Steiners Erben Zum 150. Geburtstag von Rudolf Steiner
Er war Lebensreformer, Mystiker, Künstler und Pädagoge, und er ging von einem esoterischen Zugang zu besonderem Wissen aus. So schwer greifbar seine Lehre auch ist - was daraus hervorging, hat sich zu einer beispiellosen Erfolgsgeschichte entwickelt. Und das nicht nur in den Waldorfschulen.
Bei Rudolf Steiner kann man von der "Erkenntnis höherer Welten", vom "Ätherleib" und vom "Astralleib" des Menschen und von Christus als einem "führenden Sonnenwesen" lesen. Seine Lehre wollte eine umfassende Deutung von Natur und Geschichte geben - und bleibt in vielen Zügen dunkel. Ihre praktischen Anwendungen jedoch sind längst auch über anthroposophische Kreise hinaus ein Begriff: Steiner hat mit seinen Waldorfschulen die Pädagogik reformiert, er etablierte die biologisch-dynamische Landwirtschaft und legte die Grundlagen zu einer alternativen Heilkunde.
Einflüsse: Goethe, Mystik, Christentum
Rudolf Steiner, geboren 1861 als Sohn eines österreichischen Bahnbeamten im heute kroatischen Kraljevec, studierte zunächst in Wien Naturwissenschaften und Mathematik. Über seine Beschäftigung mit Goethe kam er zur Literatur und Philosophie, in den 1890er-Jahren arbeitete er am Goethe-Schiller-Archiv in Weimar an der Herausgabe der naturwissenschaftlichen Schriften des bewunderten Dichters mit.
Was man später "ganzheitlich" nannte, sah Steiner in Goethes Denken grundgelegt: die Betrachtung von Mensch und Welt jenseits der Perspektive einzelner Fachwissenschaften. Um die Jahrhundertwende wurde Steiner zu Vorträgen in der "Theosophischen Gesellschaft" eingeladen und trat der Bewegung bei, 1902 wählte man ihn zum Generalsekretär der deutschen Sektion. Gegen die stark indisch geprägte Mystik der Sektion wollte er zunehmend abendländische Traditionen und ein neu interpretiertes Christentum stark machen. Es kam zum Bruch, 1913 gründete Steiner die "Anthroposophische Gesellschaft".
Mensch und Welt:
"Diese Scheidewand zwischen uns und der Welt errichten wir, sobald das Bewusstsein in uns aufleuchtet. Aber niemals verlieren wir das Gefühl, dass wir doch zur Welt gehören, dass ein Band besteht, das uns mit ihr verbindet, dass wir nicht ein Wesen außerhalb, sondern innerhalb des Universums sind."
Rudolf Steiner, "Die Philosophie der Freiheit" (1893)
Das große Projekt einer Reformschule
Nun hatte seine Lehre, die aus sehr unterschiedlichen geistesgeschichtlichen Quellen schöpft, einen Namen: Es ging ihm um eine neue Sicht auf den Menschen und seine Stellung in der Welt. Auch soziale und pädagogische Fragen, für die Steiner sich schon immer interessiert hatte - er war als junger Mann Privatlehrer gewesen -, rückten nun stärker in den Fokus. 1919 hatte Steiner die Gelegenheit, seine pädagogischen Ideale konkret umzusetzen: Direktor und Betriebsrat der Stuttgarter "Waldorf-Astoria"-Zigarettenfabrik beauftragten ihn, eine Schule für die Kinder der Arbeiter zu errichten. An der Uhlandshöhe entsteht die erste Waldorfschule.
Die Waldorfschulbewegung ist wohl das wichtigste Erbe Rudolf Steiners. Heute lernen Schüler an insgesamt fast 1.000 Schulen nach seinem Modell. Der Unterricht soll nicht einseitig reproduzierbares Wissen vermitteln, sondern "Kopf, Herz und Hand" der Schüler fördern. Die künstlerische Arbeit ist im Unterrichtsplan fest verankert - und die Anthroposophie hat eine ganz eigene Ästhetik in Kunst und Architektur entwickelt. Wichtiges Beispiel ist das "Goetheanum" in Dornach bei Basel, gebaut nach Entwürfen von Steiner, Sitz der Anthroposophischen Gesellschaft und Kulturzentrum für Bühnenaufführungen. Eröffnet wurde der Bau erst 1928, drei Jahre nach Steiners Tod.

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