Bayern 2


6

Helfer selbst in Not Tierheime fühlen sich im Stich gelassen

Gemäß den Paragrafen 965 ff des Bürgerlichen Gesetzbuches und der Bayerischen Fundverordnung sind die Gemeinden verpflichtet, so genannte Fundtiere - also Tiere, die ihrem Halter entlaufen sind - entgegenzunehmen und unterzubringen. Die Kommunen verfügen aber in der Regel über keine geeigneten eigenen Unterbringungsmöglichkeiteen. Deshalb arbeiten sie mit Tierheimen vor Ort zusammen. Die Kosten müssen die Kommunen erstatten, doch das birgt reichlich Zündstoff.

Von: Chris Köhler, Landwirtschaft und Umwelt

Stand: 06.12.2017

Warum die Ausgaben der Tierheime steigen

Pro Tier und Tag schlägt ein Hund mit 15 bis 21 Euro zu Buche, eine Katze mit sechs bis zwölf Euro, und für Kleintiere fallen drei bis sieben Euro an. Diese Kosten setzen sich zusammen aus Ausgaben für Futter, Tierarzt sowie Unterbringung. Zusätzlich zu diesen Fixkosten kommen noch die Ausgaben für Heizung, Personal, Öffentlichkeitsarbeit, eventuell Pachtzahlungen und so weiter. Im Durchschnitt verbleiben "Fundtiere" wie Hund, Katze und Co. bis zu vier Monaten im Tierheim. Ältere Tiere bleiben erfahrungsgemäß länger. Regelrechte "Ladenhüter" sind Reptilien und so genannte "Listenhunde", gemeint sind Kampfhunde.

Tierheime in Not - wo liegt der Hund begraben?

... und die Wasserschildkröte im Büro: die Tierheime platzen oft aus allen Nähten

Die Tierheime sind in akuter Finanznot. Seit Jahren schwinden die Einkünfte durch Spenden und Erbschaften. Zwar müssen die Kommunen den Tierheimen die Kosten für die Aufnahme von Fundtieren erstatten. Doch diese Fundtier-Erstattung laufe selten reibungslos, beklagen die Tierheime. Denn verbindlichen Vorgaben über die Höhe und Dauer dieser Kostenerstattung für Fundtiere gibt es nicht. Für wilde oder beschlagnahmte oder sonst wie abgegebene Tiere bezahlen die Kommunen ohnehin nichts.

"Fundtiere, das ist ein großes Thema. Wer trägt die Kosten, wenn ein Tiertransport aufgebracht wird? Wie lange werden die Kosten übernommen, wenn das ein Listenhund ist, der schwer vermittelbar ist? Der ist dann ein bis zwei Jahre im Tierheim. Diese Kosten werden gar nicht mehr getragen. Das sind so Punkte, wo die Tierheime Bittsteller werden."

Marius Tünte, Pressesprecher Deutscher Tierschutzbund

Gemeindetag: "Finanzierungsdefizit wird bleiben"

Seit Jahren schwinden die Einkünfte durch Spenden und Erbschaften

Der Bayerische Gemeindetag verteidigt sich. Grundsätzlich werde jedes Tier viele Wochen lang als Fundtier angesehen, heißt es auf Anfrage des Bayerischen Rundfunks. Dafür bezahlten die Gemeinden auch auf die eine oder andere Weise, so Stefan Graf vom Bayerischer Gemeindetag. Dass Kommunen Tierheime mehr oder weniger im Stich lassen, möchte der Bayerische Gemeindetag deshalb so nicht stehen lassen. Bei der Fallpauschale habe es Vollzugsanweisungen gegeben. Die seien aber außer Kraft gesetzt. Und es gebe derzeit auch Revisionsverfahren beim Bundesverwaltungsgericht, wo strittige Dinge noch zu entscheiden seien. Aber der Bayerische Gemeindetag, so Stefan Graf, sei zuversichtlich, dass man sich annähern und für Bayern einen guten Rahmen schaffen könne, wie man Fundtiere behandelt.

"Aber damit haben wir nicht die großen Finanzierungsfragen der Tierheime gelöst. Denn Fundtiere sind nur ein Aspekt. Und seitens der Gemeinden wird man nie sagen, man zahlt die gesamte Verweildauer, sondern nur für den angemessenen Zeitraum. Also wird ein Finanzierungsdefizit bleiben."

Stefan Graf, Bayerischer Gemeindetag

Freie Wähler in Bayern schlagen Tierschutz-Fonds vor

Wegen der finanziellen Notlage der Tierheime plädieren die Freien Wähler im Bayerischen Landtag dafür, dass der Freistaat wieder zu einem Fonds für den Tierschutz im bayerischen Haushalt zurückfindet. 1994 war ein mit 100.000 D-Mark aufgelegter Fördertopf von der Staatsregierung ersatzlos gestrichen worden. Baden-Württemberg, Thüringen, Nordrhein-Westfalen und andere Bundesländern haben bereits solche Notfallfonds eingerichtet.

"Man kann nicht immer nur sagen, 'macht das mal! Leute, spendet mal!', und der Staat hält sich zurück bei Dingen, die die Finanzierung betreffen. Es gibt Tierschutzvereine, da braucht es eine energetische Sanierung. Das ist eine Aufgabe, die die Gesellschaft zu tragen hat. Wenn im Grundgesetz verankert ist, der Staat ist dazu verpflichtet, dann kann man nicht sagen: der Staat ist nicht verantwortlich, sondern die Kommunen."

Benno Zierer, umweltpolitscher Sprecher der Freien Wähler im Bayerischen Landtag

Deutsche Tierheime in Zahlen

Schätzungen zufolge gibt es bundesweit etwa 1.000 Tierheime: gemeinnützig oder von Privatpersonen geführte. Dem Deutschen Tierschutzbund mit Sitz in Bonn sind rund 550 Tierheime angeschlossen, davon allein in Bayern mehr als 190. Jahr für Jahr werden, so die Angaben des Tierschutzbundes, in diesen Heimen rund 300.000 Tiere betreut. Spitzenreiter sind Katzen, gefolgt von Hunden und Kleintieren. Mittlerweile landen auch immer mehr Exoten wie Reptilien in den Tierheimen. Das ist ein nicht zu unterschätzender Kostenfaktor. Die Unterbringung ist speziell. Spezialisierte Tierärzte sind nötig. Terrarien etwa können schnell 1.000 Euro und mehr kosten. Dazu kommen Probleme etwa bei der Vermittlung.

Linktipps:

Tierschutzbund, Hilfe für Tierheime:
https://www.tierschutzbund.de/information/hintergrund/tierheime/hilfe-fuer-tierheime/

Bayerischer Gemeindetag:
https://www.bay-gemeindetag.de/Informationen/Aktuelles.aspx


6