BR-KLASSIK

Biografie Tristan Murail

Stand: 26.10.2011
Tristan Murail | Bild: Astrid Ackermann

Der 1947 in Le Havre geborene Tristan Murail ist ein spektralistischer Komponist der ersten Stunde. Nachdem er zunächst Arabisch und Wirtschaftswissenschaften studiert hatte, wurde er 1967 in die Kompositionsklasse von Olivier Messiaen am Pariser Conservatoire aufgenommen. 1971 erhielt er den Rompreis und traf dort auf Giacinto Scelsi. Wieder in Paris, gründete er 1973 zusammen mit Gérard Grisey das Ensemble l'Itinéraire und erarbeitete die theoretischen und technischen Grundlagen für die sogenannte Spektralmusik. Dabei wird ein Ton gemäß seiner physikalischen Eigenschaften untersucht und in Klangspektren zerlegt – diese wiederum dienen als Ausgangsmaterial für neuartige Kompositionen. Murail: „Ich mache Musik, indem ich mit der musikalischen Materie verfahre wie ein Bildhauer, der eine versteckte Form aus einem Steinblock heraus arbeitet; das steht im Gegensatz zum Zusammenfügen von bereits bestehenden Bausteinen, wie es in der traditionellen Arbeitsweise und im Kontrapunkt der Fall ist.“ Einen frühen Höhepunkt erreichte Murails Schaffen mit dem farbenprächtigen Orchesterstück „Gondwana“ (1980). Die Entwicklung der Computertechnik kam seiner Arbeitsweise und Musikästhetik sehr entgegen und seit 1980 diente ihm der Computer dazu, akustische Phänomene noch genauer zu erforschen. Wichtigste Adresse hierfür war und ist das 1977 von Pierre Boulez gegründete IRCAM, das Institut de Recherche et Coordination Acoustique/Musique in Paris. In „Désintégrations“ (1982-83) benutzte er zum ersten Mal Instrumentalklänge und synthetische Klänge gleichzeitig. Die weiteren Arbeiten zeugen von einer zunehmenden Komplexität und Unvorhersehbarkeit („Serendib“,1992) wie auch von einem freieren Umgang mit dem Ausgangsmaterial, welches auch konkrete Klänge wie Wasserrauschen („Partage des eaux“, 1995) oder mongolischer Obertongesang („L’esprit des dunes“, 1994) sein können. Sein abendfüllendes Werk, „Les Sept Paroles“ (2009) für Chor, Orchester und Elektronik vereint neueste Möglichkeiten der Herstellung von Samples mit filigranem Einsatz der Chor- und Instrumentalstimmen und wurde im April 2010 sehr erfolgreich in Amsterdam uraufgeführt. Tristan Murail lehrte von 1991 bis 1997 Komposition am IRCAM, war von 1997 bis 2011 Professor für Komposition an der Columbia University in New York,und ist seit 2012 Professor für Komposition am Mozarteum in Salzburg.