Bayern 2 - radioWissen


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Ganzheit, Unsterblichkeit, Weisheit und List

Von: Simon Demmelhuber / Sendung: Geseko von Lüpke

Stand: 11.08.2016 | Archiv

Mensch, Natur, UmweltRS, Gy

Von der Schöpfergottheit zum Dämon: Die Geschichte eines Ursymbols

Angst vor Schlangen? Keine Sorge, das ist normal. Die meisten Menschen fürchten sich vor den unheimlichen Reptilien. Ihre heimtückischen Blitzattacken, ihr lautloses Anschleichen, ihr verborgenes Lauern, ihr starrer Blick und ihr giftiger Biss jagen uns Schauer über den Rücken. Und dieses Gefühl ist nicht anerzogen, sondern durch die Evolution in unseren Gehirnen verankert. Das behaupten zumindest zwei Forscher der amerikanischen University of Virginia. Weil Schlangen eine reale Gefahr für den Menschen sind, haben wir gelernt, sie instinktiv zu meiden.

Die überschätzte Gefahr

Schön und gut. Aber wer von uns ist tatsächlich schon einmal einer Schlange in freier Wildbahn begegnet, wer gebissen worden? Wohl die wenigsten. In unseren Breiten geht von Schlangen keine wirkliche Bedrohung aus, und auch global hält sich das Risiko in Grenzen. Weltweit sterben etwa 100.000 Menschen pro Jahr an Schlangenbissen. Verdorbene Lebensmittel fordern jährlich rund zwei Millionen Menschenleben und etwa 1,5 Millionen Todesfälle gehen auf das Konto unscheinbarer Pilzinfektionen. Fürchten wir uns deshalb vor Lebensmitteln oder Pilzen? Halten wir Pilze für böse, teuflisch und dämonisch? Machen wir Pilze für den Sündenfall verantwortlich? Nein, aber wir fürchten uns vor Schlangen.

Schlangenangst: Ein kultureller Lerneffekt

Um die Fakten geht es dabei offensichtlich nicht. Worum geht es dann? Wahrscheinlich tatsächlich um einen Lerneffekt. Aber dieser Lerneffekt ist weder natürlich und evolutionär, sondern kulturell gegründet. Wir haben gelernt Schlangen zu fürchten, weil wir sie seit zwei Jahrtausenden systematisch dämonisieren: als Verkörperung des Teufels, als Ausgeburt der Hölle, als Boten der Apokalypse. Auf Gemälden, in Büchern, Predigten und Erzählungen haben sie solange ihren Rachen aufgerissen, uns verfolgt, heimgesucht, bedrängt, verschlungen und ins Verderben gerissen, bis unser Unterbewusstsein gar nicht mehr anders konnte, als Abscheu, Ekel, Entsetzen und buchstäblich Todesangst zu empfinden.

Die Vertreibung der Schlange aus dem Paradies

Doch das war und ist nicht immer und nicht überall so. In alten Mythen verkörperten Schlangen göttliche, heilsame und schützende Kräfte. Sie standen zeit- und kulturübergreifend für die guten Aspekte der Schöpfung, für Fruchtbarkeit, ewige Erneuerung, Lebendigkeit, Weisheit. Sie wehrten Unheil ab, repräsentierten das mütterliche Wesen der Erde, gebaren den Kosmos, den Himmel und die Menschheit, waren Träger geheimen Wissens, wurden selbst als Gottheiten verehrt. Die Furcht, die sie bei aller Verehrung stets auch auslösten, keine Angst, sondern Ehrfurcht: ein Gefühl zwischen Faszination und Schrecken, das den Menschen in Gegenwart des Heiligen überfällt.

Tod und Geburt, Leben und Erneuerung: Das Doppelgesicht der Welt

Im Laufe der Zeit haben Schlangen für alles und das Gegenteil herhalten müssen. Sie waren Götter und Dämonen, Schutz und Bedrohung, Heilung und Verderben, sie hüteten den Garten der Hesperiden und verdarben den Garten Eden. Die Schlange war von Anfang an da. Sie war mit uns jung und ist mit uns alt geworden. Sie hat uns auf dem Weg unserer kulturellen Evolution begleitet: als Indikator unseres Natur- und Menschenverständnisses, unserer religiösen Konzepte und ihres Wandels. Der Blick auf die Schlange ist daher immer auch ein Blick auf uns selbst und führt tief hinein in das Wesens des Menschen und das Bild, das wir von der Welt entwerfen.


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