Das Rundfunkorchester wird 60 "Wir sind permanente Grenzgänger"
Die Spielzeit 2011/2012 stand für das "erstaunlichste Orchester Münchens" ganz im Zeichen seines Jubiläums. Gegründet am 1. April 1952, hat das Münchner Rundfunkorchester nun sein 60-jähriges Bestehen gefeiert - und versinnbildlicht nicht nur ein eindrucksvolles Kapitel Rundfunkgeschichte, sondern auch ein Stück lebendige Konzertkultur in München und Bayern.
Ursprünglich wurde das Münchner Rundfunkorchester ins Leben gerufen, um das Bedürfnis nach gehobener Unterhaltungsmusik und leichteren Genres wie beispielsweise die Operette abzudecken.
In den sechs Jahrzehnten seines Bestehens entwickelte sich unter insgesamt acht renommierten Dirigenten ein Orchester mit einer enormen künstlerischen Bandbreite. Konzertante Opernaufführungen im Rahmen der traditionsreichen Sonntagskonzerte und die Reihe "Paradisi gloria" mit geistlicher Musik des 20./21. Jahrhunderts gehören ebenso zu seinen Aufgaben wie Kinder- und Jugendkonzerte inklusive pädagogischem Begleitprogramm, unterhaltsam moderierte Themenabende oder die Aufführung von Filmmusik.
"Wir sind permanente Grenzgänger", betont Ulf Schirmer, der seit 2006 Künstlerischer Leiter des Münchner Rundfunkorchesters ist. Neue inhaltliche Akzente setzte er zum Beispiel mit einem Lehár-Zyklus, mit der Uraufführung von Auftragswerken in der Reihe "Paradisi gloria" und durch die Zusammenarbeit mit der Bayerischen Theaterakademie August Everding und die Gründung der ORFF-Akademie des Münchner Rundfunkorchesters.
Musik für alle - eine kleine Orchestergeschichte
Die 1950er
"Im Zauber schöner Melodien"
Es geht wieder aufwärts. Viele träumen von einem neuen Radio: in edlem Furnier, mit "Magischem Auge" und sattem Klang. Und nicht jeder Musikhörer ist zufrieden mit Theodor im Fußballtor und den Caprifischern. Gefragt ist "Gehobene Unterhaltungsmusik". Mit der Gründung des Münchner Rundfunkorchesters gibt ihr der Bayerische Rundfunk eine Stimme. Am 26. Oktober 1952 erklingt das erste der legendären "Sonntagskonzerte" im Deutschen Museum. Zuhause glühen die Röhren, und man hört ebenfalls zu, meist noch am billigen Nachkriegsradio "Heinzelmann". Auf dem Programm steht Musik von Kálmán, Lehár, Millöcker: "Meister der heiteren Muse" eben. Ein solcher ist aber auch Chefdirigent Werner Schmidt-Boelcke. Der Spezialist für Operette und Filmmusik gibt die Richtung vor, und so vergehen die 50er "Im Zauber schöner Melodien". Im Studio allerdings wird hart gearbeitet, am laufenden Band-Kilometer müssen die leeren Archive gefüllt werden. Vor allem die Operetten-Einspielungen setzen Maßstäbe – das Rundfunkorchester macht von Beginn an ernst mit der heiteren Muse.
Die 1960er
Lust auf schwere Kost
Das Dampfradio war gestern. Im Wohnzimmer prangt die Phonotruhe, vielleicht schon eine schnittige "Hifi-Anlage". Transistor und Stereofonie lauten die neuen Zauberworte. Den radiophonen Horizont beim Rundfunkorchester erweitern "Internationale Festivals der Leichten Musik". Noch immer verzaubern Operettenstars wie Sari Barabas und Rudolf Schock die Hörer, aber es regt sich auch eine neue Lust auf "Schweres". Ausgerechnet das Erste Klavierkonzert von Liszt läutet die 60er der Geschichte des Orchesters ein, und am Ende des Jahrzehnts wird das Rundfunkorchester mit der "Alpensinfonie" von Richard Strauss einen Gipfel des symphonischen Repertoires erklimmen. Werner Schmidt-Boelcke zieht sich nun langsam zurück, ans Pult tritt häufig Kurt Eichhorn, ab 1967 als neuer Chefdirigent. Er liebt Mozart, Verdi, Wagner und Strauss, und er formt das Rundfunkorchester zu einem echten Opernorchester. Die Sonntagskonzerte werden etwas weniger heiter, dafür aber spannender. Eichhorns Plattenaufnahmen, darunter ein bis heute herausragender Orff-Zyklus, sind Juwelen in Papis Phonotruhe.
