Bayern 2 - radioWissen


6

Das Thema Ergebenheit in Gott

Der Islam ist, neben Judentum und Christentum, eine der drei großen monotheistischen Religionen. Er ist die jüngste aller Weltreligionen, wenngleich seine Entstehungszeit auch schon mehr als 1400 Jahre zurückliegt. Das Judentum ist ca. 2000 Jahre, das Christentum ca. 600 Jahre älter. Dass nach dem Islam keine Weltreligion mehr entstand, ist eine Quelle des Stolzes und des Selbstbewusstseins für die Muslime, die für sich die letzte und endgültige Offenbarung Gottes in Anspruch nehmen.

Stand: 23.05.2013 | Archiv

Muslime beim Gebet vor Moschee | Bild: picture-alliance/dpa

In ihrer Sicht ist der Islam die letztgültige Anrede Gottes an die Menschen, sodass alle anderen Religionen entweder Vorstufen des Islam oder nicht mehr gültig sind. Dadurch dass der Islam an den Glauben Adams und Abrahams anknüpft, versteht er sich gleichzeitig auch als älteste Religion. "Abraham war der erste Muslim, weil er als erster Mensch das Bekenntnis zum Einen Gott ausgesprochen hat. Was bei ihm und den späteren Propheten begonnen hat, wird im Islam aufgenommen und weitergeführt. So ist die jüngste Religion zugleich die älteste." (Werner Trutwin, Religionslehrer und Autor zahlreicher Bücher)

Der Islam als Feindbild

In diesem Anspruch des Islam steckt für unser aufgeklärtes westliches Denken eine große Zumutung und tatsächlich lässt sich fragen, ob ein echter Dialog auf dieser Basis denn überhaupt möglich ist. Allerdings: Gibt es im Christentum nicht auch einen Absolutheitsanspruch? In der Tat finden sich in der Geschichte bis heute eine lange Liste aggressiver und kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen den drei monotheistischen Weltreligionen. Seit dem 11. September 2001 hat sich die Situation weltpolitisch extrem verschärft. Es "besteht die Gefahr, dass die Weltpolitik ganz und gar vom Feindbild Islam bestimmt wird, dem dann auf muslimischer Seite nur allzu leicht ein Feindbild vom Westen entspricht." (Hans Küng, Theologe). Schon 1993 hatte der amerikanische Politologe Samuel Huntington dieses Feindbild auf einen Nenner gebracht: "Die Grenzen des Islam sind blutig." Aber auch hier sei die Nachfrage gestattet: Trifft dies nicht auch auf das Christentum zu?

Fundamentalismus in den Religionen

Die älteste Moschee der Welt steht in Jerusalem.

Ein Erstarken fundamentalistischer Positionen beschränkt sich auch keineswegs nur auf den muslimischen Glauben. Auch in Judentum, hier ist an ultraorthodoxe Positionen zu denken, und Christentum, besonders deutlich in den Pfingstbewegungen und charismatischen Gemeinschaften der USA und Südamerikas, aber auch in einigen Ausprägungen des Katholizismus, kann diese Tendenz beobachtet werden. Das Problem des Terrorismus ist freilich im Islam ein besonders bedrängendes. Hier einen Ausweg zu finden, scheint eine der größten ökonomischen und politischen Aufgaben der nächsten Jahrzehnte zu sein. Dennoch sollte man der Gefahr widerstehen, den Islam kurzschlüssig mit dieser weltweiten Gefahr gleichzusetzen.

Hoffnung auf eine bessere Weltordnung

Als Grundlage für den Dialog mit und zwischen allen Religionen gilt statt vorschneller Verurteilungen eine Haltung der Toleranz, aber auch der vernünftigen Kritik. So sieht auch der Theologe und Ökumeniker Hans Küng "die einzige realistische Alternative, wenn man die Hoffnung auf eine bessere Weltordnung nicht von vornherein aufgeben will" im Dialog und der Aufklärung:

"Keine Friede unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen. Kein Friede unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen. Kein Dialog zwischen den Religionen ohne Grundlagenforschung in den Religionen."

Hans Küng

Dass ein solcher toleranter, aber auch zwingend kritisch-rationaler Diskurs eine lange Wegstrecke beinhaltet, kann nicht übersehen werden. Hier wäre über die Problematik der Gewaltanwendung, der Toleranz Andersgläubigen gegenüber und der Stellung der Frau ebenso zu reden, wie allgemein über den Gebrauch aufgeklärter Vernunft. Es gibt jedoch in allen großen Religionen genügend Menschen, die in der Lage sind, sich dieser Herausforderung zu stellen.

