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Rimski-Korsakow in Amsterdam "Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch"

15 Opern hat Nikolaj Rimski-Korsakow geschrieben, außerhalb Russlands sind sie nur selten zu sehen. Die Niederländische Oper in Amsterdam zeigt nun das viereinhalb Stunden lange Werk "Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch und des Mädchens Fevronja" mit einer weitgehend russischen Sängerbesetzung.

Autor: Stefan Keim Stand: 09.02.2012

Das Orchester zeichnet eine farbenreiche Idylle mit angedeuteten Abgründen. Nikolaj Rimski-Korsakow ist ein Meister der Instrumentierung und schafft gleich zu Beginn eine dichte Atmosphäre. Dirigent Marc Albrecht beginnt am Pult der Niederländischen Philharmoniker die Oper fein und vielschichtig. Auch später meidet er konsequent die sonst oft bei russischen Opern nahe liegende Schwülstigkeit. Geschmeidig passt er sich den Sängern an und lässt die Partitur leuchten.

Russischer Märchenstoff

Die Bühne zeigt Bäume und Gräser, die im Winde wehen, wie ein naturalistisches Gemälde. Fevronja, eine junge Frau, hat sich von der Welt zurück gezogen. In der Wildnis findet sie die Energie, um ihr Lebensziel zu verwirklichen. Sie will allen helfen, die in Not sind.

Die russische Sopranistin Svetlana Ignatovich singt die idealistische junge Frau  mit warmem Glühen in der voluminösen Stimme. Fevronja hat sich eine Reinheit des Herzens bewahrt, wie man sie nur im Märchen findet. Sie trifft einen Prinzen, verliebt sich in ihn, folgt ihm in die Stadt, die beiden wollen heiraten.

Dimitrij Tscherniakovs Vision

Der Regisseur und Bühnenbildner Dimitrij Tscherniakov belässt Rimski-Korsakows Oper nicht in der überzeitlichen Sphäre des Phantastischen. Wenn die Handlung in die Stadt wechselt, zeigt der Russe Bilder unserer Gegenwart. Erst geht es in die Vorstadt von Kitesch, einen  Betonmoloch, in dem es sich die Bewohner auf niedrigem Niveau gemütlich gemacht haben. Sie werden angegriffen, von Tataren, wie es im Libretto heißt.

Doch die einfallenden Horden sehen eher aus wie ein heutiges Lumpenproletariat. Die Hoffnungslosen erheben sich gegen die Kleinbürger, die komplett Verarmten metzeln diejenigen nieder, die noch etwas haben. Reiche gibt es in Tscherniakows Inszenierung nicht. Die innere Stadt Kitesch ist ein herunter gekommenes Lazarett. Der Putz bröckelt von den Wänden, die Bühne ist mit Feldbetten voll gestopft. Die Utopie einer Heimat für die Rechtschaffenen und Gläubigen versinkt im Alltag eines Flüchtlingslagers. Geleitet wird es von Fürst Jurij - gesungen von Vladimir Vaneev - mit warmem Bass und tröstenden Worten.

Der Mythos Kitesch

Dann stürmen die Tataren in die Stadt. Nach  Legende und Libretto müsste Kitesch nun unsichtbar werden, weil die reine Jungfrau Fevronja Gott darum bittet. Und die Tataren müssten die Spiegelung der Stadt im Wasser sehen und darauf hin entsetzt fliehen.  Doch an diesem Abend bleibt Kitesch sichtbar. Dennoch flüchten die Besatzer plötzlich von der Bühne. Sie haben das Grauen gesehen. Im Hintergrund werden die Leichen der Bewohner sichtbar, der zurück gebliebenen Frauen und Kinder. Sie haben sich getötet im Vertrauen auf ein besseres Leben nach dem Tode.

Die Stadt Kitesch ist ein Mythos, sie existiert nur in den Köpfen der Gläubigen. Dimitrij Tscherniakow zeigt voller Trauer die Religion als letzte Zuflucht der Menschen in Zeiten von Krieg und Armut. Die Regie bohrt in die Tiefenschichten des Märchens, zeigt Eskapismus und Weltflucht. Andererseits bilden die  religiösen Träume die einzige Möglichkeit für die Menschen, glücklich zu sterben. Wenn sie schon im Leben keine Hoffnung finden.

Rimski-Korsakows Meisterwerk

"Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch" ist auch eine Choroper. Die melancholischen Melodien hat Chordirigent Martin Wright perfekt einstudiert. Wie überhaupt in Amsterdam auf phänomenalem Niveau gesungen wird. Das Publikum jubelte vom ersten Moment des Schlussapplauses an im Stehen. Die in allen Belangen grandiose Aufführung ist nach Amsterdam auch in Paris, Barcelona und an der Mailänder Scala zu sehen. Vielleicht trägt sie dazu bei, dass Nikolaj Rimski-Korsakow als bedeutender Opernkomponist auch außerhalb Russlands bekannter wird. Verdient hat er es.