Die 1970er
Auf Entdeckungsreise
Über die sogenannte "Kompaktanlage" hört nun jeder Stereo. Billiges Plastik unter Plexiglas: eigentlich ganz fürchterlich. Doch das Rundfunkorchester verbindet weiterhin Popularität mit Qualität. Die bereits 1967 von Kurt Eichhorn ins Leben gerufenen "Münchner Funkkonzerte" erweisen sich als dauerhaftes Erfolgsmodell. Hier findet all die großartige Orchestermusik ihren Platz, die im Symphoniekonzert kaum zu hören ist, etwa Brahms' "Ungarische Tänze". Und sie sind eine Fundgrube für entdeckungslustige Hörer, voller Raritäten wie Max von Schillings "Hexenlied" oder Wilfried Hillers "Sport und Musik". Heinz Wallberg, Chefdirigent ab 1975, integriert zunehmend neuere Musik und begibt sich auch im Opernrepertoire auf die Suche nach Ausgefallenem. Im Aufnahmestudio tut sich einiges: Neben den beliebten Sängerporträts entstehen zahlreiche Gesamtaufnahmen von Opern und Operetten. Damit rückt das Münchner Rundfunkorchester auf dem Plattenmarkt ganz nach vorne. Künstlerisch und klanglich sind es großartige Produktionen - viel zu schade für die Kompaktanlage. Zum Glück sind manche wieder als CD erhältlich.
Die 1980er
Zwei große Italiener
Im Wohnzimmer erhebt sich der "Hifi-Turm". Je höher, desto besser. Am besten mit CD-Spieler, der anfangs jedoch noch ziemlich kostspielig ist. Beim Rundfunkorchester erfolgt der Sprung ins digitale Zeitalter unter Lamberto Gardelli (1982–1985). In den 1940ern noch Assistent des legendären Tullio Serafin, hat er die italienische Oper, vor allem Verdi, geradezu im Blut. Viele CDs mit diesem Repertoire spielt Gardelli ein. In die bislang bunten Sonntagskonzerte bringt er eine straffere Linie. Aber wie schon in der "Ära Wunderlich" zieren die Programme nach wie vor die klangvollsten Namen der Opernwelt. Etwa Lucia Popp, Matti Salminen, Agnes Baltsa, Margaret Price, Mirella Freni, Waltraud Meier und Edita Gruberova, die bald regelmäßig zu Gast sein wird. Die Funkkonzerte werden langsam zum Auslaufmodell, ab 1985 werden sie durch die Promenadenkonzerte ersetzt, die trotz ihres Titels keineswegs in den musikalischen Kurgarten führen. Tragisch enden die 80er: Der von glühender Hingabe beseelte Italiener Giuseppe Patané erliegt nach nur einem Jahr als Chefdirigent, im Mai 1989, einem im Münchner Nationaltheater erlittenen Herzanfall.
Die 1990er
Zwischen den Welten
In der Stereo-Anlage glühen wieder die Röhren. Hifi-Kenner lieben die nostalgische Note und den warmen, seidigen Klang. Das Münchner Rundfunkorchester hat freilich nie anders geklungen. Mit Roberto Abbado steht nun ein Chefdirigent der jüngeren Generation am Pult (1992–1998). Zukunftsweisend rücken vermehrt komplette Opern auf den Spielplan. Abbado erforscht aber auch gern die Randzonen der Symphonik. Die Promenadenkonzerte werden anspruchsvoller. Und thematischer: Man besteigt den "Orient Express", begibt sich in eine "Märchenwelt" oder macht einfach mal "Ramba Samba". Man verlässt die angestammten Konzertsäle, es geht mit Pavarotti in die Olympiahalle oder auf Tournee durch Südamerika. Und man wagt den Aufbruch zu neuen Hörabenteuern: Abdullah Ibrahim sucht die symphonische Begegnung mit Südafrika, Lalo Schifrin vereint Jazz und Symphonik, Dee Dee Bridgewater singt auf den Spuren der Jazz-Divas. 1997 dirigiert und improvisiert erstmals Bobby McFerrin mit seinem "favourite orchestra". Es beginnt, was er "eine ziemlich spirituelle Art der Zusammenarbeit" nennt.
