BR-KLASSIK

Lea Singer "Verdis letzte Versuchung"

Giuseppe Verdi und seine Frau Giuseppina galten als ein glückliches Ehepaar - bis Verdi die Sopranistin Teresa Stolz kennenlernte. Giuseppina musste erdulden, dass die junge Diva immer wichtiger wurde für ihren Mann. Diese tragische Dreiecksbeziehung steht im Zentrum des Romans von Lea Singer "Verdis letzte Versuchung".

Von: Jürgen Seeger Stand: 18.12.2012

"Ich weiß gar nicht, wie ich mich für Ihre liebenswürdige Einladung bedanken soll, einige Tage bei Ihnen auf dem Lande zu verbringen", schrieb die gefeierte Primadonna Teresa Stolz im Herbst 1871 an Giuseppe Verdi. Der Maestro war damals Ende 50, seit zwölf Jahren mit der ehemaligen Primadonna Giuseppina Verdi, geborene Strepponi, verheiratet, und hatte sich in die 20 Jahre jüngere Teresa verguckt. Eine Affäre, die zwei Jahre zuvor bei Proben zur "Macht des Schicksals" begonnen hatte. Und nun holte Verdi Teresa persönlich von der Bahnstation ab. Teresa war glücklich. Giuseppina jedoch, die längst im Bilde war, versuchte auf ihre Weise, mit der für sie unerträglichen Situation zurecht zu kommen.

Die leidende Ehefrau

Giuseppe Verdi

Ihrem Tagebuch vertraute Giuseppina an: "Vielleicht der traurigste Augenblick meines Lebens. Signora Stolz kam heute an. Immer noch sehr schön. Dunkel, Dunkel, Dunkel vor mir...". Nach außen hin aber gab sich Giuseppina gefasst und versuchte, sich nichts von der Demütigung anmerken zu lassen, die sie durchlebte. Sie setzte alles daran, Verdi nicht zu verlieren, versuchte, ihre Eifersucht zu verstecken oder zu verschleiern, was ihr nicht immer gelang. "Es ist lächerlich, dass Peppina jetzt auf einmal gegen die Stolz eifert. Mir tut sie einfach gut. Sie bringt Vitalität mit und beste Laune."

Die Dreiecksbeziehung

Giuseppina hatte sich nach dem Ende ihrer Karriere ausschließlich Giuseppe gewidmet. Das Paar Peppe und Peppina schien unzertrennlich. Und so sollte es nach Giuseppinas Willen auch bleiben. Der offene Kampf jedoch wäre zu riskant gewesen. Giuseppina entschied sich für Diplomatie - bis an die Grenzen der Selbstverleugnung. Man fuhr sogar zu dritt in den Urlaub. Fast sieben Jahre ging das so. Für Giuseppina eine Zeit voller Schmerz, Trauer und Verzweiflung.

"Denk manchmal daran, dass ich, deine Frau...ein Recht, wenn nicht auf deine Zärtlichkeit, so doch zumindest auf deine Achtung habe, vertraute Giuseppina Verdi 1876 - da ging die Dreiecksbeziehung schon ins fünfte Jahr - ihrem Tagebuch an. Zur offenen Feldschlacht ist es nie gekommen. Alle Beteiligten waren interessiert dran,  die Bombe nicht zum Platz zu bringen, den Skandal zu vermeiden und eine Art von Balance in der Dreierdynamik zu halten.

Drei Menschen, drei Lebensgeschichten, drei Wahrheiten

Lea Singer wendet einen ebenso einfachen wie genialen Kunstgriff an, um ihre Leser in das Spannungsfeld der Protagonisten hineinzuziehen. Jedes Kapitel ist unterteilt in drei Abschnitte. Nacheinander schildern Giuseppina, Giuseppe und Teresa jeweils ihre Geschichte, ihre Sicht auf die Ereignisse, ihre Gefühle, Sehnsüchte, Ängste, Verletzungen, Hoffnungen - schonungslos, ehrlich, und getragen von einer Liebe, die trotz allem groß genug gewesen sein muss für drei. Der Leser wird zur Vertrauensperson, der alle Drei ihr Herz ausschütten. Schnell wird er hineingezogen in die spannungsreiche Dynamik.

Lea Singers Roman

Lea Singers Text ist hervorragend recherchiert, angereichert mit wörtlichen Zitaten aus Briefen und Tagebuchaufzeichnungen oder Kalendereinträgen, und fesselnd geschrieben. Das Buch umfasst die Zeit von 1868 bis 1879. Das sind nicht nur die Jahre der Beziehungsturbulenzen, in diese Zeit fallen auch Verdis Begegnung mit dem Dichter Alessandro Manzoni, Rossinis Tod, die Komposition der "Aida" und die Entstehung der "Messa da Requiem" in memoriam Manzoni. An all dem nimmt der Leser ebenso teil wie an dem Beziehungsdrama.

Das Stärkste aber an Lea Singers Text ist die erzählerische Kraft, mit der sie - voller Tiefsinn und Empathie - die Gedanken und Gefühle ihrer Protagonisten auf den Punkt bringt. Ein faszinierender literarischer Beitrag zum kommenden Verdi-Jahr.

Buchinfo

Lea Singer
"Verdis letzte Versuchung"

Gebundenes Buch, Pappband mit Schutzumschlag, 272 Seiten
Preis: 19,99 €
Verlag: Edition Elke Heidenreich


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