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Pablo Picasso Das Thema

Stand: 14.01.2014 | Archiv

Ein Mann geht an dem als Mosaik reproduzierten Gemälde "Guernica" von Pablo Picasso in Guernica vorbei. Mit seinem wohl bekanntesten Bild erinnerte Picasso an die verheerende Bombardierung des spanischen Städtchens 1937. | Bild: picture-alliance/dpa

"Als ich noch ein Kind war, sagte meine Mutter zu mir: ‚Wenn Du Soldat wirst, wirst Du General werden. Wenn Du ein Mönch wirst, wirst Du schließlich Papst werden.’ Stattdessen habe ich es als Maler versucht und bin Picasso geworden."

Picasso an seinen Freund Henri Matisse

Selbstvertrauen spricht aus diesem Bonmot und das Bewusstsein, zu den herausragenden Künstlern seiner Zeit zu gehören. Wobei die militärische oder klerikale Karriere nicht wirklich in Betracht gekommen wären - das künstlerische Ausnahmetalent des kleinen Pablo zeigte sich schon sehr früh. Bereits im Alter von elf Jahren besuchte Picasso 1892 die Kunstschule in La Coruna und nahm Unterricht bei seinem Vater, dem Maler José Ruiz Blasco. Später trat er in die Kunstakademie "La Lonja" in Barcelona ein und nahm für kurze Zeit am Unterricht in der Königlichen Akademie in Madrid teil. Es gab nichts, was ihm dort hätte beigebracht werden können, war Pablos Erklärung für seinen schnellen Abgang.

Das Ölbild "Wissenschaft und Nächstenliebe" von 1897 zeigt die Fertigkeiten des früh reifen Maltalents. Nachdem er das Genie seines Sohnes erkannt hatte, hat sein Vater angeblich nie mehr ein Bild gemalt. Eine weitere Enttäuschung wird ihm der Umstand bereitet haben, dass Pablo die Sicherheiten einer akademischen Karriere ausschlug, weil es ihn ins Zentrum des damaligen Kunstbetriebs zog: nach Paris. Dort wirkten zwei gegensätzliche Kräfte auf den knapp Zwanzigjährigen - die Enge und Ärmlichkeit seiner Wohnsituation einerseits und die inspirierende Gesellschaft der kreativsten Köpfe seiner Zeit andererseits. Dabei erlangte Picasso vergleichsweise früh eine gewisse finanzielle Sicherheit: der Galerist Henry-Daniel Kahnweiler nahm den produktiven Spanier 1907 unter Vertrag und vertrat ihn bis an sein Lebensende.

Phasen und Stile

Bild des Ölgemäldes "Notre Dame de Paris" von Picasso

Die Einteilung von Picassos Produktionen in "Perioden" sorge für Beruhigung angesichts seiner beunruhigenden Kunst, schrieb der Journalist Hans Jürgen Hansen zu Beginn der 1950er Jahre. Dabei ist zumindest im ersten Abschnitt von Picassos Lebens-Werk eine solche Einteilung hilfreich, um den Übergang und Fortschritt seiner Kunst zu verfolgen. So gilt die "Rosa Periode" als Beginn von Picassos eigenständig schöpferischer Arbeit, sie geht in die düstere Phase der "Blauen Periode" über, in der sich weniger die Motive als die Bildaussage ändert. Die Harlekine und hungernden Gestalten scheinen sich in Nichts auflösen zu wollen - der Übergang zum nächsten Stil, dem Kubismus, den Picasso mit seinem Freund George Braque formte. Der Kubismus steht für das Auseinanderbrechen der Dinge, für eine neue abstrakte Sicht auf die Welt.

Nach jener kubistischen Phase (die für Picasso eine Phase blieb, auch wenn sie in Variationen immer wieder in seiner Kunst aufscheint) scheint eine "klassizistische" Periode zur Zeit des Ersten Weltkriegs die kubistischen Trümmer wieder zusammenzufügen. Damit aber ist das Sortieren in Stilrichtungen erschöpft: neben- statt nacheinander stehen von nun an verschiedenste Gestaltungsformen und das Experimentieren mit den unterschiedlichsten Materialien. Als Höhepunkt seines Werkes, den Picasso zudem in seiner Lebens- und Schaffensmitte erreichte, gilt vielen Kennern das großformatige Bild "Guernica".

