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Geheimnisvolle Faszien Die Rolle des Bindegewebes bei Schmerzen

Rückenschmerzen sind oft schwer zu behandeln und Sportverletzungen meist langwierig. Der Grund dafür liegt auch in den Faszien. Moderne Medizintechnik und traditionelle Physiotherapie sind diesem unterschätzten Gewebe auf der Spur.

Von: Monika Dollinger / Redaktion: Susanne Poelchau

Stand: 10.09.2013

Frau greift sich an den schmerzenden Rücken | Bild: colourbox.com

Faszien sind das Bindegewebe aus Kollagen, das unter anderem die Muskeln umhüllt. Faszien haben sehr unterschiedliche Aufgaben zu erfüllen: vom weichen Bindegewebe bis zur Lumbalfaszie, die große mechanische Kräfte überträgt. Allen gemein ist die starke Anpassung an die jeweiligen biomechanischen Aufgaben im Netzwerk des Körpers. Damit geben sie dem ganzen Bewegungsapparat Struktur und die nötige Spannung.

Unbekannt und unbeachtet

Eine weißliche, ungefähr einen Millimeter dicke Hülle - so sehen Faszien aus. Da sie ihre Elastizität verlieren, wenn sie zum Beispiel bei einer Operation angeschnitten werden, wirken sie für die meisten Mediziner uninteressant.

"Medizin-Studenten lernen im sogenannten Präp-Kurs das Unterhautfettgewebe wegzuschneiden, um zu den Organen, also zu den 'spannenden' Stellen im Körper zu gelangen. Dabei sind die Faszien im Weg. Das erklärt, dass Faszien lange Zeit vernachlässigt wurden. Aber wenn man sie bei Lebenden untersucht, sieht man ein glitzerndes kristallenes Material, das sehr faszinierend ist."

Dr. Robert Schleip, Physiotherapeut und  Biologe

Faszien sichtbar machen: Die Elastographie

Ein spezielles Ultraschallverfahren gibt neben dem Ultraschall noch eine Scherwelle ins Gewebe ab: Sie ermöglicht es, die Elastizität des Gewebes zu berechnen.

"Mit Gewebemessungen kann ich bestimmen, ob ich einen 100-Meter-Läufer oder einen Mittelstrecken-Läufer vor mir habe - allein von der Gewebeelastizität der Oberschenkelmuskulatur her."

Dr. Heike Jäger, Biologin

Zentrum für Faszienforschung in Ulm

Zur Zeit wird an der Universitätsklinik in Ulm eine Studie durchgeführt. Dabei werden Normwerte für die Steifigkeit der Faszien im Rücken, in der Achillessehne und im Bereich der Schulter bei gesunden Menschen ermittelt. Weitere Studien mit Kranken sollen folgen, um folgende Fragen zu klären: Wie schwingt das Gewebe bei Patienten mit Rückenschmerzen? Wie verändern sich die Werte durch verschiedene manuelle Therapien, die Verspannungen und damit Schmerzen lösen wollen?

Der neue Trend der Sportmedizin

Muskeln sind bei Sportlern häufig schon sehr gut austrainiert. So rücken die Faszien in den Focus und werden von Spitzensportlern gezielt trainiert und elastisch gehalten. Denn ein Schwimmer braucht lockeres Bindegewebe, um zum Beispiel seine Arme beim Kraulen weit strecken zu können.

Kaputte Faszien - Ursache für Schmerz

Eigentlich sind Faszien ein klar strukturiertes Gitternetzwerk. Wenn sie aber zu wenig bewegt werden, zum Beispiel bei einem Gipsbein, dann wuchern die Kollagen-Fasern in alle Richtungen - wie bei einem verfilzten Pullover. Faszien in so einem Zustand sind starr und für viele Arten von Schmerzen, auch Rückenschmerzen verantwortlich.

"Auch jede Nervenzelle hat eine Faszienhülle. Durch Verhärtungen, Verfilzungen oder Verdickungen der Faszien werden Nervenzellen eingeengt. Dann entstehen Schmerzen, richtige Nervenschmerzen."

Neuroanästhesist Dr. Werner Klinger, Günzburg

Ein besonders empfindsames Gewebe

Außerdem  liegen in den Faszien selbst auch viele Nervenenden, die bei Entzündungen oder Verletzungen des Bindegewebes Schmerzen melden. Ohne Faszien gibt es also keine reibungslosen und schmerzfreien Bewegungen.

"Im Bewegungsapparat sind Faszien neben Knochen und Muskeln die dritte Säule, die in Zukunft eine große Bedeutung spielen wird. Vor allem um Menschen, die mit Rückenschmerzen oder sonstigen Gelenk- und Bewegungsschmerzen geplagt sind, besser helfen zu können."

Prof. Wolfgang Kratzer, Leiter des zentralen Ultraschalls, Universitätsklinikum Ulm

Wie Faszien gesund bleiben

  • Bewegungen nicht einfach nur mit Kraft durchzuführen, sondern auf Dynamik, Elastizität und Spannung setzen.
  • Nicht gleichbleibende Übungen nacheinander abhaken wie im Sportunterricht, sondern sich vielseitig bewegen.

"Dehnen, strecken und räkeln wie Katzen - im Übergang zwischen Ruhe und Aktivität. Sinnlich Yoga-artiges genussorientiertes Räkeln. Eine Katze versucht, die größte Einzugsfläche in der Dehnung zu finden - bis in die Schwanzspitze hinein."

Dr. Robert Schleip, Physiotherapeut und  Biologe


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