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Smartphone-Spionage Das Abhörgerät in der Hosentasche

Smartphones stecken mittlerweile bei Millionen Menschen in der Hosentasche. Was kaum einer weiß: Sie sind auch das perfekte Werkzeug für Überwacher. Denn sie haben alles, was sich Big Brother wünschen würde: eine Kamera, ein Mikrophon, jede Menge gespeicherter Notizen und Kontakte sowie eine Internetverbindung.

Von: Till Krause / Redaktion: Klaus Uhrig

Stand: 24.07.2012

Ausgezeichnet! Preisträger 2013

Die Sendung Smartphone-Spionage - Das Abhörgerät in der Hosentasche von Till Krause wurde mit dem 2. Preis des Axel-Springer-Preises für junge Journalisten ausgezeichnet.

Regimes in Libyen oder Ägypten nutzten eine spezielle Software, um die Handys von Oppositionellen auszuspionieren. Auch in Deutschland kann die Polizei auf Mobiltelefone zugreifen, ohne dass der Nutzer etwas davon merkt. Firmen, die solche Technik entwickeln, sitzen in Deutschland - zum Beispiel in München.

"Deutsche Firmen können für ausländische totalitäre Regimes Überwachungssoftware konstruieren und legal verkaufen. Sie können also durchaus von dem undemokratischen Zuständen und dem Leid der Bürger profitieren."

Udo Vetter, Rechtsanwalt und Blogger

Die perfekte Wanze

Viele Programme, eine Wanze

Dabei profitieren die Überwacher von den verschiedenen Technologien, die ein modernes Handy zu bieten hat: Das eingebaute Navigationssystem übermittelt den Standort des Bespitzelten. Das Mikrophon kann heimlich angeschaltet werden und überträgt jedes gesprochene Wort. Das Adressbuch, die Emails und alle Dokumente auf dem Telefon können durchsucht werden, ohne dass irgendwer etwas davon mitbekommt. Für autoritäre Regimes eine Art wahr gewordener Traum: Statt wie früher die Wohnung ihres Opfers zu verwanzen und Spione auf anzusetzen, installieren sie ein verstecktes Programm auf dem Smartphone. Und schon trägt der Verdächtige eine perfekte Überwachungsmaschine mit sich herum.

"Ich kann eine Verbindung aufbauen, die das Mikrofon aktiviert. Das heißt: Ich höre, was in dem Raum gesprochen wird, in dem das Gerät sich befindet. Ich sehe Bewegungsprotokolle über GPS, ich kann alle SMS und Adressbucheinträge anschauen - also sehen, mit wem kommuniziert wird. Ich habe eine Komplettüberwachung von dem Gerät."

Stefan Wesche, Sicherheitsexperte bei Symantec

Infiziert durch Serviceupdates

Doch wie kommt die Überwachungssoftware auf das Handy? Da gibt es viele Möglichkeiten. Manchmal kommt die Software als Update des Netzbetreibers daher - wie zum Beispiel beim ersten bekannt gewordenen Fall in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Oder die Überwacher nutzen Sicherheitslücken, so dass sich der Nutzer beim mobilen Surfen eine Art Überwachungs-Virus holen kann. Oder die Sicherheitsbehörden schicken eine unsichtbare SMS, die benutzt werden kann, um eine bestimmtes Handy zu orten.

Im Zweifel: Akku raus!

Notfalls: Akku raus - Wenn das geht!

Es gibt zwar Virenscaner für Handys und spezielle Apps, die erkennen, ob solche sogenannten Schadcodes auf dem Telefon installiert sind. Doch die finden längst nicht alle Spionageprogramme. Gegen professionelle Spähsoftware, wie sie auch deutsche Firmen seit Jahren an Diktatoren verkaufen, sind normale Virenscanner machtlos. Und was besonders schwierig ist: Wenn das Telefon einmal befallen ist, muss man zu radikalen Methoden greifen, um die Übertragung persönlicher Daten zu stoppen. Sonst können Angreifer ungehindert alle Daten auslesen, den Standort bestimmen und Telefonate belauschen. Dagegen hilft nur: Den Akku aus dem Handy nehmen, damit alle Sendefunktionen sicher ausgeschaltet sind. Doch beim populären iPhone von Apple geht das nicht - der Akku ist fest verbaut.

In Deutschland noch verboten

Auch deutsche Behörden nutzen längst Programme, um den Internetverkehr und Computer zu überwachen. Die sogenannten Staatstrojaner sind der Smartphone-Software nicht unähnlich. Und die Überwachungs-Konzerne bieten ihre Produkte auch deutschen Behörden an. Bisher darf solche Software in Deutschland nur von zwei Behörden genutzt werden: dem Bundeskriminalamt und dem Zoll. Sie rechtfertigen die Überwachung mit der Aufdeckung geplanter Terroranschläge oder dem Schmuggel von Kriegswaffen.

Auch die Polizei interessiert sich für diese Technologie: Beim Europäischen Polizeikongress in Berlin war eine Spähsoftware-Firma im vergangenen März mit einem eigenen Stand vertreten.


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