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Todeszonen im Ozean Wenn den Meeren der Sauerstoff ausgeht

Sogenannte Todeszonen gibt es in der Ostsee, im Kattegat und im Golf von Mexiko - aber auch vor der Küste Namibias und Südamerikas. Und sie breiten sich besorgniserregend schnell aus.

Von: Dagmar Röhrlich / Redaktion: Nicole Ruchlak

Stand: 26.03.2014

Tote Fische und Krebse | Bild: picture-alliance/dpa; Montage: BR

Überfischung, Umweltzerstörung und Meeresversauerung - das sind bekannte Schlagworte, wenn es um die Belastung der Meere durch den Menschen geht. Ein anderes Problem rückt jedoch erst allmählich ins Bewusstsein der Öffentlichkeit: Das Problem der Todeszonen: In weiten Bereichen der Meere könnte der Sauerstoff knapp werden.

Dass den Meeren lokal der Sauerstoff ausgeht, ist nichts Neues. In der Mobile Bay an der Golfküste Alabamas wird dieses Phänomen sogar seit rund 150 Jahren gefeiert. Denn bis in die 1960er Jahre ahnten die Bewohner nicht, dass sie deshalb Fische gleich körbeweise am Strand einsammeln konnten, weil die Tiere verzweifelt zu atmen versuchten. Das Ereignis galt als "Jubilee", als Gottesgeschenk, und heute ist es eine Touristenattraktion. Dabei ist ein "Jubilee" nichts anderes als eine marine "Todeszone". Sie erhielten ihren populären Namen von den Fischern, weil sie in ihnen ihre Netze vergebens auswerfen.

"In einer Todeszone ist zu wenig Sauerstoff, so dass Fische, Krabben und Muscheln dort nicht überleben können. Wir Menschen verursachen die Mehrheit dieser Todeszonen - durch das Wachstum der Städte, weil wir immer mehr Abwässer in die Flüsse und Buchten leiten. Vor allem aber setzen wir in der Landwirtschaft so große Mengen an Dünger ein, dass die Nutzpflanzen ihn nicht aufnehmen können und er im Meer landet. Dort erledigt er seinen Job, nur dass er jetzt Algen und Phytoplankton düngt."

Professor Robert Diaz, Meeresbiologe vom Virginia Institute of Marine Science.

Wilde Bakterienparty

Sterben die Algen ab, werden sie von Bakterien zersetzt, die dann den Sauerstoff im Wasser aufzehren: Im Grunde läuft eine wilde Bakterienparty. Seit einigen Jahren wächst die Zahl der Todeszonen sprunghaft an, ihre Fläche weitet sich aus. Flächenmäßig den Rekord aller Todeszonen hält die Ostsee: In ihr schwindet jeden Sommer der Sauerstoff in einem Areal von der Größe Irlands - mindestens.

"Derzeit sind uns rund um die Welt 500 Todeszonen bekannt - die meisten vor Europa und Nordamerika. Sie tauchen aber neuerdings auch vor Südamerika auf, einige gibt es vor Afrika. Wir wissen nicht viel darüber, was vor den Küsten Indiens oder Chinas passiert. Weil jedoch nirgends sonst auf der Welt so viele Menschen leben wie dort, sollte es dort eigentlich Hunderte von Todeszonen geben."

Professor Robert Diaz, Meeresbiologe vom Virginia Institute of Marine Science.

Beunruhigender Mix: Sauerstoff im Meer und Klimawandel

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Fernab der Küsten zieht sich ein anderer Typ von sauerstoffarmen Schichten durch weite Bereiche der Weltmeere. Sie sind zunächst natürlichen Ursprungs: Während Algen an der Meeresoberfläche Sauerstoff produzieren und der Wind ihn aus der Luft ins Wasser einarbeitet, wird er in tieferen Schichten verbraucht: von Mikroorganismen und tierischen Tiefseebewohnern. So entsteht eine Sauerstoffmangelschicht, die sich meist irgendwo zwischen 200 und 1.000 Metern unter der Oberfläche dahinzieht. Klimamodelle legen nahe, dass diese natürlichen Sauerstoff-Minimumzonen durch den Einfluss des Menschen wachsen.

"Das ist vor allen Dingen der Erderwärmung geschuldet, dass die Oberflächenschichten der Ozeane sich erwärmen und damit stabil wie ein Deckel auf dem Ozean sitzen und den Sauerstoffaustausch behindern."

Professor Boris Worm, Meeresbiologe von der Dalhousie-University im kanadischen Halifax.

Und so treffen Wissenschaftler in den tropischen Ozeanen immer häufiger auf Zonen, in denen wenige Dutzend Meter unter der Oberfläche die Sauerstoffwerte gegen Null tendieren. In dem Gebiet vor der Küste Perus beispielsweise ist diese Minimumzone so ausgeprägt, dass chemische Abläufe umgeschlagen sind - und Stickstoff aus dem Ozeanwasser entweicht.

"Wenn in Zukunft mehr Nitrat abgebaut wird und verloren geht, hat das zur Folge, dass es weniger Photosynthese und biologische Prozesse im Oberflächenwasser gibt. Das hätte wieder zur Folge, dass weniger Kohlenstoff im Ozean gebunden wird, so dass es eine sehr komplizierte und komplexe Wechselwirkung der biologischen und chemischen Komponenten gibt, die dann langfristig Konsequenzen für den Ozean insgesamt und die Biologie und Ökologie haben könnte."

Lothar Stramma, Ozeanograph am IFM Geomar in Kiel

Die Produktivität der Meere sinkt

Dehnen sich die Sauerstoffmangelzonen in der Vertikalen und Horizontalen immer weiter aus, wird das auf Dauer zu einer Abnahme der Fischbestände führen. Sinkt der Sauerstoffgehalt immer tiefer und wächst diese erstickende Schicht aus der Tiefsee nahe genug an die Oberfläche heran, kann das System kippen. Die chemischen Abläufe verändern sich, der Stickstoff beginnt zu entweichen, Nährstoffe fehlen, die Photosyntheserate sinkt - und damit die Sauerstoffproduktion. Vor allem aber fürchten die Forscher eines: dass Todeszonen und Sauerstoffminimumzonen zusammenwachsen und das Leben im Meer noch weiter erschweren.


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