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Der Hirnschrittmacher Medizinisch machbar, ethisch vertretbar?

Ein Herzschrittmacher ist Routine - aber ein Hirnschrittmacher? Elektrische Impulse sorgen dafür, dass das Gehirn wieder besser arbeitet. Eine unheimliche Vorstellung. Aber für manche Patienten der einzige Weg.

Von: Veronika Bräse / Redaktion: Nicole Ruchlak

Stand: 29.01.2015

Weltweit haben bereits 120.000 Menschen einen Hirnschrittmacher implantiert. Vor allem bei neurologischen Erkrankungen kann die tiefe Hirnstimulation mit elektrischen Impulsen Symptome lindern. Erfolge gibt es beispielsweise bei Epilepsie oder beim Tourette-Syndrom, einer Krankheit, bei der Betroffene zum Beispiel Schimpfwörter ausstoßen, ohne es zu wollen.

Der Hirnschrittmacher hilft bei neurologischen Erkrankungen

Auch so genannte Dystonien, also unwillkürliche Verkrampfungen, können sich durch sanfte Stromstöße lösen. Das gilt auch für Tics, also unkontrollierbare, ruckartige Bewegungen mit dem Kopf. Für viele Parkinson-Patienten kommt ein Hirnschrittmacher meist dann in Frage, wenn Medikamente nicht mehr wirken. 

"Im fortgeschrittenen Stadium der Parkinson-Erkrankung ist es so, dass die Medikamente nur noch für kurze Zeit eine gute Beweglichkeit hervorbringen und die Patienten über mehrere Stunden am Tag unbeweglich sind. Das heißt, sie können nicht laufen, sie können nicht Autofahren und kommen in der Wohnung praktisch gar nicht vorwärts."

Professor Kai Bötzel, Oberarzt Neurologische Uniklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München

Elektroden im Kopf stimulieren das Gehirn

Wer sich einen Hirnschrittmacher einsetzen lässt, muss eine lange Prozedur über sich ergehen lassen. Zuerst kommen Elektroden ins Gehirn. Sie geben Tag und Nacht Strom ab und regen damit bestimmte Gehirnregionen an. Bei Parkinson-Patienten wird die Motorik so stimuliert, dass sie meist wieder ganz gut laufen können. Auch das Zittern lässt nach.

"Ich hatte keine Angst vor der Operation. Ich habe nichts gemerkt, ich habe nur gehört, wie oben aufgebohrt wurde am Kopf. Aber sonst überhaupt nichts. Man spürt keinen Schmerz."

Evelyne Streitberger, Parkinson-Patientin mit Hirnschrittmacher

Patienten erleben das Einsetzen der Elektroden bei vollem Bewusstsein. Sie müssen während der Operation aktiv mitarbeiten und sagen, ob sich etwas tut. Denn die Elektroden bewirken nur etwas, wenn sie millimetergenau an der richtigen Stelle im Gehirn sitzen. Sie erhalten ihren Strom von einem kleinen Kästchen mit Batterien oder Akku, das bei einer weiteren Operation entweder in den Bauchraum oder unters Schlüsselbein kommt. Von außen ist der Hirnschrittmacher nicht sichtbar. Dennoch empfinden ihn manche als Fremdkörper.

Der Hirnschrittmacher kann Nebenwirkungen haben

Die sanften Stromstöße im Gehirn können ungewollte Effekte haben. Sie steuern dann nicht nur die Motorik, sondern reizen auch emotionale Schaltkreise. Einige Patienten leiden nach der Operation unter depressiven Neigungen, andere haben einen stärkeren Sexualtrieb als vorher und das kann die Partnerschaft belasten. Manche beginnen übermäßig viel zu essen, werden aggressiv oder fühlen sich in ihrer Persönlichkeit verändert. Etwa fünf von hundert Patienten sind von Nebenwirkungen betroffen. Trotzdem überwiegen für Betroffene die Vorteile des Eingriffs. Das ergab eine Studie, die Professor Christiane Woopen, die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, durchgeführt hat.

"Auf der einen Seite kann man die Vorbehalte gegen Hirnschrittmacher gut verstehen. Auch vor dem Hintergrund der furchtbaren Geschichte der Psychochirurgie aus dem letzten Jahrhundert ist man zurecht sehr vorsichtig mit dem Voranschreiten solch eingreifender Maßnahmen bei psychiatrischen Erkrankungen. Andererseits wäre es aber fatal, man würde wirksame Therapieverfahren vorenthalten, nur weil man da irgendwelche intuitiven Vorbehalte hegt."

Professor Christiane Woopen, Vorsitzende des Deutschen Ethikrates

In der Bevölkerung stoßen derartige neue medizinische Methoden oft erst mal auf Skepsis. Um so mehr, wenn sich die Anwendung ausweitet. Hirnschrittmacher werden nämlich nicht nur eingesetzt, um der Motorik auf die Sprünge zu helfen, sondern neuerdings auch bei schwerst Depressiven. Kritikern geht spätestens da die tiefe Hirnstimulation zu weit. Ihr Argument: Hier steht die Identität auf dem Spiel. Elektroden im Gehirn führen möglicherweise zu einem Charakterwandel, der die Persönlichkeit zerstört. Diese Ängste vor ungewollten Effekten hegen auch Betroffene. Sie gehen dennoch manchmal das Risiko ein und lassen sich einen Hirnschrittmacher einsetzen, um wieder ein halbwegs normales Leben führen zu können.   

"Nach der Operation habe ich vier Wochen lang keine einzige Tablette gebraucht, nichts, da ist es mir wirklich gut gegangen. Mir war so als ob überhaupt nichts gewesen wäre."

Evelyne Streitberger, Parkinson-Patientin mit Hirnschrittmacher


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