"Guernica" (1937)

Die deutsche "Legion Condor" hatte Francisco Franco Schützenhilfe gegeben und Ende April 1937 die kleine baskische Stadt Guernica bombardiert. Bis heute ist unklar, wie viele Menschen ums Leben kamen, sicher ist nur, dass hauptsächlich Frauen und Kinder den Tod fanden. Entsetzt und tief berührt von dieser sinnlosen Zerstörung malte Picasso "Guernica" für den spanischen Pavillon auf der Weltausstellung, die bereits im Juli 1937 in Paris eröffnet wurde. Das Bild gilt bis heute als Mahnung gegen die Gräuel des Krieges.

Das Prinzip Neugier

"Ich suche nicht, ich finde" heißt das vielleicht berühmteste Bonmot Picassos. Es sagt viel über die Arbeitsweise, das Selbstbild und auch den Erfolg des unermüdlichen Gestalters aus. Nicht der Weg war für Picasso das Ziel, keine zweiflerischen Standortbestimmungen bremsten die Energieströme, statt dem Ausruhen auf dem Erreichten stand der ununterbrochene Aufbruch.

"Wenn man ganz genau weiß, was man machen will, wozu soll man es dann überhaupt noch machen? Da man es ja bereits weiß, ist es ganz ohne Interesse. Besser ist es dann, etwas ganz Neues zu machen."

Picasso

Das zur Sammlung des Sprengel Museums Hannover gehörende Gemälde "Verre et pichet" (Glas und Karaffe, 1944), ...

Dieser Lehrsatz gegen alles Arrivierte, Redundante und Gesättigte mag Picasso auch deshalb so leicht von den Lippen gegangen sein, weil ihm alles gelang, was er künstlerisch anfasste. Ob Skulptur oder Lithografie, grober Pinselstrich oder feine Tuschlinie, kubistische Abstraktion oder akademische Skizze - Picassos Kunst kannte viele Spielarten. Konstanten gibt es vor allem bei den Motiven: den vielen Frauen (mal kubistisch verschachtelt, mal monumental, später gern entblößt), den Gestalten aus der Mythologie (Faun, Zentaur), den Tieren (Stiere, Pferde, Tauben) und Gegenständen (Gitarre, Stuhl). Diese - konkreten - Motive blieben trotz aller Wandlungen erhalten und erfuhren zahlreiche künstlerische Metamorphosen. Dass trotz der Vielfalt das Wiedererkennen immer gelingt, dass dennoch alles unverwechselbar Picasso ist, darf als beste Bestätigung des "Je ne cherche pas, je trouve" gelten.

Das Genie als Tyrann

So treu Picasso seinen Freunden blieb, so wechselhaft waren seine Verhältnisse zu Frauen. Fast scheint es, als hätte er sie weggelegt, wenn sie als Muse und Modell "ab-gemalt" und ausgereizt schienen, wenn sie keine weitere Inspiration boten. Ein schonungsloses Bild vom Familienoberhaupt Picasso zeichnet Marina, die Tochter von Picassos erstem Sohn Paulo. Das Genie sei ein "egoistisches Monster" gewesen, der denen, die ihm nahe standen, das Gefühl von Unzulänglichkeit gab. Beinahe spielerisch grausam und ohne echte Empfindung sei sein Verhalten gegenüber seiner Familie gewesen.

Ein 1954 entstandenes Gemälde (Öl und Kohle), das Picassos spätere Ehefrau Jacqueline darstellt. ...

Eine Episode unterstützt diese Einschätzung: Als Marie-Thérèse Walther und Dora Maar 1936 zufällig bei einem Atelierbesuch aufeinander treffen, ruft ihnen Picasso zu: "Nun kämpft um mich" – scheinbar folgten die Frauen seinem Ruf und lieferten sich einen Ringkampf im Atelier. Über den Ausgang ist nichts bekannt. Wenn sie aus der Umlaufbahn des Fixsterns Picassos geworfen wurden, schienen viele Frauen in ein schwarzes Loch gefallen zu sein: Fernande Olivier fasste nie richtig Fuß im Leben, Olga Koklova erkrankte, Marie-Thérèse Walter nahm sich das Leben, Dora Maar vereinsamte und gab ihre Existenz als Fotografin auf. Und auch Jacqueline, die letzte Frau und Muse, konnte Picassos Tod am 8. April 1973 nicht verkraften: Sie verübte 1986 Selbstmord.


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