Bayern 2


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Kommentar zum Fleischatlas "Tierwohl ist kein lästiges Anhängsel der Agrarpolitik"

Jeder Deutsche isst im Jahr fast 60 Kilogramm Fleisch. Zu wenige aber achten nach Meinung von Johanna Stadler auf den Tierschutz. Dabei sei Tierwohl nicht das, was CSU-Landwirtschaftsminister Schmidt darin sehe: Ein lästiges Anhängsel der Agrarpolitik.

Von: Johanna Stadler

Stand: 11.01.2018

Eine schleichende Industrialisierung geht auch durch Brandenburgs Landwirtschaft. Die Massentierhaltung in immer größeren Ställen ist längst Teil der globalen Turboproduktion von Billigfleisch geworden. Doch wie steht es um die Folgen der Sojaimporte, der Fleischexporte, des Antibiotikaeinsatzes, der Stickstoffemissionen und Monokulturen? - Schweinemastanlage in Bremen. | Bild: BR/rbb/PETA Deutschland e.V.

Für die Tiere auf dieser Erde hat das Unglück vor rund einer Million Jahren begonnen, als  der homo sapiens auf die Idee kam, Tiere zu töten, und diese über dem Feuer schmackhaft zuzubereiten. Der Fleischkonsum hielt sich damals in Grenzen, zumal es recht aufwändig und gefährlich war, sich ein gutes Stück zu sichern. Heute ist das ungleich einfacher und zudem sehr billig.

Fleischproduktion in Massen ist schädlich für Tier und Umwelt

Im Schnitt leistet sich in Deutschland jeder von uns jährlich 60 Kilogramm Fleisch.  Dessen Genuss könnte einem freilich verleidet werden - wenn man sich bei jedem Bissen vor Augen führen würde, was die konventionelle Tierhaltung – auch gern für den Export -  so alles mit sich bringt: Viele Millionen Schweine und Rinder hierzulande produzieren deutlich mehr Gülle und Jauche, als unsere Böden aufnehmen können und damit mehr, als für unser Trinkwasser gut ist.

Methanausstoß, Pestizide, Sojaproduktion - das Beiwerk der Massentierhaltung

Auch dem Klima schadet das tägliche Steak auf dem Teller: Das liegt einerseits am Methan, das Wiederkäuer produzieren, andererseits an deren Futter, das meistens aus Monokulturen stammt, die mit reichlich Pestiziden besprüht werden. Außerdem zeigt der Blick über den Tellerrand deutscher Ernährungsgewohnheiten hinaus: Eine wachsende Weltbevölkerung kann nun mal nicht mit immer mehr tierischen Produkten versorgt werden, dazu bietet die Erde einfach zu wenig Fläche.

Nicht jeder muss vegetarisch oder vegan leben

Diese Fakten sind nicht neu – aber wer es wagt, sie in Erinnerung zu rufen, muss mit dem geballten Zorn einer Allianz von Bauerverband, Fleischindustrie und überzeugten Fleischessern rechnen, die sofort das Menschenrecht der freien Entfaltung am Esstisch bedroht sieht. Doch gemach: Es geht überhaupt nicht darum, alle zu Vegetariern und Veganern zu machen - es geht einfach nur um eine Nummer kleiner: im eigentlichen Sinn des Wortes. Kleinere Fleischportionen, und auch das vielleicht nur ein, zweimal in der Woche – so wie das in früheren Zeiten üblich und keineswegs genussfeindlich war.

Die Verbraucher sind oft einfach überfordert oder zu bequem

Wenn dieses Fleisch dann auch noch aus Betrieben stammt, die auf die Qualität von Boden, Luft, Wasser und auf eine artgerechte Haltung achten, dann ist das ein kleiner Schritt für jeden einzelnen, aber ein großer für die Umwelt und für das Tierwohl. Tierwohl allerdings nicht so, wie CSU-Landwirtschaftsminister Schmidt das definiert – als lästiges Anhängsel einer Agrarpolitik, die den im Grundgesetz verankerten Tierschutz für eine unverbindliche Möglichkeit hält. Dabei sind die Verbraucher durchaus für mehr Tierschutz – wenn auch manchmal zu bequem, zu sparsam oder zu überfordert, diesen Anspruch beim Einkaufen durchzusetzen. Da läuft es oft nach dem Motto: "Der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach". Da aber wir Menschen uns nach allgemeiner Einschätzung von den Tieren durch unsere Vernunft unterscheiden, ist zu hoffen, dass diese Vernunft sich beim Einkauf immer öfter durchsetzt. Einfach mal probieren: Denn - der Anfang ist schon die Hälfte des Ganzen.


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