Bernhard König komponiert zusammen mit alten Menschen...
Film-Tipp "Das Lied des Lebens" Wenn das Leben Geschichte schreibt
Schon während seines Kompositionsstudiums hatte sich Bernhard König für Musik mit und für alte Menschen interessiert. Aus einer vagen Idee wurde 2010 ein mehrjähriges Forschungsprojekt. Das Ergebnis hat die Regisseurin Irene Langemann im Dokumentarfilm "Das Lied des Lebens" festgehalten.
Bernhard König improvisiert mit Sigrid Thost am Klavier. Frau Thost ist Bewohnerin eines Altenheimes in Stuttgart. Sie ist blind. Der Verlust des Augenlichts und der Tod ihres Mannes haben sie von der Musik weggeführt. Bernhard König führt sie wieder hin. Behutsam, und doch voller Entschlusskraft. Es entsteht Beziehung, Vertrauen wächst und so geschieht es, dass Sigrid Thost ihre wohl traumatischste Erfahrung aus der Kindheit erzählt. Bernhard König macht die schmerzhafte Erfahrung zum Ausgangspunkt einer Komposition.
Komponist verarbeitet Erinnerungen alter Menschen
"Das Lied des Lebens" – Dieser Film über die Arbeit des Komponisten Bernhard König mit alten Menschen zeigt, was Musik immer war und ist: Ausdruck, Medium der Seele. Die Regisseurin Irene Langemann dokumentiert das mit großer Einfühlung. Nie geht es um Effekte. Vielmehr ist die Kamera ein stiller Beobachter. Das berührt: Die Aufrichtigkeit der Menschen, die Tiefe der Begegnungen, in denen alles Platz hat: Schmerz, Freude, Ablehnung, Hingabe, Trauer, überschäumende Freude, Erinnerung, Hoffnung.
Zwischen Experiment und Kunstanspruch
Man könnte annehmen, dass bei diesen Projekten Schwere im Spiel ist. Weit gefehlt. Bernhard König achtet auf die Balance von Tiefe und Leichtigkeit. Auch auf die Balance von Musikalischem Experiment und künstlerischem Anspruch. Deshalb hat er Profimusiker eingeladen, die gemeinsam mit den alten Menschen musizieren. Unter anderem die "Neuen Vocalsolisten" Stuttgart.
Abgeschoben - nun gesucht
Meist aber sind es individuelle Schicksale, die Bernhard König zu Musik werden lässt. Auch im Chor "Alte Stimmen" für Menschen über 70. Oft werden ältere Menschen ja hinausbefördert aus Chören, wegen ihrer alternden Stimmen. Hier dagegen ist die Stimme des Alters gefragt. Die Sängerinnen und Sänger improvisieren und experimentieren, sie hauchen, rufen, wispern, flüstern, schreien im Dienste der individuellen Lebensgeschichten. Für die meisten ist das eine Entdeckungsreise in die eigene Klanglichkeit.
Berührende Schicksalen
Das älteste Chormitglied ist 91, Alfred Adamczak. Seine Erfahrungen von Verlust und Überleben im II. Weltkrieg finden im Chor ihren Nachhall:
"Unvergesslich. Man kommt nicht drüber weg, ist immer wieder an der Front, wenn sie fallen, wenn sie sterben. Unvergesslich. Kommt immer wieder in allen Träumen."
Alfred Adamczak, Kriegsveteran
Tränen rollen über die Wangen von Alfred Adamczak, während sein "Lied des Lebens" entsteht. Erinnerung schmerzt, Heilung berührt. Auch den Zuschauer, der dabei sein darf bei dieser intimen musikalischen Arbeit. Einer Arbeit, von der man sich wünscht, dass sie weite Kreise zieht, damit möglichst viele, alte Menschen erblühen und die ihnen innewohnende Kraft und Kreativität erleben und teilen dürfen. Der Film ist eine Würdigung jedes Einzelnen, der darin vorkommt. Für den Zuschauer ist er auch eine Motivation, sein eigenes "Lied des Lebens" zu erfinden.

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