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Keine Befreiung vom Schwimmunterricht Schwimmen in der Schule - für viele Muslime kein Problem

Vor einem Jahr entschied der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, dass muslimische Mädchen am Schwimmunterricht teilnehmen müssen, auch wenn Jungs dabei sind. Nur für eine Minderheit der Muslime ist das ein großes Problem.

Von: Anna Küch

Stand: 10.01.2018

Zweitklässler von zwei Neuköllner Schulen rutschen am 03.06.2015 im Kombibad in Gropiusstadt in Berlin eine Wasserrutsche hinunter.  | Bild: picture-alliance/dpa

Jungs und Mädchen gemeinsam im Schwimmbecken, das stößt bei einigen strenggläubigen Muslimen auf Unbehagen. Doch muslimische Schüler müssen am Schwimmunterricht teilnehmen so hatte es der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg vor einem Jahr entschieden. Denn die Schulpflicht ist wichtiger als die Religionsfreiheit.

Schulpflicht geht vor Religionsfreiheit

Bereits 2013 wurde ein Grundsatzurteil vom Bundesverwaltungsgericht in Deutschland gefällt, sagt der Jurist und Islamwissenschaftler Matthias Rohe von der Uni Erlangen. Es sage im Prinzip das Gleiche aus. Schließlich sei es inzwischen möglich, in einem sogenannten Burkini am Schwimmunterricht teilzunehmen. Das Anliegen, seinen Körper zu verhüllen, werde gesehen.

"Und der Umstand, dass sie mal Jungs in Badehosen sehen muss: Sie kann ja weggucken und zweitens muss man das aushalten. Auch das gehört zu unserer Gesellschaft."

Matthias Rohe, Islamwissenschaftler von der Universität Erlangen

Die Kinder müssen also am Schwimmen teilnehmen und sei es im Burkini, also im Ganzkörperbadeanzug. Wieviele Konflikte es an Schulen tatsächlich gibt, lässt sich schwer abschätzen.

Immerhin Hinweise gibt es. Laut einer Befragung von Muslimen aus dem Jahr 2008, die das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und die Deutsche Islamkonferenz durchgeführt haben, handelt es sich um eine Minderheit. Gerade mal zwei Prozent der Mädchen sollen aus religiösen Gründen nicht am gemeinsamen Schwimmunterricht teilnehmen. Hinzu kommt, dass in den meisten Bundesländern, unter anderem in Bayern, der Schwimmunterricht ohnehin ab der 5. Klasse getrennt verläuft.

"Ich denke, das ist wieder so ein Thema, was in der Öffentlichkeit sehr gepusht wird und sehr emotional diskutiert wird. Aber im alltäglichen Leben hat es keine Bedeutung, weil es nur sehr wenige Schülerinnen betrifft."

Nurhan Soykan, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Zentralrats der Muslime

Eine Minderheit hat ein Problem mit dem Urteil - und zwar ein gravierendes

Aber für diese wenigen Schülerinnen ist das ein sehr schwerwiegender Eingriff sagt Nurhan Soykan vom Zentralrat der Muslime:

"Sie müssen sich vorstellen, ein junges Mädchen mit 13 oder 14, das ein Kopftuch trägt, soll plötzlich beim Schwimmunterricht mitmachen und da hat sie natürlich ein Problem mit. Und das Urteil sagt ja, es ist ein Kompromiss, wenn sie in einem Burkini teilnimmt. Die allermeisten kommen damit auch gut klar. Aber es gibt eben auch Einzelfälle, wo das Mädchen in dem Anzug partout nicht vor die Klasse treten will, und in diesem Fall bin ich der Meinung, dass man eine Befreiung aussprechen sollte."

Nurhan Soykan

In manchen Fällen dürfen diese Mädchen dann auch außerhalb der Schule privat ihre Schwimmabzeichen machen in besonderen Frauenschwimmkursen. Manchmal hilft aber auch das Gespräch mit den Eltern, um diese davon zu überzeugen, ihre Töchter teilnehmen zu lassen.

Ahmad Mansour

Das Thema wird auch unter Muslimen kontrovers diskutiert. Ahmad Mansour der Sprecher vom Muslimischen Forum Deutschland glaubt, dass die Dunkelziffer von Mädchen, die nicht am Schwimmunterricht teilnehmen, größer ist als angenommen.

"Ich kenne ganz, ganz viele Fälle, wo Eltern doch ein Problem damit haben, und nicht wollen, dass ihre Töchter nackt, oder halbnackt oder mit Bikini schwimmen gehen, ich kenne eine ganz andere Statistik aus den Schulen, wo Lehrer mir auch tagtäglich berichten, dass viele Mädchen nicht teilnehmen."

Ahmad Mansour

Viele Fälle würden einfach nicht gemeldet sagt Ahmad Mansour und das sei ein großes Problem. Er fordert, dass die Schulen diese Fälle konsequenter verfolgen und die Eltern dazu zwingen, ihre Töchter teilnehmen zu lassen.

Der Prophet hat das Schwimmen als Sportart empfohlen

Das Verbot überhaupt religiös zu begründen ist schwierig. Nirgendwo im Koran stehe, das ein Mädchen nicht schwimmen sollte sagt  Nurhan Soykan vom Zentralrat der Muslime.

