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"Radikal jung" im Münchner Volkstheater

Theaterfestival "Radikal jung" im Münchner Volkstheater

Zum 13. Mal findet "Radikal jung" heuer statt. Neun Produktionen junger Regisseure - fünf davon inszenieren zum ersten Mal beim Festival "Radikal jung" - eröffnen Perspektiven auf die Theaterlandschaft von morgen. Vom 28. April bis zum 7. Mai 2017 stellt sich die neue Generation von RegisseurInnen im Münchner Volkstheater vor.

"Radikal jung" hat schon so einige Bühnenexperimente ans Volkstheater gebracht: Körper-Performances und Sound-Installationen, inklusives Theater und Theater ohne Sprache zum Beispiel. Auch der neue Jahrgang verspricht eigenwillige Zugänge zu den Themen der Gegenwart: Es geht um Identitäten und Rollenklischees, um Körper und Bilder, um Bürokratie und Individualität. Und die große Frage der Gegenwart nach Medium und Wirklichkeit findet sich ebenfalls in den Produktionen des Festivals wieder.

Mediale Existenz, Realität, Bild

Theater ist selbst ein Medium - und das Leben im Medialen ein wichtiges Thema für junge Theatermacher. Mit der Produktion "Der 2. Mai 2017", zu sehen eben genau am 2. Mai 2017 bei "Radikal jung", greift Jan Philipp Stange eine TV-Institution auf - die Tagesschau.

"Der 2. Mai 2017"

Zeitgleich zur Sendezeit inszeniert er sein Stück, baut mit Live-Texten aus der Sendung eine eigene Nachrichtenlage und kontrastiert sie mit einem gespielten Privat-Idyll. Die Bilder und Stereotypen - und die Logiken, nach denen sie funktionieren, nimmt sich Nora Abdel-Maksoud in ihrer Arbeit mit dem Titel "The making-of" vor: Superhelden, schöne Frauen, böse Mächte, sie alle sind dabei in ihrer Farce über eine Filmproduktion, bei der sich die Beteiligten in Rollenklischees, ökonomischen Interessen und dem Hunger nach einem Häppchen Starruhm verheddern. Und das alles mit politischem Hintergrund, vor allem in der Auseinandersetzung mit Geschlechterbildern und ihren gesellschaftlichen Funktionen.

Um diese Bilder geht es auch in einer ebenso persönlichen wie dokumentarischen Selbsterkundung von Samira Elagoz. Die finnisch-ägyptische Künstlerin mit Wohnsitz in Amsterdam setzt Intimität und Virtualität ins Verhältnis. Ihr Auftritt dreht sich um sexuelle Selbstbestimmung und Selbstvermarktung, sie nimmt das Publikum mit durch Online-Plattformen, durch digitale und echte Begegnungen, gefilmte Realität und Performance, und in all diesen Facetten wird ein verletzliches und starkes Individuum sichtbar.

"Radikal jung" 2017: Die eingeladenen Regisseure

Böhm

Leonie Böhm
"Nathan die Weise"
Nach Gotthold Ephraim Lessing
Thalia Theater Hamburg

Leonie Böhm, Jahrgang 1982, arbeitet als Regisseurin, Performerin und bildende Künstlerin. Sie studierte Bildende Kunst an der Kunsthochschule Kassel und schloss das Studium 2011 als Meisterschülerin bei Urs Lüthi ab. Neben ihrem Kunststudium hospitierte und assistierte sie am Staatstheater Kassel. 2011 begann sie mit einem Schauspielregiestudium an der Theaterakademie der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. Die im Rahmen des Studiums entstandenen Regiearbeiten „Bittere Tränen“ (2014) und „Kasimir und Karoline“ (2015) wurden zu zahlreichen Gastspielen eingeladen (u.a. Nachtasyl/Thalia Theater Hamburg, OUTNOW Festival/Theater Bremen, Young Artists Week Salzburg). Neben dem Studium ist Leonie Böhm regelmäßig an freien Theaterprojekten beteiligt. Leonie Böhm inszenierte mit „Nathan die Weise“ erstmalig am Thalia Theater in der Gaußstraße (Garage).

Aufführung: Fr, 28. April, 19:30 Uhr, Große Bühne

Gürler

Suna Gürler
"Stören"
Von Suna Gürler und Ensemble
Maxim Gorki Theater Berlin

Suna Gürler, Jahrgang 1986, ist als Regisseurin, Schauspielerin und Theaterpädagogin tätig. Seit 2004 ist sie regelmäßig am jungen theater basel engagiert und bringt dort u.a. die Inszenierungen „Tschick“, „Flex“ und „Wohin du mich führst“ heraus. Seit der Spielzeit 2013/14 ist Suna Gürler am Gorki tätig. Mit ihrer Jugendclub-Produktion „Kritische Masse“ wird sie zum Theatertreffen der Jugend 2015 eingeladen. Als Schauspielerin steht sie in Sebastian Nüblings Produktionen „Und dann kam Mirna“ und „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“, das 2014 von den Kritikern zum Stück des Jahres gewählt wurde, auf der Bühne. In der Spielzeit 2016/17 erarbeitet sie die Inszenierung „Stören“.