Die 2000er
Münchens erstaunlichstes Orchester
Die digitale Revolution macht's möglich: Über DAB gelangen endlich auch leise Töne ungestört ins heimische Radio, über Livestream ist das gute alte Sonntagskonzert noch in Grön- und Feuerland zu hören. Mit neuem Kurs startet das Münchner Rundfunkorchester ins dritte Jahrtausend - und erobert letztlich die ganze Welt der Musik. Mit seiner Konzertreihe Paradisi gloria erschließt Marcello Viotti, Chefdirigent von 1998 bis 2004, die geistliche Musik des 20. Jahrhunderts. Die seit 1989 betriebene Kinder- und Jugendarbeit wird, bundesweit vorbildlich, systematisch ausgebaut. Spannende Themenabende unter dem Motto Mittwochs um halb acht unterhalten in bislang ungehörter Vielfalt. Reichlich Prominenz lässt sich sehen: Hans-Dietrich Genscher lädt nach Osteuropa, Donna Leon ins barocke Venedig, Konstantin Wecker verzaubert Kinder und Jugendliche, Roger Willemsen moderiert charmant und kompetent Filmmusik-Konzerte. Die cineastischen Aktivitäten sorgen überhaupt für Aufsehen: Man spielt live zur flackernden Leinwand sowie unter der Stabführung von Altmeister Ennio Morricone, der 2004 erstmals in Deutschland dirigiert. Ulf Schirmer (Künstlerischer Leiter seit 2006) setzt wiederum neue Akzente. Zum Beispiel mit einem Lehár-Zyklus, dem er erstaunlich viel mehr als nur schöne Melodien entlockt.
Regelmäßig tritt das Münchner Rundfunkorchester nicht nur in der bayerischen Landeshauptstadt, sondern auch bei Gastkonzerten in Erscheinung. Und dank seiner zahlreichen CD-Produktionen ist es kontinuierlich auf dem Tonträgermarkt präsent. Zuletzt öffnete es etwa mit der Serie "Great Singers live" (BR-KLASSIK) seine Archive. Zu hören sind hier Konzertmitschnitte unter anderem mit Margaret Price, Lucia Popp und Hermann Prey. Auch heute arbeitet das Münchner Rundfunkorchester mit bekannten Künstlern zusammen: mit Edita Gruberova oder Shooting-Star Olga Peretyatko ebenso wie mit der Cellistin Sol Gabetta oder Vokalakrobat Bobby McFerrin.
Stimmen berühmter Gaststars
Konstantin Wecker
"Wenn ich das mal so unbescheiden sagen darf, dann ist das Münchner Rundfunkorchester seit langer Zeit mein geliebtes Hausorchester! Ich habe mit diesem wunderbar musikantischen und für alles offenen Orchester viele gemeinsame Konzerte erleben dürfen und war immer wieder begeistert von der Frische, der Spielfreude und der respektvollen Herzlichkeit dieser großartigen Musikerinnen und Musiker. Ob im Studio oder live, ob für Kinder oder Erwachsene, ob Musical oder Filmmusik oder auch höchst politische Lieder - ich hoffe sehr, wir können noch viele gemeinsame Ideen und Projekte miteinander ins Leben setzen."
Sol Gabetta
"Es war das Münchner Rundfunkorchester, mit dem ich meine allererste CD aufgenommen habe. Ich erinnere mich gut an die unkomplizierte Art der Musiker - immer bereit, neue Perspektiven in der Musik zu suchen. Für die Zukunft wünsche ich dem Orchester allezeit neue inspirierende Projekte und nicht enden wollenden musikalischen Reichtum!"
Bobby McFerrin
"My favourite orchestra."
Roger Willemsen
"Ein herrlicher Klangkörper, vielseitig, reich an Temperamenten und Farben. Unsere Zusammenarbeit ist ein einziges, ungetrübtes Vergnügen. So viel Frische bei so viel Tradition - gratuliere, München, du hast es gut."
Vesselina Kasarova
"Mit dem Münchner Rundfunkorchester verbindet mich die große Freude am Musizieren, an der Musik! Wie viele CDs durfte ich mit ihm aufnehmen, wie viele Konzerte haben wir gemeinsam aufgeführt! Die Zusammenarbeit mit diesem Orchester ist ein wichtiger und wunderbarer Teil meiner Karriere. Dem Münchner Rundfunkorchester wünsche ich eine glückliche Zukunft, in welcher es seinem Charakter treu bleiben darf!"
Gerd Albrecht
"Herzlichen Glückwunsch zu 60 Jahren, aber vor allem Glückwünsche zu der Flexibilität und der musikalischen Intelligenz, mit denen das Münchner Rundfunkorchester spielt. Jede Probe und, was noch mehr bedeutet, jedes Konzert bringt Freude."

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