Ansatzpunkte des Dialogs

Ein Gespräch der drei großen monotheistischen Religionen, um sich auf diese zu beschränken, muss bei der wichtigsten Gemeinsamkeit ansetzen: Dem Glauben an den Einen Gott Abrahams. Von hier aus können ethische Gemeinsamkeiten oder Ähnlichkeiten in den Blick genommen werden. Die Vorstellungen von Gott, dem Menschen, der Welt und der Weltgeschichte weisen doch große Gemeinsamkeiten auf. So ist die Fürsorge für Arme mit ganz ähnlichen Begründungen bei jeder der drei Religionen zu finden. Natürlich darf auch das Unterscheidende nicht ausgespart werden: Der Anspruch Israels das Volk Gottes zu sein und daraus den Besitz des Landes Israel abzuleiten, die Position des Christentums in Jesus Christus den Messias und Gottessohn zu erblicken und die Sicht des Islam, den Koran als letztgültiges Wort Gottes und Muhammad als "Siegel der Propheten" anzusehen. Aber wenden wir uns nun dem Zentrum des Glaubens des Islam zu.

Das Zentrale des Islam

Die Kaaba in Mekka bei der traditionellen Wallfahrt "Hadj".

Die zweitgrößte Religion der Welt, nach dem Christentum, zu der mehr als eine Milliarde Gläubige gehören, findet ihren Mittelpunkt, wie oben schon angedeutet in einem radikalen Monotheismus. Wie alle große Religionen hat der Islam eine heilige Schrift. Doch in keiner anderen Glaubensrichtung nimmt die Wortoffenbarung eine derart zentrale Stellung ein wie im muslimischen Glauben. "Seine unvergleichliche Stellung hat der Koran für den Islam deshalb, weil er von Ewigkeit bei Gott gewesen ist. Dort hat er vor aller Zeit als "Urkoran" existiert. Er ist unerschaffen und ewig wie Gott selbst. In Mohammeds Tagen wurde er dem Propheten durch den Engel Gabriel geoffenbart. Damals hat er in der arabischen Sprache als Buch gleichsam irdische Gestalt angenommen. Das, was man zwischen den beiden Buchdeckeln als Koran lesen kann, ist Gottes unerschaffenes Wort. Im Koran ist Gottes Wort Buch geworden. Weil der Koran von Gott kommt, ist er frei von Irrtum und Widerspruch." (W. Trutwin)

Warum der Koran homogener ist als die Bibel

Nach dem Glauben der Muslime hat nicht Muhammad den Koran verfasst. Er war gleichsam nur das Medium, das die Worte niederschrieb. Da kein Mensch neben Muhammad daran beteiligt war, anders als etwa bei der langen Entstehungsgeschichte der Bibel, ist der Koran, trotz gewisser historischer Entwicklungen, sehr einheitlich. Außer dem Glaubensbekenntnis, dass es nur einen Gott gibt und Muhammad sein Gesandter ist, der vor allem den Koran übermittelt hat, gibt es im Islam keine ausgefächerte Glaubenslehre wie etwa im Christentum. Einzig die Lehre vom Leben nach dem Tod gehört noch unverbrüchlich dazu. Dafür aber ist die Frage nach der rechten Lebensführung ganz wesentlich für den islamischen Glauben. Der Glaube an Gott ist aus dieser Sicht letztlich nicht wirksam, wenn er nicht zur Orthopraxie, zur richtigen Lebensführung wird. Gehorsamkeit Gott gegenüber ist dafür der unumstößliche Grund.

Konkrete Anweisungen aus dem Koran

Viele Anweisungen des Koran sind sehr konkret und lassen sich auf vergleichbare Weise auch in anderen Religionen finden. "Sie sind aus der Bibel, aus dem Brauchtum der Araber oder aus alten Rechtsschulen bekannt. So darf der Muslim nicht morden, lügen und betrügen. Kinder müssen die Eltern achten und für sie im Alter sorgen. Die Sexualität darf nur in der Ehe ausgeübt werden. Das Zinsnehmen ist verboten. Einbildung, Geiz und Zorn sind zu meiden. Auf Sauberkeit ist zu achten. Die Speisegesetze verbieten den Genuss von Schweinefleisch und Alkohol. Alle Drogen sind unerlaubt. Dringend empfohlene Tugenden sind Nachsicht, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit." (W. Trutwin). Besonders deutlich wird die ethische Ausrichtung des muslimischen Glaubens in den fünf Säulen des Islam:

Die fünf Säulen des Islam

  • Die Anerkennung und das Sprechen der Schahada, des Glaubensbekenntnisses
  • Salat, das rituelle Gebet
  • Zakat, die Almosensteuer
  • Saum, das Fasten im Ramadan
  • Hadj, die Wallfahrt nach Mekka


Diese fünf wichtigsten Pflichten geben dem gesamten Leben eines Muslims eine Ausrichtung auf Allah hin.


6