BR-KLASSIK - Allegro

Premiere am Gärtnerplatztheater "Dornröschen" als zeitgenössisches Tanz-Märchen

Nach mehreren erfolgreichen Musiktheaterproduktionen präsentierte Josef E. Köpplinger als neuer Intendant des Gärtnerplatztheaters nun auch die erste große Ballettpremiere: Tschaikowskys "Dornröschen". Dabei verstand es Choreograf Karl Alfred Schreiner, den Ballett-Klassiker in Inhalt und Tanzstil zeitgenössisch zu wenden.

Von: Malve Gradinger Stand: 28.01.2013

Die Königin mit hochaufgetürmter Aristokraten-Coiffüre ist von schlanker Statur. Die hoffnungsvolle Wölbung ab der Taille – hat ihre Untergebene. Es ist Carabosse, ursprünglich die böse Fee, jetzt im Schwarz der Hof-Bediensteten. Ein paar heftige Gesten zwischen den beiden Frauen, Schmuck und Geld wechseln die Besitzerin, und auch ohne Programmheft weiß man: die unfruchtbare Königin kauft sich ein Kind. Und wie oft im richtigen Leben, bereut die wahre Mutter und will ihr Kind Aurora zurück.

Neudeutung des Märchens

Inspiriert wahrscheinlich von dem schwedischen Modern-Dance-Choreographen Mats Ek, einem radikalen Klassiker-Wender, hat der Münchner Tanzchef Karl Alfred Schreiner das "Dornröschen"-Märchen neu gedeutet. Damit hat er auch eine leicht nachvollziehbare Intrige gebaut. Und die erzählt er durchgehend wunderbar verständlich – mit viel szenischem Einfallsreichtum und viel Witz. Wann hat man schon in einem "Dornröschen" so viel gelacht?

Hofköche in "Dornröschen"

Tänzelnde Hofdamen, eitel stolziernde Minister, aufgeregte Köche, das gesamte Personal fegt da in Action- und Comic-Manier über die Bühne. Und erst die vier Bewerber um die Hand von Prinzessin Aurora! Bei Marius Petipa sind es lediglich genormt-fade Ballerinen-Halter für Auroras Balance-Akte. Hier tanzen schräge Typen an, wie man sie aus John Crankos neoklassischer Ballettkomödie "Der Widerspenstischen Zähmung" kennt.

Und Rita Barao Soares, seit zehn Jahren exzellente Tänzerin im Ensemble, wandelt die bei Petipa gefügige Aurora nun zum "widerspenstigen Röschen", am Ende zur selbstbestimmten jungen Frau. Denn im 100jährigen Schlaf – den bewirkt hier die rächende Carabosse mit vergifteten Rosen – erträumt sich nämlich Aurora selbst ihren Prinzen.

Langatmige Märchen-Traum-Groteske

Auch diese Traumsequenz wird plausibel erzählt - allerdings, dies ein Abstrich, etwas zu langatmig. Allzu monoton in der Bewegung, huschen schwarze Traumschattenfiguren um das aufeinander zustrebende Liebespaar. Auch der sehr zarte Pas de deux Auroras mit Prinz Désiré – bestens besetzt mit dem tänzerischen lyrischen Davide Di Giovanni – könnte kürzer sein.

In Schreiners Inszenierung tauchen sogar der Froschkönig und Schneewittchens Zwerge auf

Karl Schreiners klassisch grundiertes modern schwingendes, aber – noch – nicht sehr variationsreiches Schrittmaterial trägt nicht lange. Dafür ist Schreiner ein ausgesprochenes Komödientalent. Was sich bestätigt, wenn er später in die Traumsequenz Aschenputtel, Rotkäppchen, den gestiefelten Kater und und und hineinmixt. Eine beschwipst-surreale Märchen-Traum-Groteske wie aus Alice im Wunderland.

Ballettmärchen ohne Feen-Zauber

Die Münchner Feuerprobe hat Schreiner auf jeden Fall bestanden. Das Tanzensemble genießt sichtlich das ausgelassene komödiantische Spiel. Alfred Mayerhofer liefert dafür schon das inspirierende Kostüm-Wohlgefühl. Julia Müers stilvoll minimalistische und bewegliche Schloss- und Parkszenerie lässt die eher dröge Reithalle vergessen.

Königin und Carabosse

Chefdirigent Marco Comin hat die Tschaikowsky-Partitur verschlankt und in Tempi und Atmosphäre hörfein auf die Choreographie hin abgestimmt. Dass der Abend zu fast hundert Prozent farbig, zügig und temperamentvoll abläuft, ist auch ihm und dem Staatsorchester am Gärtnerplatz zu verdanken. Karl Schreiners "Dörnröschen" ganz ohne Feen-Zauber: ein Ballettmärchen für Groß und Klein, sprich für die ganze Familie.

"Dornröschen" am Staatstheater am Gärtnerplatz

Premiere: Samstag, 26. Januar 2013

Musikalische Leitung: Marco Comin
Choreografie: Karl Alfred Schreiner


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