Bayern 2 - radioWissen


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Meister des Barock

Von: Jens Berger / Sendung: Christiane Neukirch

Stand: 03.04.2017 | Archiv

Literatur und MusikGy

Annonce: 'Umjubelter Virtuose, rothaarig, frühzeitig vergessen, verarmt, posthum wiederentdeckt, heute in Konzerten und Fahrstühlen allgegenwärtig, sucht noch einige seiner verschollenen Kompositionen. Antworten bitte an: Vivaldi.'

Venedig - 'mehr' Musikstadt geht nicht

Als Antonio Vivaldi 1678 geboren wurde, ging in Venedig die Zahl der Opernhäuser ins Zwei-, die der Orchester sogar ins Dreistellige. Und das bei einer Einwohnerzahl, die dem heutigen Kassel entspricht: nicht mal 200.000 Menschen! Hinzu kamen auch damals schon viele Touristen (die sich allerdings als solche noch nicht bezeichneten), oft der Musik wegen.
Musik war dabei weit mehr als bloße Hintergrundbedudelung. Die Schallplatte war noch nicht erfunden; man musste schon ins Konzert gehen, um Musik zu hören. Viele Institutionen versuchten deshalb, mit den besten Musikern Zuhörer anzulocken und sich damit ins Gespräch zu bringen. Die großen Kirchen buhlten um die Gunst der Kirchenmusiker, denn diese sorgten für volle Gottesdienste - und Spenden. So waren auch die täglichen Vespergottesdienste der Waisenhäuser kulturelles Pflichtprogramm, denn hier musizierten die Besten und (wie zeitgenössische Musikkritiker nicht zu erwähnen vergessen) Hübschesten: exzellent ausgebildete Mädchen.

Der 'prete rosso'

Einer der Ausbilder war ein junger, auffallend rothaariger Geigenvirtuose namens Antonio Vivaldi. Vom Priesteramt ließ er sich bereits nach einem halben Jahr entbinden. Offizielle Begründung: Enge in der Brust. War es Asthma? Oder Unlust? Für Letzteres sprechen seine energiegeladenen Konzertauftritte als Solist, sein reiches Kompositionsschaffen - und: seine Freundin. Er hat in allen Gattungen und für alle Bühnen komponiert: Oratorien für die Kirche, Opern fürs Theater, Konzerte für Orchesterbühnen und sowieso alles, was jemand bei ihm man in Auftrag gab. Und zu seinen besten Zeiten mangelte es ihm nicht an Aufträgen. Über siebenhundert Werke entstanden, traf er doch den Puls der Zeit. Seine Konzerte waren zwar harmonisch einfach, aber clever strukturiert und von einem ganz besonderen Schwung, der oft die Funken sprühen ließ. Sogar Johann Sebastian Bach fand hier Anregung.

Das barocke Solokonzert: doch kein Erfolgsmodell?

Sich so der Musikmode hinzugeben, hatte für Vivaldi aber auch Nachteile. Irgendwann konnte er ihr nicht mehr folgen; sie hat ihn überholt. Damals gab es noch keinen 'Oldie'-Markt; er starb verarmt und vergessen. Sein Comeback konnte der einstige Superstar erst viele Jahre nach seinem Tod feiern. 1926 fand man in einem norditalienischen Internat über dreihundert seiner Werke. Von da an ging es nur noch bergauf. Doch viele seiner Werke sind seit ihrer Uraufführung verschollen geblieben. Hat noch jemand etwas im Schrank?


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