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Finden ohne zu suchen Die vergessenen Halbschätze Frankens

Der Autoschlüssel, das Handy oder der richtige Partner für ein ganzes Leben: Wir verbringen viel Zeit damit, etwas zu suchen, ohne es zu finden. Was machen wir aber mit Dingen, die wir finden, ohne sie überhaupt gesucht zu haben?

Von: Matthias Rüd

Stand: 11.10.2017 | Archiv

Im Judentum dürfen Schriften, die den Namen Gottes enthalten, nicht weggeworfen werden. Sie wurden und werden deshalb, egal ob wichtig oder nicht, in einer sogenannten Genisa, einem abgeschlossenen Ort aufbewahrt. Überall in Franken tauchten solche Depots in den vergangenen Jahren auf – teilweise an den abwegigsten Orten.

Kleine Papierfitzel begründen das größte Genisa-Projekt Deutschlands

Zum Beispiel 1986 vor der ehemaligen Synagoge in Veitshöchheim: Die vollen Bauschuttcontainer standen schon zur Abholung bereit – die Synagoge sollte wieder hergestellt werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude unter anderem als Feuerwehrhaus genutzt. Und nun tauchten zwischen all dem Schutt, der aus dem Dachboden geräumt worden war, kleine Papierfitzel auf.

"Also im aller ersten Moment hat man das nicht erkannt, als die Firma den Dachboden ausgeräumt hat, aber sobald mitgeteilt worden war, dass das hebräische Papierfetzen waren, dann wusste man schon, dass ist so eine Ablage, die ist gefunden worden."

Martina Edelmann

Heute, gut 30 Jahre später, leitet Martina Edelmann im jüdischen Kulturmuseum neben der Synagoge das größte Genisa-Projekt seiner Art in Deutschland. Genisa ist hebräisch,  heißt übersetzt "Aufbewahrung". Im Judentum darf kein Schriftstück, dass den Namen Gottes beinhaltet, weggeworfen werden. Selbst Briefe mit Floskeln wie "Um Gottes Willen" müssen aufbewahrt und später in einem Grab auf einem jüdischen Friedhof bestattet werden.

"Die Arten der Ablage sind unterschiedlich. In Würzburg etwa gibt es ein Grab, da steht auch Genisa drauf und da werden die Schriften bestattet. Es gibt völlig unterschiedliche Ablageformen. In Israel finden sie Container, wie fürs Altpapier, da steht Genisa drauf und da werfen die Leute ihre Dinge rein."

Martina Edelmann

Oft schafft es so ein Schriftenlager aber nicht vom Dachboden auf den Friedhof und gerät in Vergessenheit – wie in Veitshöchheim. Im Bauschutt lagen Briefe, Kalender, Gebetsriemen, heilige Schriften, Kinderbücher, Spendenquittungen, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen. Ein wahrer Schatz für den Ortim Landkreis Würzburg, der heute keine jüdische Gemeinde mehr hat. Die Mitarbeiter des Genisa-Projekts setzten die völlig zerstörten Schriftstücke mühsam wieder zusammen und nun werden sie bei gedimmtem Licht in Vitrinen gezeigt. Überall im Museum verteilt stehen weitere Kisten, voll mit verstaubten Papierfetzen und vermoderten Bucheinbänden.

"Wir machen das so, dass wir nichts vernichten, manchmal verpacken wir es und geben es wieder zurück, manchmal kann man da vor Ort aber nichts damit anfangen. Dann kommt es bei uns auf den Dachboden, da wo es hingehört und selbst die kleinsten Schnipsel, die fegen wir wieder zusammen vom Boden und machen daraus unsere eigene Genisa, weil wir diese Dinge nicht wegwerfen."

