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Dominik Graf Filmemacher aus Leidenschaft

Am 6. September wird Dominik Graf 65. Er ist einer der herausragenden deutschen Filmregisseure der Gegenwart - einer, der auch im Fernsehen großes Kino macht. Der 1952 in München geborene Filmemacher und vielfache Grimme-Preisträger erzählt leidenschaftlich von Verbrechen und Städten, genauer gesagt: von Orten und Tatorten. Moritz Holfelder hat die Ermittlungen in Sachen Dominik Graf aufgenommen und ein Stück "Hörkino" daraus gemacht.

Von: Moritz Holfelder

Stand: 07.09.2017 | Archiv

Dominik Graf arbeitet sich an Deutschland ab. Er macht Filme über seine Heimat. Über Schiller, Goethe und Brentano. Aber er geht auch dorthin, wohin kaum ein anderer Regisseur geht: Er erzählt vom Aufstieg und Fall eines Zuhälters. Er wagt sich ins Milieu der russischen Mafia in Berlin. Er ermittelt in Sachen Mädchenhandel im oberfränkischen Hof. Egal ob Provinz oder Großstadt – immer ist da ein profundes Interesse an Lebenswirklichkeiten, die ein ganz anderes Land repräsentieren als das, welches wir sonst aus dem Kino oder dem Fernsehen kennen. Der 1952 in München geborene Filmemacher und vielfache Grimme-Preisträger erzählt leidenschaftlich von Verbrechen und Städten, genauer gesagt: von Orten und Tatorten.

"'Mental Maps' - das ist ja ein Begriff aus der Wahrnehmungspsychologie - und ich wusste dann, es gibt Seminare darüber an der TU, wie wir die Topographie unserer Umwelt wahrnehmen, als Kind, als Erwachsener, als älterer Mann. Also die Straßen, in denen wir uns bewegen, wie wir uns darin bewegen, die Geschwindigkeit, die Dinge, die es da gibt, die einzelnen Sachen, die sich verändern, haben viel mehr Einfluss auf unser Leben, auf unser Wohlbefinden, als wir das im Allgemeinen so bis zum Zweiten Weltkrieg noch angenommen haben. Wir sind unglaublich abhängig von der Bekanntheit oder Unbekanntheit von Orten, von den Wegen, die man nimmt. Das kannst Du auch auf dein eigenes Zuhause, auf dein Elternhaus oder deine Wohnung übertragen - das sind Muster, die sich ganz, ganz tief einprägen."

(Dominik Graf)

"München – Die Geheimnisse einer Stadt"

Der Münchner Marienplatz bei Nacht

Dominik Graf macht ein Kino der Selbsterforschung – darüber, wie einsam und dabei entschlossen Menschen bisweilen sind. Er entwickelt eine große Neugierde auf den Einzelnen und bezieht immer das gesellschaftliche Umfeld und die gebaute Umgebung mit ein. In seinem im Jahr 2000 gedrehten Filmessay "München – Die Geheimnisse einer Stadt" heißt es zu Beginn: "Dies ist München, aber es könnte auch jede andere Stadt sein, die groß genug ist zu zeigen, wie die Lebensgeschichte jedes Einzelnen verstrickt ist in die Geschichte eines Ortes, wie sich das Persönliche und das Anonyme dort ineinanderschieben und ergänzen. Ob man will oder nicht, so trägt jeder seine eigene innere Stadt in sich, und wie bei einem Baum würde ein Schnitt Altersringe sichtbar machen, die sozusagen abbilden, wie die Stadt in uns allen wächst oder andersherum: wie man selbst in die Stadt hineinwächst."

"Aber es war für mich immer klar, dass ich nach München zurückkomme. Ich hatte das Glück, dass ich nach dem Abitur in München in die große goldene Olympia-Ära reinfiel. Besser kann man es, glaube ich, mit München nicht treffen. Davon bleibt immer noch ein leicht, doch jetzt langsam stark verblassender Glanz auf München für mich zurück, als Heimatstadt, die wirklich mal was bedeutet hat, die mal eine Stadt war, wo man dachte, Donnerwetter, München hat ja fast schon utopistische Momente, also auch in der Architektur, das ging ja wirklich mal in die oberste Weltklasse. Das hat sich in den letzten 20 Jahren eher so in die Zwergenliga zurück entwickelt, aber da war es ja eigentlich auch immer angesiedelt. Im Grunde ist es ja auch das berüchtigte Dorf, die Provinzstadt. Das hat mal mehr und mal weniger Charme, aber es ist trotzdem der Ort, der unglaublich viel hervorgebracht hat, was ich auch liebe!"

(Dominik Graf)

Moritz Holfelder begibt sich in seinem Feuilleton "Rotlicht und andere Bezirke" gemeinsam mit Dominik Graf auf die Suche nach den Biografien von Menschen und Städten, an Orte, denen ihr Geheimnis erst entlockt werden muss.

Filmographie (Auswahl):
1975: Carlas Briefe
1977: Der Mädchenkrieg (Darsteller)
1979: Der kostbare Gast
1980: Der Familientag
1982: Das zweite Gesicht
1983: Köberle kommt (Fernsehserie, 6 Folgen)
1984: Treffer
1985: Drei gegen Drei
1985–1993: Der Fahnder (Fernsehserie, mehrere Folgen)
1986: Tatort – Schwarzes Wochenende
1987: Die Katze
1988: Bei Thea
1989: Tiger, Löwe, Panther
1990: Spieler
1993: Morlock – Die Verflechtung
1994: Die Sieger
1995: Tatort – Frau Bu lacht
1996: Sperling und das Loch in der Wand
1996: Reise nach Weimar
1996: Irren ist männlich (als Darsteller)
1997: Denk ich an Deutschland … – Das Wispern im Berg der Dinge
1997: Der Skorpion
1997: Doktor Knock
1998: Sperling und der brennende Arm
1998: Deine besten Jahre
1999: Bittere Unschuld
2000: München – Geheimnisse einer Stadt
2002: Der Felsen
2002: Die Freunde der Freunde
2002: Hotte im Paradies
2004: Kalter Frühling
2004: Polizeiruf 110 – Der scharlachrote Engel
2005: Der Rote Kakadu
2006: Eine Stadt wird erpresst
2006: Polizeiruf 110 – Er sollte tot
2007: Das Gelübde
2008: Kommissar Süden und der Luftgitarrist
2009: Deutschland 09 – Der Weg, den wir nicht zusammen gehen
2010: Im Angesicht des Verbrechens
2011: Dreileben – Komm mir nicht nach
2011: Polizeiruf 110 – Cassandras Warnung
2011: Das unsichtbare Mädchen
2012: Lawinen der Erinnerung
2013: Tatort – Aus der Tiefe der Zeit
2014: Die geliebten Schwestern
2014: Es werde Stadt!
2014: Die reichen Leichen. Ein Starnbergkrimi
2014: Polizeiruf 110 – Smoke on the Water
2015: Was heißt hier Ende? Der Filmkritiker Michael Althen (Porträt)

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