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Nichts für Warmduscher Eisschwimmen im Chiemsee

In Russland oder Skandinavien ist Eisschwimmen schon lange Tradition, in Bayern ist der Extremsport noch relativ jung. Am Wochenende treten in Burghausen besonders "Unverfrorene" im Wettkampf gegeneinander an. Ein Selbstversuch vorab im Chiemsee.

Von: Petra Martin

Stand: 07.01.2016

Eisschwimmen Chiemsee | Bild: BR/Petra Martin

Der Chiemsee liegt kalt und grau vor uns, die Berge verstecken sich im Nebel und das bisschen, das man von ihnen sieht, ist mit einer leichten Schneeschicht überzogen. An Schwimmen ist für die meisten an diesem tristen und kalten Januartag nicht zu denken. Anders für Jochen Aumüller. Er ist Eisschwimmer. Für ihn sind das heute ideale Bedingungen. Obwohl: Die Wassertemperatur im Chiemsee ist mit fünf bis sechs Grad fast zu warm. Doch da geht's jetzt gleich rein, bekleidet nur mit Badehose und Kappe. Und ich darf - oder muss? - mit!

"Im Winter genieße ich die Ruhe am See, das Wasser ist klar. Es ist ein wunderbares Schwimmen. Das kalte Wasser ist der Reiz, die körperlichen Grenzen zu verschieben: Länger, schneller, weiter."

Eisschwimmer Jochen Aumüller

Gleich wird's ernst! Auf dem Steg in Bernau liegt sogar etwas Schnee.

Jochen betreibt das Eisschwimmen seit zwei Jahren nicht nur als Hobby, sondern als Sport. Im kalten Wasser kann er sogar 40 Minuten schwimmen. Unvorstellbar für mich. Es kostet mich schon große Überwindung, meine Winterjacke, die warmen Schuhe und restlichen Klamotten auszuziehen. Aber weil ich gerne schwimme, bin ich neugierig, wie es im kalten Wasser ist.

Andi aus dem Allgäu geht’s genauso. Deshalb ist er heute am Chiemsee. Im Sommer springt der 37-Jährige gern in eiskalte Seen, doch da ist es an Land warm. Wie es bei Luft-Temperaturen um den Gefrierpunkt sein wird, will er wissen. Deshalb ist er hier. Um sich vom Profi motivieren zu lassen. Entschlossen entledigt er sich seiner Winterjacke, streift die Stiefel und Socken von den Füßen, um die Jeans gegen eine rote Badehose zu tauschen. Und dann steht er auch schon mit den Füßen im Chiemsee.

Es wird ernst ...

Die ersten Schritte sind noch gar nicht schlimm. Meine Füße sind schon an Land so kalt geworden, dass ich nicht mal merke, dass das Wasser nass ist. Erst an den Oberschenkeln spüre ich die Kälte – da ist Andi schon untergetaucht. Eis-Profi Jochen rät: "Beim Reingehen nicht trödeln, aber auch nichst überstürzen. Dann langsam die Hände eintauchen, durchs Wasser streifen. Und dann untertauchen. Beim Losschwimmen ruhig bleiben - sonst verpufft die Energie und Wärme, die der Körper gespeichert hat, im Nichts."

Tadaa! Reporterin Petra Martin schwimmt im kalten Chiemsee, während Eisschwimmer Jochen das Mikrofon übernommen hat.

Als ich die Hände ins Wasser tauche, fühlt es sich wie flüssiges Eis an. Es ist einfach unfassbar kalt. Meine Füße spüre ich kaum noch, ich bin zu lange rumgestanden. Aber es gibt kein Zurück: Ich tauche unter und mache ein paar Schwimmzüge. Mehr schaffe ich nicht. Es ist einfach wahnsinnig kalt und das kalte Wasser fühlt sich auf meiner Haut an wie Nadelstiche. Am liebsten würde ich mich hinstellen und rausgehen, doch Jochen rät mir, unter Wasser zu bleiben: "Die Luft würde dich jetzt, weil du nass bist, auskühlen. Schwimm einfach die paar Züge zurück zum Ufer."

Land in Sicht!

Schnell zurück an Land! Jochen wird gleich noch schwimmen, wenn das Mikrofon im Trockenen ist.

Es sind zwar nur ein paar Meter, aber ich bin heilfroh, wieder an Land zu sein. Mit zittrigen Fingern schlüpfe ich in meine Fleece-Jacke. Während wir uns vorsichtig abtrocknen und anziehen, schwimmt Jochen noch ein bisschen. Spaziergänger mit Wollmützen, Schal und Wintermantel beobachten die Szene fassungslos. "Meine Finger sind schon eingefroren, als ich ein paar Fotos gemacht habe. Wie er da ins kalte Wasser gehen kann, ist mir unbegreiflich."

Ganze acht Minuten ist Jochen noch geschwommen. Und zwar mit Kopf unter Wasser, denn er ist gekrault. "Mir geht's gut. Zwar bissl kalt, aber gut", lautet sein Resümee. Ich zittere wie Espenlaub, obwohl ich wieder meine Winterklamotten anhabe. "Das Zittern ist gut. Da holt sich der Körper die Wärme zurück. Das kommt bei mir auch gleich", weiß Jochen aus eigener Erfahrung.

Ganze acht Minuten ist Jochen geschwommen. Reporterin Petra Martin zittert noch immer - trotz Mütze und Winterjacke.

Gegen das Zittern komme ich nicht an. Mein Körper wird regelrecht durchgeschüttelt. Wichtig ist jetzt: Langsam aufwärmen, um den Körper nicht zu schocken. Und nach etwa zehn Minuten hört auch das Zittern langsam auf. Ich spüre auch meine Finger wieder und auch in die Füße kehrt Leben zurück: von taub bis kalt und schließlich heiß. Andi bringt es auf den Punkt:

"Das war ein super Erlebnis! Für die paar Meter im Wasser ging's sogar erstaunlich gut, aber so lange wie Jochen kann ich (noch) nicht im Wasser bleiben."

Andi, Eisschwimm-Tester

Wettkampf

Am Wochenende (8. bis 10. Janaur 2016) wird’s für Jochen Aumüller ernst. Da finden in Burghausen die German Open im Eisschwimmen statt. Hier will er sich mit den besten Eisschwimmern der Welt unter anderem auf der 1000-Meter-Strecke messen. Der Weltrekord liegt bei 12 Minuten. Im Wöhrsee, der etwa drei bis vier Grad haben wird. Zuschauer sind herzlich willkommen!

Vorsichtsmaßnahmen und Tipps für Nachahmer

  • Eisschwimmen ist ein Extremsport, der nicht ganz ungefährlich ist. Deshalb niemals allein zum See, sondern immer mit Begleitung.
  • Mit der umgeschnallten orangenen Rettungsboje kann man die Schwimmer nicht nur  besser sehen, man könnte sich im Fall des Falles auch daran festhalten.
  • Mentale Vorbereitung. Den Körper auf die Extrembelastung vorbereiten.
  • Nicht zu viel von sich selbst verlangen. Langsam anfangen. Vielleicht erst einmal untertauchen. Dann eine Minute schwimmen. Behutsam steigern.
  • Auf die innere Stimme hören. Es gibt Tage, an denen es einfach nicht geht.
  • Kleidung und Handtuch bereit legen, so dass es nach dem Schwimmen schnell geht. Keine Kleidung mit Haken, Knöpfen oder Reißverschluss. Auch keine Schuhe zum Binden. Die Finger haben kein Gefühl für so filigrane Aufgaben!
  • Langsam und behutsam aufwärmen. Auf keinen Fall heiß duschen!

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