"Es gehört sogar zu den Sportarten, die unser Prophet empfohlen hat, neben Reiten und dem Bogenschießen. Es ist ein sehr empfohlener Sport, und die meisten muslimischen Eltern legen auch großen Wert darauf. Es gibt kein allgemeines Problem mit dem Schwimmen, ganz im Gegenteil."

Nurhan Soykan


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Atze, Mittwoch, 10.Januar, 16:14 Uhr

8. Schwimmen kann man auch vor dem 10., 11.Lebensjahr ,vor Tragen des Kopftuches,

Lernen.
In den Schulen, in denen viele Muslime sind, sollte in der Unterstufe mit dem Schwimmunterricht begonnen werden.Da gibt es dann kein Problem mehr. Die Jungen sind dann auch noch nicht in der Pubertät und die Mädchen dürften in diesem Alter Jungen in Badehose nicht anstössig finden.
In Holland müssen z.B. die Kinder zeitig gut schwimmen lernen durch die vielen Kanäle.

Motzki, Mittwoch, 10.Januar, 15:23 Uhr

7.

Wenn man hier im Land leben möchte, dann muß einem auch klar sein, daß man dann auch tatsächlich hier lebt. Zu der Lebensweise hier gehört nun mal, daß Mädchen und Jungs gemeinsam in die Schule gehen und gemeinsam schwimmen gehen.
Integration ist etwas, das die Dazukommenden leisten müssen. Die Ansässigen können helfen und das wohlwollend begleiten, aber es liegt an den Zugereisten, sich zu integrieren und sich auf die Lebensweise hier einzulassen und die lokalen Gesetze zu respektieren.

Fred, Mittwoch, 10.Januar, 15:15 Uhr

6. Ein Problem?

Angenommen, ich wäre eine strenggläubige Frau, die nur mit dem Kreuz auf der Brust, aber mit kürzerem Rock und ohne Kopftuch in Saudi-Arabien unterwegs wäre?
Was würden Muslime sagen? Wären sie tolerant, weil ich eine Ausländerin bin?

  • Antwort von Erich , Mittwoch, 10.Januar, 15:20 Uhr

    Erwarten Sie da wirklich eine Antwort?

  • Antwort von Hrdlicka, Mittwoch, 10.Januar, 15:27 Uhr

    @Fred: aber gewiß doch, allerdings nur weil Sie es sind !

  • Antwort von Squareman, Mittwoch, 10.Januar, 15:42 Uhr

    Was für eine Frage, sie müssen froh sein wenn sie nur festgenommen werden und nicht gesteinigt. Aber wir sind da toleranter, wir tolerieren auch die Intoleranten, zumindest solange bis uns die Intoleranten nicht mehr tolerieren.

Leo Bronstein, Mittwoch, 10.Januar, 13:33 Uhr

5. öffentliches Statement vs. Einstellung von Befragten

>Ich denke, das ist wieder so ein Thema, was in der Öffentlichkeit sehr gepusht wird und sehr emotional diskutiert wird. Aber im alltäglichen Leben hat es keine Bedeutung, weil es nur sehr wenige Schülerinnen betrifft.< (Zitat)

.
Laut einer Studie aus dem Jahr 2016, durchgeführt durch die Universität Münster, gaben 32% der Befragten Türken (in Deutschland) an, daß sie der der Aussage >Muslime sollten die Rückkehr zu einer Gesellschaftsordnung wie zu Zeiten des Propheten Mohammeds anstreben< stark, bzw. eher zustimmen.

Aus meiner Sicht besteht eine deutliche Diskrepanz zwischen dem, was Frau Soykan in ihrem Statement äußert und dem, was die Einstellung der Befragten betrifft.

  • Antwort von Bürger, Mittwoch, 10.Januar, 14:14 Uhr

    Im Statement wird auch geäußert, dass wenn man sich nicht an die Regeln anpassen möchte, dann solle man ein Befreiung davon aussprechen.
    Da liegt der Kern des Problem für den Staat als Hüter der Gesetze. Der Staat garantiert individuelle Freiheit, und unterstellt, dass der Einzelne aber sich (freiwillig, erzwingen kann er das nie!) auch mit seiner Religion an die Gesetze (Grundgesetz etc.) hält. Ein Staat kann auch mit "einem Volk von Nichtschwimmern" existieren. Allerdings nicht mehr, wenn Teil der Gesellschaft sich an mehr Regeln ihrer Religion gebunden fühlen und damit über dem Grundgesetz stellen.
    Dann stellt sich die Frage, warum sollen dann andere Personen, die hier seit Jahrzehnten im Sinne des Staates diese Regeln selbstverständlich beachten und auch vor allem an ihre Kinder weitergeben (und damit den Fortbestand sichern) daran auch noch gebunden fühlen sollen?

winfried, Mittwoch, 10.Januar, 13:02 Uhr

4. (Mädchen)Schwimmen in der Schule ... für eine Muslim-Minderheit ein Problem ?!

Diese Minderheit und der behördliche Umgang damit, sind das Problem !!!