BR-KLASSIK

Geschichte Die musica viva im Wandel der Zeiten

Am 7. Oktober 1945 schlug die Geburtsstunde der musica viva. Unter Karl Amadeus Hartmann entwickelte sie sich zu einer der bedeutendsten Konzertreihen für zeitgenössische Musik. Inzwischen ist sie über ein halbes Jahrhundert alt.

Stand: 01.10.2011
Kopnzertplakat der musica viva aus den 50er Jahren | Bild: Helmut Jürgens

1945 - Geburtsstunde der "musica viva"

Am 7. Oktober 1945 veranstaltete Karl Amadeus Hartmann im Münchner Prinzregententheater seine erste Matinee - damals noch mit dem Bayerischen Staatsorchester. Das war ihm neben seiner Tätigkeit als Dramaturg so kurz nach Kriegsende ein großes Anliegen. Denn während des Nazi-Regimes war die Aufführung von Werken zahlreicher namhafter Komponisten verboten gewesen.

Und Hartmann erkannte die Notwendigkeit, dem Publikum das musikkulturelle Erbe zu präsentieren, das ihm jahrelang vorenthalten worden war. Die Durchführung von Konzerten mit zeitgenössischer Musik war für Hartmann kein Neuland. Bereits 1928 hatte er - noch während seiner Studentenzeit - Konzerte des Künstlerverbands "Die Juryfreien" initiiert. Zum Aspekt des "Nachholens" kam bald ein weiterer hinzu: Hartmann war selbst Komponist, sein Interesse an der Musik der Zeitgenossen rückte in den Vordergrund.

"Aufgabe der Veranstaltungen ist es, dem Publikum eine Überschau über die geistige und künstlerische Entwicklung der Gegenwart zu geben."

Karl Amadeus Hartmann über die musica viva

Karl Amadeus Hartmann lag daran, das Bild der zeitgenössischen Musik in all seinen Facettierungen zu spiegeln und auch dem ernsthaften Experiment Raum zu geben. Mit dem Dirigenten Hermann Scherchen, der ihm ideell und beratend zur Seite stand, verband ihn eine langjährige Freundschaft.

1948 - In die Hände des Bayerischen Rundfunks

Drei Jahre lang leitete Hartmann seine Konzertreihe für zeitgenössische Musik unter der Aufsicht der amerikanischen Militärregierung und dem Schirm der Bayerischen Staatsregierung. Dann übernahm 1948 der Bayerische Rundfunk (damals noch "Radio München") die Gesamtverantwortung. Dadurch erhielt die "musica viva" nicht nur ein Orchester und einen Chor, die ihr zur Verfügung standen, sondern auch eine gesicherte wirtschaftliche Grundlage.

Die Hartmann-Ära (1945-1963) stellte sich nach harten Jahren des Aufbaus als einzigartiger Aufschwung dar. Strawinsky, Milhaud und Hindemith, die als Dirigenten-Komponisten bei der "musica viva" zu Gast waren, sind nur einige Namen, die die Ereignishaftigkeit der Münchner "musica viva "-Konzerte dokumentieren. Doch nicht nur auf musikalische Qualität legte Hartmann Wert.

Er liebte auch die bildenden Künste. Fast keiner der von ihm angesprochenen Künstler wie Joan Mirò, Emilio Vedova oder Jean Cocteau versagte sich seinen Bitten, graphische Beiträge für die Konzerthefte zu liefern. Das Bemühen um ein optisch gutes Erscheinungsbild ging jedoch noch über schöne Programmhefte hinaus. Helmut Jürgens, der Bühnenbildner der Münchner Staatsoper, schuf für jedes Konzert ein eigenes Plakat. Diese bestachen schon in den 50er Jahren durch farbige Prägnanz und wurden charakteristisch für die frühe "musica viva".

1963 - Wolfgang Fortner wird Hartmanns Nachfolger

Dem Komponisten Wolfgang Fortner, der nach dem unerwarteten Tod Hartmanns im Dezember 1963 dessen Nachfolge übernahm, stellte sich keine leichte Aufgabe. Zwar genoss er die gewünschte internationale Anerkennung als Komponist und konnte auf Erfahrungswerte zurückgreifen, nachdem er ähnliche Konzertreihen in Heidelberg, Freiburg und Berlin betreut hatte, doch hatte er mit den gewandelten Zeitumständen zu kämpfen. Zum einen war der Informations- und Nachholbedarf an zeitgenössischer Musik der unmittelbaren Nachkriegszeit gestillt, zum anderen hatte sich ein Spezialistentum bei den Dirigenten und Interpreten entwickelt, so dass es immer schwieriger wurde, international renommierte Künstler zu verpflichten.