Martina Edelmann

Halbschätze in Wohnungen und Häusern

Wie gehen wir mit Dingen um, die auf einmal einfach da sind, die vielleicht zu wertvoll für die Tonne, aber zu banal fürs Museum sind? Dinge, die im Keller oder auf dem Dachboden lagern? Was auch immer ein normaler Haushalt zu bieten hat, vom Putzmittel, über Brillen, Deckenlampen, Hausschuhe, Blumenvasen, Plattenspieler, bis zu Bildern und Fotos: Im Fürther Sozialkaufhaus gibt es davon massenweise. Andreas Pribus und sein Vater Norbert sind seit neun Jahren Wohnungsauflöser und betreiben das Fürther Sozialkaufhaus. Sie stoßen bei neuen Aufträgen oft auf die Hinterlassenschaften eines ganzen Lebens

"Das Leben spiegeln wir hier eins zu eins. Wenn wir Anlieferungen von einer Wohnung haben und das ist eine am Tag, da kommt die ganze Wohnung zu uns, das landet alles hier. So wies hier steht, da wars auch da drin."

Andreas Pribus

Unterwegs mit Wohnungsauflösern

"Finden ohne zu Suchen" gehört bei jeder Wohnungsauflösung automatisch dazu. Vom übelriechenden Abfall einer Messi-Wohnung bis zur vollständigen Vermögensaufstellung.

"Geld unter der Matratze ist dagegen mittlerweile selten. Und meistens existieren Testamente, die wir gefunden haben. Da steht dann drin, die Briefmarkensammlung bekommt der Erich und das und das der andere."

Norbert Pribus

"Jede Wohnung ist wie eine Schatztruhe, jeder Mensch hat andere Vorlieben und so hat jede Wohnung einen eigener Charakter und es wird nie langweilig werden bei einer Wohnungsauflösung. Natürlich hast du auch Sachen, die du auf dem Dachboden findest. Da hast du auch einmal die Zinnfiguren, die hier in der Vitrine stehen. Die kommen aus der Schachtel, oder du ziehst eine Jacke aus dem Schrank und dann hängt ne Brosche dran."

Andreas Pribus

Vater und Sohn Pribus bezeichnen sich selbst als ehrliche Finder. Was sie an Wertvollem finden, verrechnen sie mit den Kosten der Wohnungsauflösung. Einmal entpuppte sich ein altes Vehikel in der Garage als gut erhaltener Golf 1 mit wenigen Kilometern. Die Wohnungsauflösung bekam der Kunde umsonst. Warum werden Schätze wie dieser nicht schon vorher gezielt von den Angehörigen gesucht? Das hat sich Andreas Pribus schon oft gefragt.

"Na, ich glaub nicht einmal, dass es Unwissenheit ist. Es ist viel auch Bequemlichkeit und die Sorge auch, was noch alles dranhängt. Das sind ja nicht immer Sterbefälle. Oft kommen die Leute ja ins Pflegeheim oder sind dement. Da haben die Angehörigen jetzt nicht den Kopf aufs Porzellan zu achten."

Andreas Pribus

Mittlerweile hätten auch andere Wohnungsauflöser ihre Freude am Fürther Sozialkaufhaus In neun Jahren ist hier in der großen Lagerhalle ein dichtes Waren-Labyrinth entstanden. Nicht nur Haushaltsgegenstände stapeln sich, auch teure Pelze sind darunter. Ein Besuch im Sozialkaufhaus gleicht einer Zeitreise in vergangene Wohn- und Technikwelten – mit alten Videorekordern und Walkmans. Ein Einblick in gelebte Leben, die von den Käufern wieder neu entdeckt werden wollen.

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Altes neu entdecken

Wenn der Ball eines Babys hinter ein Sofa rollt, dann ist er für den kleinen Besitzer für immer vergessen, einfach nicht mehr da. Doch irgendwann – unausweichlich – rollt der Ball wieder vor, ganz von selbst. Finden ohne zu Suchen – neue Chancen, um Altes neu zu entdecken, ob man will oder nicht.


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