Bayern 2 - radioWissen


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Die Schönheit des Göttlichen

Von: Hellmuth Nordwig / Sendung: Julia Mahnke-Devlin

Stand: 18.02.2014 | Archiv

GeschichteMS, RS, Gy

Die Pietà im Petersdom, die David-Skulptur in Florenz, das Deckengemälde der Sixtinischen Kapelle: Michelangelos Werke sind die bekanntesten der Renaissance. Als erster Künstler nutzt er die Ausdruckskraft des menschlichen Körpers.

Groß gewachsen und hager: So porträtieren Zeitgenossen Michelangelo Buonarrotti, der 1475 im Appenninendorf Caprese zur Welt kommt. In Florenz wächst er auf und wird dort künstlerisch gefördert. Nahezu sein gesamtes Leben verbringt er abwechselnd in dieser toskanischen Stadt und in Rom.

Die junge Muttergottes

Aus Rom kommt für den 21-Jährigen der erste große Auftrag: ein Grabmal für den einflussreichen Kardinal Jean de Bilhères. Michelangelo verspricht nicht weniger, als dieser an Kunstwerken nicht gerade armen Stadt ihre schönste Skulptur zu schenken - und er löst das Versprechen ein: Er schafft die berühmte marmorne Pietà, die in sich gekehrte trauernde Muttergottes, ihren Sohn auf dem Schoß. "Unendlich mild ist der Ausdruck des Gesichts", schreibt Michelangelos Biograf Giorgio Vasari über die Figur des toten Christus. Und erst Maria: jugendlich schön, denn das Alter kann der Muttergottes nichts anhaben.

Eine politisch turbulente Zeit

Währenddessen geht im letzten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts in Florenz eine dreihundertjährige Tradition zu Ende. So lange hatte die Republik bestanden - gegen Ende allerdings zunehmend von absoluten Herrschern aus der Familie der Medici geführt. 1494 setzt der Dominikanermönch Girolamo Savonarola dem ein Ende und errichtet eine Schreckensherrschaft, die vier Jahre lang währt. Nach der Hinrichtung von Savonarola erklärt sich Florenz wieder zur Republik. Der Rat der Stadt sucht nach einem Symbol für die neue Zeit und beauftragt Michelangelo mit dem "David". Besser hätte der Künstler das neue Florenz nicht verkörpern können: Kraft und Körperspannung bei gleichzeitiger Anmut; wache Aufmerksamkeit und zugleich Gelassenheit kurz vor dem erwarteten Sieg - all das zeigt diese mehr als fünf Meter hohe Statue so deutlich wie keine zuvor.

Der menschliche Körper ist Symbol genug

Auch beim berühmten Deckengemälde der Sixtinischen Kapelle im Vatikan setzt Michelangelo ganz auf die Symbolkraft des körperlichen Ausdrucks. Er braucht keine Heiligenscheine, keine Kronen oder Szepter wie die Künstler vor ihm. Die beiden Zeigefinger, mit denen Gott und der Mensch sich fast berühren, sagen alles aus. Bis heute ist diese Bildsprache für jeden verständlich und ergreift den Betrachter unmittelbar - so wie viele andere Werke des Meisters, der vor 450 Jahren hoch betagt gestorben ist.


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