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Syrer in München Zwei Geschichten vom Ankommen und Fremdbleiben

Integration! Das große Wort nach der "Ankunft der Vielen" im Herbst 2015. Was hat sich seither entwickelt bei den Ankömmlingen? Sind sie angekommen? Autor Burchard Dabinnus lernte einige junge Syrer kennen, die sich einen neuen Anfang in München erkämpft haben.

Von: Burchard Dabinnus

Stand: 08.10.2017 | Archiv

Wir lernen eine Gruppe junger Männer aus Syrien kennen, eine Freundesgemeinschaft in der Fremde. Alle hatten sich zu Hause schon ein Leben aufgebaut, als Musiker oder Archäologe - und jetzt versuchen sie hier im Exil, ein neues Leben zu beginnen. Seit es sie im Dezember 2015 nach München verschlagen hatte, gibt es viele Momente und verschiedene Entwicklungen zu erzählen. Zwei von ihnen haben inzwischen sogar zusammen eine eigene kleine Wohnung, die anderen beiden leben leider nach wie vor in Unterkünften.

Manchmal öffnet sich durch Zufall eine neue Tür

Jeder von ihnen kämpft mit anderen Schwierigkeiten, persönlichen Belastungen, Sprach- und Bürokratie-Hindernissen, ist hin und hergerissen: kann zu Hause nicht mehr helfen, muss sich - jetzt und hier - selbst helfen. Manchmal öffnet sich durch Zufall oder Glück plötzlich eine Tür, ergibt sich eine Chance. Oder Hoffnungen schwinden: Schon ein einfaches privates Zimmer zu finden gestaltet sich im teuren München enorm schwierig.

"Als ich in Syrien mein Master gemacht habe, wusste ich, dass es hier einen sehr guten Professor gibt in Assyriologie und ich habe versucht einen Kontakt mit ihm zu machen, weil im internationalen Office haben sie mir gesagt, der erste Schritt für die Doktoranden ist einen Professor, Doktorvater zu finden."

(Malik, Archäologe und Assyriologe)

Malik beginnt als Gasthörer an der Universität und nimmt an Seminaren teil. Zudem trifft er hier glücklicherweise eine Professorin, die auch seinen früheren Professor in Aleppo gut kannte.

Das Heimweh ist stets präsent

Malik kann offensiver vorangehen, hat sich bereits gute Sprachkenntnisse angeeignet, ist an der Universität als Gast in seinem Fach aktiv. Sein Bekannter Shadi, ein Bratschist, sucht weiter nach einer Vorstellung von einer Zukunft hier, beherrscht bisher nur ein paar deutsche Floskeln, kämpft nachts mit dem Heimweh. Er hätte durchaus Chancen als Musiker, aber kann er sein Potenzial nutzen?

"Es ist bei allen Leuten hier so, die ihre Familien in Syrien haben, vielleicht sage ich mein persönliches Gefühl als Beispiel: Ich habe immer das Gefühl, daß mein Körper in Deutschland, ja in München ist, aber mein Gefühl, mein spirit, ist immer in Aleppo."

(Malik, Archäologe und Assyriologe)

Der Musiker Shadi Hlal und Autor Burchard Dabinnus

"Malik, Shadi, Abathar, Ehab - das sind ein paar wenige von den vielen 'Unbekannten'. Ein paar, die wir inzwischen wirklich intensiv kennengelernt haben. Auch in vielen Nuancen und Besonderheiten. Ein Freundeskreis, der sich dann mit den Monaten immer noch erweitert hat und der jetzt aus meinem Privatleben gar nicht mehr wegzudenken ist. Aber es sind sehr viele kleine und größere Schritte von allen Seiten notwendig. Und Aufgeschlossenheit und Offenheit ist auch nicht immer ganz einfach, wenn man ehrlich ist.

'Refugees welcome'. Überall sieht man ja diese Aufkleber noch an Fenstern und Türen ..."

(Burchard Dabinnus, Autor)


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