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"Klein, aber oho!" Junge und kleine Verlage aus der Region

Im Mittelalter war Nürnberg eine der bedeutendsten Drucker- und Verlegerstädte Deutschlands. Wie sieht es heute aus? Die Ausstellung "Klein, aber oho!" der Altstadtfreunde stellt aktuelle Kleinverlage in und um Nürnberg vor.

Von: Tilla Schnickmann

Stand: 19.07.2017

Museum |22|20|18| Kühnertsgasse in Nürnberg | Bild: Uwe Kabelitz

Mittelalterliche Räume, knarzige Dielen, Butzenscheiben und mittendrin Gegenwartsliteratur. Inge Lauterbach ist Leiterin des Museums in der Kühnertsgasse in der Nürnberger Altstadt.

"Das Museum |22|20|18| Kühnertsgasse, das sind drei alte Handwerkerhäuser, die restauriert worden sind und einmal das Leben und Arbeiten der Handwerker in früheren Jahrhunderten zeigen. Daneben gibt es Sonderausstellungsräume, in denen verschiedenen Ausstellungen laufen."

Inge Lauterbach, Leiterin Museum |22|20|18| Kühnertsgasse

Im letzten Jahr organisierte sie Inge Lauterbach die Ausstellung "Vom Papier zum Buch" und wies auf die große Tradition der Nürnberger Drucker und Verleger in den früheren Jahrhunderten hin. Nun zeigt das Museum |22|20|18| Kühnertsgasse, was sich aktuell in Nürnberg in der Verlagslandschaft rührt. 19 regionale Klein- und Kleinstverlage präsentieren ihre Werke in den vielen kleinen Zimmern und passen erst mal gar nicht zum musealen Inventar.

"Hier gibt es kein Bücherregal. Die Leute konnten sich früher keine Bücher leisten. Und wir haben versucht, den Zustand herzustellen, der früher einmal war. Bücher waren ausgesprochenen Luxusartikel."

Inge Lauterbach, Leiterin Museum |22|20|18| Kühnertsgasse

Heute sind Bücher keine Luxusgegenstände, doch handelt es sich bei den gezeigten dennoch oft um kleine Preziosen. Viele bestechen durch die bibliophile und originelle Aufmachung, andere über ihren ungewöhnlichen Inhalt. Spürbar ist bei allen die individuelle Handschrift ihrer Verleger. Im Begleitprogramm der Ausstellung stellen diese Ihre Bücher oder Ihren Verlag in kostenlosen Lesungen vor.

Breite Spektrum

"Ich bin Christian Fritsche und ich leite die edition promenade, einen ganz kleinen Verlag, der sich erst vor drei, vier Jahren gegründet hat. Es war mein Wunsch, Dinge zu produzieren, die im wirtschaftlichen Sinne sich in einem normalen Verlag nicht rechnen würden. Meine Idee war es, mit schönen Büchern, mit einfachen Mitteln wohl gestaltete, besondere Projekte zu machen."

Christian Fritsche, Verleger   

Das Spektrum der Verlage ist weit: Die edition promenade widmet sich Lyrik, Kunst und hat sich deutsch-französische Zweisprachigkeit zur Herzenssache gemacht. Nur ein Zimmer weiter findet man den Verlag Erlesene Bücher des Papierkünstlers Johannes Volkmann. Bei ihm ist jedes Buch ein handgemachtes Unikat – fast ohne Worte, dafür mit Pop-up-Bildern und Papierkunst.

Ganz anders der Schwerpunkt von testimon und Antogo, die sich im Museum das barocke Schlafzimmer teilen. Ihr Schwerpunkt ist inhaltlicher Art: Nachkriegsbetrachtungen und Zeitzeugenberichten bestimmen das ambitionierte Programm.

"Blut, Schweiß und Tränen"

Und natürlich fehlt auch der treibende Motor für fränkische Literatur nicht: ars vivendi. Wobei er fast schon zu groß ist für das Ausstellungskonzept. Einen ganz anderen Aspekt zeigt die edition Escher, die sich auf Musikliteratur spezialisiert, also auf das Notensetzen.

Allen Verlagen ist gemein, dass sie konzernunabhängig und von enthusiastischen Verlegern geführt werden, die für ihre Ideen Wagnisse eingehen und, wie es Christian Fritsche nennt, bewusst Blut, Schweiß und Tränen einbringen.

"Ich mag keinen Mainstream. Ich mag das Besondere. Und ich meine, es gibt immer die nötige Anzahl von Interessenten, die das zu schätzen wissen. Es bleibt ein Blood, Sweat and Tears-Projekt, das sich aber zumindest trägt. Man muss eben von was anderem leben und das aus Begeisterung machen."

Christian Fritsche, Verleger

Der jüngste Verlag: Homunculus aus Erlangen

Der Erlanger homunculus Verlag ist mit seiner Gründung im Jahr 2015 der jüngste Verlag. Seine Präsentation zeigt etwa den ersten Wenderoman: Zwei Romane in einem Buch – zwischendurch dreht man das Buch um und schlägt das Buch wieder von vorne auf. Die vier jungen Verleger, alle ehemalige Studenten der Buchwissenschaften an der Universität Erlangen-Nürnberg, starten mit viel Enthusiasmus, Fachwissen und Professionalität ihr junges Programm.

"Es ist kein exzentrisches Hobby, wir wollen schon, dass es sich trägt und uns mit. In welchem Maße das in den nächsten Jahren passieren wird, können wir natürlich noch nicht absehen."

Josef Reinthaler, homunculus Verlag

"Wir sind der Meinung, auch wenn man klein ist, dass man sich breit aufstellen kann: von Klassikern bis zu aktueller Literatur. Wir wollen eine Breite, die unterhält, schön aussieht und einen gewissen Anspruch hat."

Laura Jacobi, homunculus Verlag

Als einziger Verlag widmet sich homunculus auch dem modernen e-book. Dennoch gilt ihre Liebe, wie bei allen anderen Verlegern, immer noch dem traditionellen, guten Buch. Für Ausstellungsleiterin Inge Lauterbach ist der physische Aspekt wichtig.  

"Ich muss ein Buch auch anfassen können. Deswegen habe ich auch alle Verleger gefragt, ob ich die Bücher offen auslegen darf. Und bis auf wenige haben alle zugesagt. Man muss das haptische Erlebnis haben."

Inge Lauterbach, Leiterin Museum |22|20|18| Kühnertsgasse

Bücher zum Anfassen

So liegen die Bücher im Museum für jeden zum Anfassen und Blättern bereit. Aufgestellte Lesestühle und der bislang eher ruhige Besucherstrom lassen ein genüssliches Schmökern in ungewöhnlichem Ambiente zu. Der Titel "Klein, aber oho!" trifft damit auf die Ausstellung wie auf die Verlage gleichermaßen zu. Was bleibt, ist die wunderbare Lust am Buch.

Infos zur Ausstellung

Die Ausstellung "Klein, aber oho! ist noch bis zum 3. September 2017 im Museum |22|20|18| Kühnertsgasse in Nürnberg zu sehen. Geöffnet hat das Museum immer mittwochs, samstags und sonntags von 14. bis 17 Uhr. Jeden Mittwoch und Samstag um 17:30 Uhr gibt es ein Begleitprogramm: Dann lesen Autoren aus ihren Büchern, oder Verlage stellen sich den Besuchern vor.


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