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"Trommeln in der Nacht" Brecht revisited

Im September 1922 fand die Uraufführung statt. Sie schrieb Theatergeschichte. Auf einem Transparent stand: "Glotzt nicht so romantisch!" Im Publikum saßen angeblich Karl Valentin und Adolf Hitler. Ort der Handlung: die Münchner Kammerspiele. Dort hatte im Dezember 2017 eine Neuinszenierung Premiere. Vorhang auf für eine akustische Zeitreise von damals nach heute!

Von: Sven Ricklefs

Stand: 13.01.2018 | Archiv

Deutschland kurz nach dem Ersten Weltkrieg: das Kaiserreich ist zusammengebrochen, die Weimarer Republik gerade erst ausgerufen, der Versailler Vertrag noch nicht unterschrieben. Es ist eine Zeit des zerstörten Selbstbewusstseins und der Depression. Aber auch eine Zeit der Träume und der Revolution.

"Spartakus"

Bertolt Brecht

Unter dem Eindruck des sogenannten Spartakusaufstands in den frühen Januartagen 1919 schreibt der gerade einmal 20jährige Medizin- und Philosophiestudent Bertolt Brecht sein zweites Theaterstück und gibt ihm den Titel "Spartakus". Vor allem sein expressiver und poetischer Furor, aber wohl auch die Tatsache, dass es revolutionäre Umtriebe und ihre Auswirkungen auf das Individuum durchaus skeptisch beleuchtet, lassen den Dichter Lion Feuchtwanger auf das Werk und auf den jungen Autor aufmerksam werden.

Lion Feuchtwanger

"Bald nach Ausbruch der sogenannten deutschen Revolution, kam in meine Münchner Wohnung ein sehr junger Mensch, schmächtig, schlecht rasiert, verwahrlost in der Kleidung. Er drückte sich an den Wänden herum, sprach schwäbischen Dialekt, hatte ein Stück geschrieben, hieß Bertolt Brecht. Das Stück hieß Spartakus. Im Gegensatz zu der Mehrzahl der jungen Autoren, die, wenn sie Manuskripte überreichen, auf das blutende Herz hinzuweisen pflegen, aus dem sie ihr Werk herausgerissen hätten, betonte dieser junge Mensch, er habe sein Stück 'Spartakus' ausschließlich des Geldverdienens wegen verfasst."

(Lion Feuchtwanger)

Uraufführung von "Trommeln in der Nacht" am 29. September 1922

"Trommeln in der Nacht" - Szenenbild der Uraufführung vom 29.9.1922 in den Kammerspielen München. Regie: Otto Falckenberg.

"Trommeln in der Nacht
Einer hat Kot und Not des Krieges mitgemacht, war gefangen in Afrika, Knochen und Mark sind ihm verdorrt, wie durch ein Wunder ist er herausgekommen. Und nun ist er zurück, und sein, des Verschollenen Mädel, hat ein anderer, und von dem anderen hat sie ein Kind im Bauch, und er ist lächerlich, ein Gespenst, ganz fehl am Ort, und ohne Geld."


Das ist der Plot von "Trommeln in der Nacht, mit dem der Dichter Bertold Brecht im September 1922 erstmals das Licht der Bühnenwelt erblickt.

Regisseur Christopher Rüping startet neues "Trommelfeuer"

Fast 100 Jahre später nun setzt der Regisseur Christopher Rüping "Trommeln in der Nacht" erneut in Szene: wieder in den Münchner Kammerspielen und in Bezugnahme auf die Uraufführung, die den jungen Bertolt Brecht über Nacht berühmt machte.

Christopher Rüping

"Meine Inszenierungen haben ja immer einen sehr freien Zugriff auf Text. Und das geht bei Brecht nicht, weil man da einen sehr starken Verlag im Rücken hat. Deswegen habe ich mich immer gescheut das zu tun, aber ich trag's als Text schon ziemlich lange mit mir rum. Und dann haben wir uns durch Zufall darüber unterhalten, dass es in den Kammerspielen 1922 eine Inszenierung gab, wo Plakate im Publikum hingen, wo drauf stand: 'Glotzt nicht so romantisch!' Das ist fast so ein Theatermythos, jeder kennt das, und irgendwie ist es die Geburtsstunde des epischen Theaters oder wie man das auch immer bezeichnen soll.

Und als ich das so ein bisschen recherchiert habe, ist mir klar geworden, dass es sich dabei um die Uraufführungsinszenierung von Bertolt Brechts 'Trommeln in der Nacht' handelte, inszeniert von Otto Falkenberg - der immer noch der Namensgeber der Schauspiel- und Regieschule ist, die an die Münchner Kammerspiele angegliedert ist - mit Karl Valentin im Publikum, und mit - sagt man zumindest - Hitler im Publikum, dass das diese prägnante Inszenierung war.

Und das hat mir sozusagen plötzlich möglich gemacht, diesen komplizierten und auch widersprüchlichen und auch schwer zu fassenden Text von Brecht zu inszenieren, nämlich mit dem Gedanken im Hintergrund, wie war es vor 95 Jahren, wie hat sich die Geschichte verändert?"

(Christopher Rüping, Regisseur von 'Trommeln in der Nacht', 2017, in den Münchner Kammerspielen)

Von Zeitgeist zu Zeitgeist ...

Die Sendung "Trommeln in der Nacht – revisited" beleuchtet beide Aufführungen. In einer Art Tagebuch versucht sie einen Bogen zu spannen: von damals zu heute, von Gegenwart zu Gegenwart, von Zeitgeist zu Zeitgeist, von München zu München und: von Theater zu Theater.


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