "La Bohème"
An Puccini schieden sich schon immer die Geister: Benjamin Britten sagte, wenn er Puccini höre, werde ihm "ganz übel von der Billigkeit und Leere dieser Musik". Der Schriftsteller Heinrich Mann sah das ganz anders. In Salzburg schlug man sich jahrzehntelang eher auf die Seite Brittens. Gestern debütierte Puccinis "La Bohème" in Salzburg mit prominentem Aufgebot.
Karajan versuchte es 1989 mal mit "Tosca" bei den Osterfestspielen, starb aber kurz vor der Aufführung. Gérard Mortier verhängte einen Bannstrahl gegen Puccini, und so gab es erst 2002 die zweite Salzburger Puccini-Produktion. "Turandot" von David Pountney inszeniert, nach Meinung vieler auch nicht gerade eine Sternstunde der Festspiele. Jetzt aber soll, geht nach Alexander Pereira, dem neuen Chef der Festspiele, der Salzburger Puccini-Bann gebrochen werden.
Puccini 2012
Diese Bohème spielt im Jahr 2012. Eine WG der Generation Praktikum, kreatives Prekariat. Die bunten Matratzen liegen malerisch chaotisch auf dem Boden der Altbauwohnung im Pariser In-Viertel Quartier Latin. Die Armut ist mehr Pose als bittere Realität. Die jungen Kreativen sind natürlich in der Popkultur sozialisiert. Man sammelt stilbewusst Vinyl-Platten, und wenn der Dichter Rodolfo seiner hübschen Nachbarin Mimi erzählt, was er so macht, dann zeigt er ihr stolz seine DVD-Sammlung. X-beinig steht sie da, auf hochhackigen Stiefeletten, ein bisschen verpeilt, aber süß, nicht geerdet und irgendwie hilflos: so spielt Anna Netrebko die Mimì, aber so singt sie nicht.
"Konsumkritik light"
Quietschbunt und poppig geht Regisseur Damiano Michielotto diese Bohème an. Die Straßenszene im zweiten Bild spielt vor dem Hintergrund eines Stadtplans von Paris, oder ist es Google-maps? Jedenfalls ist das malerische Quartier latin längst nur noch Kulisse, eine touristische Destination, und Weihnachten ist das Fest des Konsums. Santa Claus und Rentier-Figuren, bonbonfarbige Geschenkeschlachten und blaue Rieseneinkaufswagen. Das gibt sich kapitalismuskritisch, zehrt aber selbst von der smarten Ästhetik der Oberflächen, die aufs Korn genommen wird.
Viel stärker wirkt da das dritte Bild am Boulevard d’Enfer: Eine mit grauem Schnee bedeckte Stadtautobahn am frühen Morgen, Banlieu, urbanes Niemandsland der Gegenwart. Hier ziehen Mimì und Rodolfo ernüchtert Bilanz ihrer Beziehung, im Hintergrund blinkt verloren eine ausgeschaltete Ampel. Das alles ist streckenweise gut beobachtet, bleibt aber doch halbherzig, nicht zuletzt wegen der oft hilflosen Personenführung. Konsumkritik light: Das Salzburger Premierenpublikum ist zufrieden.
Musikalisch ergreifend
Dirigent Daniele Gatti lässt die Wiener Philharmoniker in die Vollen gehen, er powert und schmachtet, drückt und dehnt. Das ist gut gemeint, aber in dem Maß gar nicht nötig. Puccini, dieser Magier der Emotionen, erwischt einen sowieso. Mit etwas mehr Zurückhaltung ginge es eher noch tiefer rein. Piotr Beczala als Rodolfo muss seinen fein strukturierten lyrischen Tenor gegen Gattis deftiges Dirigat behaupten, was er ganz großartig tut. Nino Machaidze als Musetta kontrastiert mit ihrem gleißend kalten Sopran passend zur Rolle mit der Wärme und Intensität von Anna Netrebkos Mimì. Dunkler und sehr feminin klingt sie, mühelos in der Kraftentfaltung und doch, glücklicherweise, noch immer fähig zu verletzlichen Tönen, die, so leise sie sind, das riesige Festspielhaus bis in den hintersten Winkel ausfüllen, berühren und begeistern.

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