Experimentelle Studioveranstaltungen

Unterstützt wurde Wolfgang Fortner bei seiner Arbeit von Ernst Thomas, seit 1962 Leiter des Internationalen Musikinstituts Darmstadt und Leiter der Internationalen Ferienkurse für neue Musik. So war es nicht verwunderlich, dass auch in der "musica viva" Darmstädter Themen, wie beispielsweise die Diskussion über Musik und Sprache oder Aleatorik und Improvisation, im Mittelpunkt standen. Trotzdem schien die Konzertreihe ins Konservative abzugleiten. Um dem Vorwurf entgegenzuwirken, die "musica viva" habe an Lebendigkeit verloren, wurden Mitte der 70er Jahre die Orchesterkonzerte im Herkulessaal durch zwei experimentelle Studioveranstaltungen ergänzt.

1978 - Breite Vielfalt durch Jürgen Meyer-Josten 

Mit Jürgen Meyer-Josten als künstlerischem Leiter war seit 1978 erstmals kein Komponist an der Spitze der "musica viva ". Als Pianist, Musikjournalist, aber nun "hauptberuflich" als Hauptabteilungsleiter Musik des Bayerischen Rundfunks, ließ Meyer-Josten - mit dem wünschenswerten Ethos eines Journalisten - eine breite Vielfalt zur Geltung kommen. Einen Schwerpunkt bildeten nationale Traditionen, zum anderen fanden auch Münchner beziehungsweise im bayerischen Raum lebende Komponisten besondere Berücksichtigung.

1997 - Die "Ära Zimmermann" beginnt

Mit der Saison 1997/98 übernahm der gebürtige Dresdner Udo Zimmermann die künstlerische Leitung. Als Komponist und Dirigent war er der "musica viva" bereits seit mehr als zehn Jahren eng verbunden. Neben eigenen Kompositionen, wie beispielsweise der "Lorca-Sinfonie" und dem vokalsinfonischen Werk "Pax questuosa", leitete er die Werke berühmter Kollegen, darunter die posthume Uraufführung der Hartmannschen "Sinfonia tragica".

Ähnlich wie ehemals Hartmann ist auch Zimmermann ein engagierter Verfechter der Neuen Musik und Förderer der jungen Komponistengeneration. 1986 hatte er unter damals schwierigen politischen Bedingungen das Dresdner Zentrum für zeitgenössische Musik gegründet, das zum einen Kompositionsaufträge an junge Künstler vergibt, gleichzeitig aber auch als wissenschaftliche Forschungs- und musikalische Begegnungsstätte international gefragte Künstler und Ensembles zusammenführt.

Sonderveranstaltungen multimedialen Charakters

In den fünf Jahren, in denen Zimmermann als Leiter der Kammeroper der Stadt Bonn wirkte, wurden nicht weniger als zehn Werke des zeitgenössischen Musiktheaters uraufgeführt. Udo Zimmermann hat auch im Programmkonzept der "musica viva" eine Neuorientierung vorgenommen:

Die Orchesterkonzerte, deren Programme Udo Zimmermann zusammen mit Josef Anton Riedl erarbeite, fanden in Bewahrung der Tradition im Herkulessal statt. Daneben traten Sonderveranstaltungen multimedialen Charakters, die ihren idealen Aufführungsort in der Muffathalle beziehungsweise im Marstalltheater fanden. Vermehrte Kooperation mit anderen Kulturinstitutionen bereicherte bereits im ersten Jahr der neuen Ära die Münchner Kulturszene um eine Reihe außerordentlicher Projekte: Das Gebetsritual INORI für Orchester und zwei Tänzerpantomimen von Karlheinz Stockhausen (und mit ihm selbst als Dirigenten) im Herkulessaal, Heiner Goebbels "Eislermaterial", Steve Reichs Video-Oper "Hindenburg" in der Muffathalle sowie Konzerte unter der Leitung von Pierre Boulez sorgten - wie zu Hartmanns Zeiten - für ausverkaufte Konzertsäle.

Studiokonzerte

Der dritte Konzerttyp der "musica viva", die Studiokonzerte, wurden von Josef Anton Riedl konzipiert und organisiert. Der Münchner Komponist erlebte die "musica viva" persönlich von den frühen 50er Jahren an. Als Mitbegründer und Leiter eines Studios für elektronische Musik beriet er Hartmann in Fragen elektroakustischer Realisation und stellte Personal und Geräte dafür ein. Die Studiokonzerte, die oft grenzüberschreitend beziehungsweise experimentell ausgerichtet waren, zogen vor allem auch das jüngere Publikum in ihren Bann.

Und wieder dokumentiert das äußere Erscheinungsbild der "musica viva" den Wandel ihres Geistes. Plakate und Programmhefte werden von Günter Karl Bose, Professor für Typografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, entworfen. Nicht nur begeisterte Konzertbesucher fühlen sich durch die graphische Gesamtkonzeption angesprochen; mehrere Plakate erhielten bereits Auszeichnungen.

2011 - Beginn einer neuen Ära unter Winrich Hopp

Mit Abschluss der Spielzeit 2010/11 endete die "Ära Zimmermann" und Dr. Winrich Hopp übernahm die Künstlerische Leitung der musica viva. Er ist der Konzertreihe schon seit vielen Jahren verbunden und war von 1997 bis 2002 mit der künstlerischen Produktion und Dramaturgie der musica viva beauftragt. Nun zeichnet er für das Programm verantwortlich.