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"Das unrettbare Ich" Egon Schiele im Kunstbau des Lenbachhauses

"Sehr talentiert, aber pervers", lautete vor 100 Jahren das Urteil vieler Kunstkritiker über den österreichischen Expressionisten Egon Schiele. Im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses werden seine vermeintlich kranken Bilder nun als hellsichtige Beiträge zu den Debatten und Tabus seiner Zeit präsentiert.

Stand: 29.11.2011

Der junge Aufsteiger Schiele - mit 17 Jahren suchte er Gustav Klimt persönlich auf, mit 19 verbuchte er seinen ersten Ausstellungserfolg - wurde schon zu seinen kurzen Lebzeiten zum Mythos. Dafür sorgte sein Gönner, der Kunstkritiker und Sammler Arthur Roessler, der in seinen Texten begann, das Werk Schieles vor allem als unmittelbaren Ausdruck der Biografie und des überaus ernsten, prophetischen Charakters des Künstlers zu begreifen.

Die gegenwärtige Ausstellung im Kunstbau, zu der ein großartiger Katalog erscheint, wirft einen neuen Blick auf Schieles Kunst und blendet die Biografie des Malers, der mit 28 Jahren von der Spanischen Grippe dahingerafft wurde, weitgehend aus. Seine Bilder werden vielmehr als starke eigene Positionen im Kontext der Debatten seiner Zeit präsentiert. Schon der Titel der Münchner Schau weist ins Zentrum der damaligen Diskussion: Es ist die Krise des Individuums, die der österreichische Kritiker Hermann Bahr auf den Punkt brachte: "Das Ich ist unrettbar".

Selbstverwandlung ist Programm "Das unrettbare Ich"

Zwei männliche Gestalten (Doppelselbstbildnis)

Gut 170 Selbstdarstellungen hat Egon Schiele zwischen 1905 und 1918 geschaffen: inszenierte Fotos und jede Menge Zeichnungen und Gemälde, die den Maler in unterschiedlichen Rollen und Posen zeigen: Mal mit strenger krauser Denkerstirn, mal nackt mit Grimasse, mal als geknickter Prediger, mal onanierend, mal gedoppelt als "Selbstseher" oder als bloßer Kopf mit großen Händen. Schiele erforscht und demonstriert darin die Wandlungsfähigkeit des Ich, genauer, er zeigt es als eines, das wesentlich vieles ist, das durch und durch unbeständig und stets im Fluss ist.

Rilkes Rollenspiel

"Ich lernte damals den Einfluss kennen, der unmittelbar von einer bestimmte Tracht ausgehen kann. Kaum hatte ich einen dieser Anzüge angelegt, musste ich mir eingestehen, dass er mich in seine Macht bekam; dass er mir meine Bewegungen, meinen Gesichtsausdruck, ja sogar meine Einfälle vorschrieb; meine Hand, über die die Spitzenmanschette fiel und wieder fiel, war durchaus nicht meine gewöhnliche Hand; sie bewegte sich wie ein Akteur, ja, ich möchte sagen, sie sah sich selber zu, so übertrieben das auch klingt. Diese Verstellungen gingen indessen nie so weit, dass ich mich mir selber entfremdet fühlte; im Gegenteil, je vielfältiger ich mich abwandelte, desto überzeugter wurde ich von mir selbst". Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

"Ich bin alles zugleich, aber niemals werd' ich alles zu gleicher Zeit tun", schreibt der Maler in einem seiner mit "Selbstbild" überschriebenen Gedichte. Seine vielen Selbstdarstellungen in teilweise extremen Posen sind weder Zeugnisse eines besessenen Narzissten, noch spontane Enthüllungen der psychischen Befindlichkeit des Malers, sondern Schieles Beitrag zur Problematik der Selbstwahrnehmung des Ich, die bereits Friedrich Nietzsche, Ernst Mach und Rainer Maria Rilke umgetrieben hat. Letzterer hat in seinen Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge das Rollenspiel geschildert, in dem sich das Ich inszeniert und als ein Vielfältiges entdeckt, das in seinen Wandlungen seine Stärke erkannt.

Hoch oder quer? Oben oder unten? Irritationen des Raumes

Cello-Spieler

Wo sitzt er, auf einer Bühne oder in seinem Zimmer? Ja sitzt er überhaupt? Und auf was? Nichts verrät das 1910 gemalte Bild "Cello-Spieler", nicht einmal das Instrument ist sichtbar. So reduziert und auf einen Aspekt konzentriert stellt Schiele seine Figuren dar, dass sie ohne Halt frei im Raum zu schweben scheinen. Statt seine Figuren - was vor allem seit der Porträtmalerei der Renaissance Usus war - in charakteristischen Umgebungen mit bezeichnenden Attributen zu positionieren, lässt er Stellen auf dem Papier leer und verändert extra ihre natürliche Lage.

Aufrecht liegen?

Die schlafende Mutter des Künstlers

Schlafende Frauen - am prominentesten wohl Schieles "Schlafende Mutter" von 1911 - und liegende Akte stellt er aufrecht oder kopfüber hin und markiert das Hochkantformat mit seiner Signatur. Umsonst, Viele Sammler und Kuratoren wollten sich nicht irritieren lassen: Sie korrigierten den Maler und hängten die Bilder der Schwerkraft entsprechend quer.

Die Münchner Schau - eine Zusammenarbeit mit der Albertina in Wien - rückt das wieder zurecht und räumt auch sonst mit so manchen Verstellungen und Verhunzungen von Egon Schieles Werk auf.

Seine drastischen Aktdarstellungen etwa - so mancher Akt wurde von seinem Besitzer, da, wo es "unanständig" wurde, weggeknickt oder gar abgeschitten - werden als Anverwandlung von berühmten erotischen japanischen Holzschnitten präsentiert. Schiele und sein Lehrer Klimt haben eine beachtliche Sammlung dieser "Shunga" oder "Fruhlingsbilder" genannten japanischen Erotika besessen. Inspiriert von den Freiheiten der ostasiatischen Kultur suchte Schiele mit seinen Aktdarstellungen die Konfrontation mit der verlogenen und verklemmten Sexualmoral seiner Zeit. Diese Bilder – so stellt Helena Perena im Ausstellungs-Katalog klar, "zeigen keine Objekte der Begierde, sondern den problematischen Umgang mit der Sexualität. Dafür bot die Drastik der japanischen Darstellungen ein geeignetes Vorbild."

Egon Schiele: "Das unrettbare Ich" Werke aus der Albertina

Die Ausstellung im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses läuft vom 3. Dezember bis 4. März.
Obwohl diese Schau auf großes Interesse stößt - bis 31.1. haben 41.600 Besucher die Ausstellung besucht - kann sie leider nicht verläüngert werden, denn dann läuft die Vorbereitung der nächsten Schau schon auf Hochtouren, die ab 31. März im Kunstbau zu sehen ist.Marcel Duchamp in München 1912.
Dienstag bis Sonntag: 10 bis 18 Uhr.