Don Giovanni als gewissenloser Schürzenjäger,...
Premiere am Staatstheater Nürnberg "Don Giovanni" - ganz radikal
Egal, ob man den Don Giovanni als triebgesteuerten Egoisten, als Freigeist oder als Opfer der eigenen Obsessionen sieht - die Wirkung, die von dieser Figur und von Mozarts Oper ausgeht, kann sich keiner entziehen. Am Samstag hatte eine Neuinszenierung im Staatstheater Nürnberg Premiere und Regisseur Georg Schmiedleitner präsentierte eine radikale Lesart.
Niemand hat jemals behauptet, dass der Frauengeld Don Giovanni glücklich ist mit seinen zahllosen Affären. Er ist kein Genießer, kein liebenswerter Verführer, sondern ein Wüstling, ein kaputter, verwahrloster Typ, ein erotischer Extremist, der sich leidenschaftlich und vorsätzlich selbst zerstört. Selten wurde das so deutlich wie am Staatstheater Nürnberg, in der Inszenierung von Georg Schmiedleitner. Es war ein verstörender, gewalttätiger, ein durch und durch unsympathischer Don Giovanni zu erleben, und somit eine faszinierend dichte, eine berührende, ungewöhnliche Premiere.
Fatales Duo: Don Giovanni und Leporello
Der Frauenheld als menschenverachtender Spieler, ja Triebtäter, von Spiegeln umstellt ist und überall, wo er hinblickt, nur sich selbst sieht. Die Welt und ihre Frauen interessieren diesen Don Giovanni nicht im geringsten. Er will sich nur immer wieder selbst spüren, feiern, triumphieren.
Ähnlich verkommen und asozial ist sein Diener Leporello. Oft als harmlos dargestellt, ist er nun ein asiger, brutaler Kerl, der das Messer reicht, wenn es für einen Mord gebraucht wird und der seinen Narzismus weiter auslebt, als Don Giovanni schon in der Hölle schmort.
Zwei eiskalte Typen also und so wie Randall Jakobsh den Don Giovanni spielt und Sébastien Parotte den Leporello gibt, kann einem Angst und Bange werden. Beide lassen in menschliche Abgründe blicken, glaubwürdig, intensiv, mit überragender Bühnenpräsenz. Zeitweise sind die beiden mit Handschellen aneinander gekettet, ein Höhepunkt der Inszenierung, denn es ist verblüffend und komisch zugleich, wie sie in der Folge nicht nur die Kleidung, sondern auch die Persönlichkeit austauschen.
Umgeben von erschreckender Leere
Regisseur Schmiedleitner ließ die Bühne vollkommen leerräumen und in alle Richtungen bis zur Brandmauer aufreißen. Würde Don Giovannis Blick nicht immer an den Spiegeln abprallen, er könnte die erschreckende Leere sehen, in der er sich bewegt. Drastisch zeigt Schmiedleitner, wie gefühlskalt und brutal Don Giovanni die Frauen behandelt. Nicht mal vor arglosen Minderjährigen macht er Halt, was übrigens so im Libretto auch vorgesehen ist, aber selten so erschreckend deutlich bebildert wird.
Viel verdienten Beifall erhielten Michaela Maria Mayer und Hrachuhi Bassénz als Donna Anna und Donna Elvira, also den beiden Opfern des Wüstlings. Mehr traurig als empört, mehr erschrocken als rachsüchtig reagieren sie auf einen Mann, der keine Grenzen kennt.
Düsteres Regiekonzept mit radikaler Deutung
Dirigent Marcus Bosch führte die Staatsphilharmonie Nürnberg anfangs sehr rau und spröde, ja unterkühlt. Das passte allerdings sehr gut zum beklemmend düsteren Regiekonzept. Später fand Bosch zu einem innigerem, seelenvolleren Klangbild. Insgesamt eine entschiedene, ja fast radikale Deutung des Don Giovanni. Viel Applaus, aber auch einige Proteste aus einem diskussionsfreudigen Publikum.
"Don Giovanni" am Staatstheater Nürnberg
Premiere: Samstag, 26. Januar 2013
Musikalische Leitung: Marcus Bosch
Inszenierung: Georg Schmiedleitner

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