BR-KLASSIK

Portrait-Konzerte mit Enno Poppe "Was mich interessiert, ist Labormusik."

Der in Berlin lebende Komponist und Dirigent Enno Poppe, Preisträger des neu initiierten "Happy New Ears"-Preises, stand im Fokus der musica viva-Veranstaltungen am 16. und 17. Februar.

Autor: Sibylle Kayser Stand: 21.02.2012
Der Komponist Enno Poppe | Bild: Kai Bienert

An zwei aufeinander folgenden Tagen standen Werke von Enno Poppe auf dem Programm. Am 16. Februar konnte man neben zwei Ensemblestücken Poppes den Komponisten auch als Dirigenten erleben. Seit mittlerweile 14 Jahren leitet er das ensemble mosaik, ein in Berlin ansässiges Spezialensemble für Neue Musik. Für Enno Poppe war von Anfang an die Arbeit als Komponist mit der Tätigkeit als Dirigent verknüpft: "Für mich war immer klar, dass ich auch dirigieren möchte, weil ich mich sehr für die Stücke von Kollegen interessiere. Weiterhin ist das Arbeiten mit hoch spezialisierten Musikern als ein absolut integraler Bestandteil anzusehen. Beim direkten Austausch mit den Musikern habe ich oft die besten Ideen.  Und dann genieße ich es, unter Gleichgesinnten zu sein, zu sehen, welcher Komponist gerade an welchen Thematiken arbeitet."

Ensemblearbeit ist Laborarbeit

Enno Poppe beschreibt das Erarbeiten von Stücken mit seinem Ensemble als Laborarbeit. Verschiedene Zugangsmöglichkeiten werden ausprobiert, wenig Erfolg versprechende Lösungen verworfen, bis schließlich eine stimmige Interpretation entsteht. Dies ist oft ein langwieriger Prozess – und ohne hochmotivierte Musiker nicht zu realisieren. Die Mitglieder des ensemble mosaik kennen die Autoren der Musik, die sie spielen, sehr gut, oft verbindet sie eine jahrelange Zusammenarbeit. Das Ergebnis ist ein selbst für die Neue Musik Szene erstaunlich persönliches Repertoire: "Wir bieten den Komponisten noch in der Entstehungsphase der Stücke Proben an, in denen sie verschiedene Dinge mit uns ausprobieren können. Dieses Konzept heißt "open source". Wir haben damit unheimlich gute Erfahrungen gemacht und die Komponisten nehmen das Angebot gerne an – eben weil man einen viel engeren Kontakt mit den Musikern hat, als das sonst der Fall ist."

Das Klavier als transponierendes Instrument

So hat das ensemble mosaik die Uraufführung des ersten Poppe-Abends, "Zähmungen" von Eduardo Moguillansky, selbst vorgeschlagen. "Die Musiker sind neugierig auf seine neue Musik", so Enno Poppe im Vorfeld, obwohl das sehr viel Extra-Arbeit bedeutet: "Für dieses Stück müssen die Musiker wirklich komplett neue Spieltechniken erlernen".

Als eigene Werke präsentierte Enno Poppe die Ensemblestücke "Schrank" und "Salz". Beiden Stücken gemeinsam ist die Besetzung und die Verwendung eines Keyboards mit einer mikrotonal belegten  Tastatur: "Frei mikrointervallisch stimmbare Tasteninstrumente ermöglichen mir, dass ich diesen Tonraum in jeder Geschwindigkeit zur Verfügung habe. Normalerweise gilt, je kleiner die Tonschritte sind, desto langsamer muss die Musik sein. Ich wollte aber genau das Gegenteil, ich wollte eine schnelle Mikrointervall-Musik, in der sichergestellt ist, dass die Tonhöhen wirklich stimmen."

Eine Welt aus Mikrotönen

Besondere, also von den gängigen Halbtönen abweichende Intervalle bestimmten auch die Orchesterkomposition, die tags darauf, am 17. Februar vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks uraufgeführt wurde. Enno Poppes "Welt" basiert auf einer Unterteilung der Oktave in acht Dreiviertel-Tönen. Er verwendet ausschließlich Streichinstrumente, die er in vier gleichbesetzte Gruppen unterteilt.

Orchesteraufstellung in Poppes neuem Werk "Welt"

Diese vier Kammerorchester werden zum Teil solistisch verwendet, sodass ein stetes Spiel mit der Besetzungsdichte möglich ist. Dazu der Komponist: "Ich habe bewusst nicht in den großen Orchester-Farbtopf gegriffen, sondern ich wollte eher mit den Parametern Größe, Dichte und Intensität spielen. Daher zeigt dieses Stück starke charakterliche Unterschiede auf; es gibt Stücke von mir, die sind dramaturgisch viel konziser als dieses, weil sie viel stärker farblich gearbeitet sind. Wenn ich auf die Farben setze, muss ich in der Dramaturgie einfacher sein. Hier gibt es keinerlei Tempowechsel, es geht 25 Minuten lang durch, wie ein stets fließender Strom von Ereignissen."

Musik unter der Lupe

Durch das Nichtverändern von "äußerlichen" Vorgaben wie Tempo und Klangfarbe eröffnet sich für den Hörer die Möglichkeit einer Innenschau der Musik: "Es gibt unterschiedlichste Arten von Glissandi, statische Elemente und changierende Klänge – wodurch das Stück dann doch wieder sehr farbig wird. Denn die Beobachtung, die ich gemacht habe, ist, dass die Intonation selbst auch eine Klangfarbeninformation enthält. Wenn sich die Akkorde verändern, verändern sie immer auch ihre Farbe. Die Glissandi führen zwangsläufig zu Verschleifungen, zu Unterschieden zwischen den einzelnen Musikern, denn zwei Musiker führen ein Glissando nie in exakt demselben Tempo aus." Auch hier zeigt sich die für Enno Poppe typische Problemstellung mit quasi-empirischem Lösungsansatz. Doch trotz – oder gerade wegen – aller Wissenschaftlichkeit: Hier ist eine gehörige Portion Begeisterung mit von der Partie, die neugierig macht auf diese einzigartige Klangwelt des Enno Poppe.