BAYERN 3 - Kino & DVD

Cannes-Gewinner Liebe

Georg (Jean-Louis Trintignant) und Anna (Emmanuelle Riva) sind um die 80 und seit Jahrzehnten ein glücklich verheiratetes Ehepaar. Beide waren Musikprofessoren und genießen auch im Ruhestand noch die gemeinsamen Konzertbesuche.

Von: Walli Müller Stand: 17.09.2012
Filmszene "Liebe" | Bild: X-Verleih

Doch eines Tages hat Anna eine Art Blackout. Sie sitzt völlig weggetreten da und ist nicht mehr ansprechbar. Zwar bleibt der drohende Schlaganfall aus, doch eine Operation verläuft so schief, dass Anna fortan im Rollstuhl sitzen muss. Sie ist nun auf die Pflege von Ehemann Georg angewiesen, der diese Aufgabe gerne übernimmt. Schließlich liebt er seine Frau, auch wenn sie krank und schwach ist. Anna aber tut sich schwer damit, ihre Hilfsbedürftigkeit zu akzeptieren. Nun muss sich zeigen, ob die Liebe der beiden auch diese letzte Bewährungsprobe übersteht …

Kritik:

Bewertung

Filmbewertung: vier von fünf Sternen | Bild: BR

"Schonungslos realistisch!"

Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit will Michael Haneke ("Das weiße Band") in diesem Film erzählen – über den letzten Lebensabschnitt, den ein Ehepaar zusammen geht, das sein Versprechen halten will: "bis dass der Tod uns scheidet". Als ZuschauerIn verfolgt man hier das Alt- und Gebrechlichwerden der Filmheldin, ihren körperlichen Verfall bis hin zur totalen Pflegebedürftigkeit. Der Ehemann kümmert sich voller Hingabe um seine schwächer werdende Frau - ein letzter Liebesdienst, den er mit der größten Selbstverständlichkeit, ja sogar voller Zärtlichkeit leistet. Das berührt zutiefst, ist aber auch nicht leicht zu ertragen. Es steht zwar "Liebe" über diesem Film, aber es geht doch um Krankheit und Sterben – und die Hilflosigkeit dessen, der das liebend mit ansehen muss. Ein Thema, das alle angeht und das doch verdrängt und tot geschwiegen wird.

Mit dem Schicksal hadern oder sich fügen

Schon zu Beginn des Films sieht man die tote Anna, in Blumen gebettet, da liegen. Es ist also klar, wie alles enden wird. Dann folgt der Rückblick auf noch glückliche Tage des Ehepaars. In beneidenswert großem Einverständnis leben sie miteinander; aus ihren Worten, Blicken und Handgriffen spricht die Zuneigung, die sie füreinander empfinden. Man spürt Georgs Angst, seine Frau zu verlieren, als sie ins Krankenhaus muss, und das Glück, das er empfindet, als sie wieder zu ihm nach Hause kommt. Liebe setzt keine Vollkommenheit des anderen voraus! Während Anna sich sehr schwer damit tut, ihre Hilfsbedürftigkeit zu akzeptieren, nimmt Georg seine neue Aufgabe vorbehaltlos an. Sie hadert, er kann sich fügen. Beide Schauspieler leisten in ihren Rollen Großartiges, offenbaren die reinste Menschlichkeit. Und die große Kunst des Regisseurs Michael Haneke ist es, das Publikum diese Intimität mit dem Filmpaar teilen zu lassen. Es ist, als stünde man hinterm Vorhang und bekäme alles aus nächster Nähe mit.

Alltags-Studie

Ein "Liebesfilm" nach Haneke-Art: schonungslos realistisch. Die extrem langsame Gangart lässt den ZuschauerInnen allerdings auch verhängnisvoll viel Zeit, sich selbst in diesem greisen Paar zu spiegeln, sich zu ängstigen vor dem Alter. Abgesehen vom plötzlichen Einbruch der Krankheit besteht praktisch die gesamte Handlung aus alltäglichen Verrichtungen. Georg wäscht seine Frau, bringt sie auf die Toilette, hilft ihr aus dem Bett und wieder hinein, füttert sie geduldig … Nein, "unterhaltsam" ist das bestimmt nicht, waren Haneke-Filme aber noch nie!

Fazit: Liebe ist… wenn man auch die schwere Krankheit des geliebten Menschen annehmen kann. Ein schonungsloser Film, der zum Hinsehen auf unangenehme Dinge zwingt. Zwar voller Zärtlichkeit, aber nicht dazu angetan, einem die Angst vor dem Altern zu nehmen …

Infos:

  • Originaltitel: Amour
  • Genre: Drama
  • Regie: Michael Haneke
  • Drehbuch: Michael Haneke
  • Darsteller: Jean-Louis Trintignant, Emmanuelle Riva, Isabelle Huppert, Alexandre Tharaud, William Shimell
  • Kamera: Darius Khondji
  • Musik:
  • Kinostart: 20.09.2012
  • FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

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