Aufführung: Sa, 29. April, 19:30 Uhr, Große Bühne

Abdel-Maksoud

Nora Abdel-Maksoud
"The Making-of"
Von Nora Abdel-Maksoud
Maxim Gorki Theater Berlin

Nora Abdel-Maksoud, geboren in München, begann 2005 ihr Schauspielstudium an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg. Seit 2009 arbeitet sie als freischaffende Schauspielerin für Film- und Theaterproduktionen. Sie spielte u. a. am Hans-Otto-Theater Potsdam, am Ballhaus Naunynstraße sowie aktuell am Maxim Gorki Theater Berlin. 2012 zeigte sie am Ballhaus Naunynstraße ihre erste Regie- und Autorinnenarbeit „Hunting von Trier“, die in einer Hörspielfassung im Deutschlandradio Kultur gesendet wurde. 2014 schrieb und inszenierte sie „KINGS“, das am Ballhaus Naunynstraße uraufgeführt und zum Festival radikal jung am Münchner Volkstheater eingeladen wurde. 2015/16 folgten „Die Geschichte von Buffalo Jim“ am Studio Я des Maxim Gorki Theaters sowie die Uraufführung von „Mad Madams“ am Neuen Theater Halle und „Sie nannten ihn Tico“ am Münchner Volkstheater. „The Making-of“ hatte am 13. Januar 2017 Premiere.

Aufführungen: So, 30. April / Mo, 1. Mai, jeweils 19:30 Uhr, Große Bühne

Witt

Johanna Louise Witt
"Wenn die Rolle singt oder der vollkommene Angler"
Von und mit Thomas Niehaus und Paul Schröder
Thalia Theater Hamburg

Johanna Louise Witt, Jahrgang 1991, studierte nach längerem Auslandsaufenthalt in Argentinien „Communication and Cultural Management“ in Friedrichshafen. Während ihres Studiums organisierte sie u.a. das studentische Kulturfestival „seekult“ und realisierte ein eigenes Theaterprojekt. Nach Hospitanzen bei Jan Bosse und Leander Haußmann ist sie seit 2014 feste Regieassistentin am Thalia Theater. Sie inszenierte die Thalia-Soap-Staffel „Rennbahn der Leidenschaft #3.2“ und richtete mehrere Lesungen ein, so „Die Lange Nacht der Weltreligionen“ im Rahmen der Lessingtage 2016 oder „Arbeit und Struktur“ im Nachtasyl. Dort führte sie auch 2015 in Zusammenarbeit mit ihrem Kollegen Giacomo Veronesi Regie beim Theaterexperiment „Über die Stunde hinaus“. In der Spielzeit 2016/2017 führt sie Regie bei ihrer ersten eigenen Inszenierung.

Aufführungen: Mo, 1. Mai und Mi, 3. Mai, 20:00 Uhr / Di., 2. Mai, 17:00 und 21:00, Kleine Bühne

Stange

Jan Philipp Stange
"Der 2. Mai 2017"
Koproduktion von studioNAXOS und der Hessischen Theaterakademie
Münchner Volkstheater

Jan Philipp Stange, Jahrgang 1987,lebt und arbeitet in Frankfurt am Main als Regisseur, Autor und Performer. Er studierte Literatur, Philosophie, Theater-, Film- und Medienwissenschaft sowie Regie in Hamburg und Frankfurt. Seine Inszenierungen wurden u.a. am Schauspielhaus Hamburg, bei der Ruhrtriennale, im Mousonturm Frankfurt, am Thalia Theater Hamburg und am Theater Bremen gezeigt. Seit 2012 arbeitet er auch in Tel Aviv kontinuierlich mit israelischen KünstlerInnen zusammen. 2014 hat er das selbstverwaltete Theater studioNaxos in Frankfurt mitbegründet, eine Plattform für die Entwicklung neuer, zeitgemäßer Produktionen in den performativen Künsten. „Der 2. Mai 2017“ hatte Premiere als „Der 26. November 2015”, wurde vom Lichter-Festival eingeladen, für den Ponto-Performance-Preis nominiert und beim Körber-Studio „Junge Regie” 2016 zur Shortlist der besten drei Inszenierungen gezählt. Seine letzte Arbeit an der Regie-Hochschule „Abschlussinszenierung” wurde im November 2016 im Rahmen des Kongresses „Theater als Kritik” der deutschen Gesellschaft für Theaterwissenschaft gezeigt.

Aufführung: Di, 2. Mai, 19:40 Uhr, Große Bühne

Charaux

Nicolas Charaux
"Das Schloss"
Nach dem Roman von Franz Kafka
Münchner Volkstheater

Nicolas Charaux ist 1982 in Lunéville, Frankreich, geboren. Er studierte Literaturwissenschaft an der Universität von Tours und Schauspiel am Conservatoire d’Art dramatique ebendort. Seit 2009 lebt Charaux in Wien, dort absolvierte er 2014 sein Regiestudium am Max Reinhardt Seminar, ihm wurde der Würdigungspreis des Bundesministeriums für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft verliehen. Seine Inszenierung „Die Affäre Rue de Lourcine“ von Labiche wurde zum Körber Studio Junge Regie 2014 am Thalia Theater in Hamburg eingeladen. Im selben Jahr erhielt er für seine Inszenierung von Walter Kappachers „Der Abschied“ den Young Directors Award der Salzburger Festspiele. 2015 inszenierte er mit dem Jungen Ensemble Hörbiger „Merlin oder Das wüste Land“ von Tankred Dorst, im Frühjahr 2016 am Berliner Ensemble „Victor oder Die Kinder an der Macht“ von Roger Vitrac, am Münchner Volkstheater „Dämonen“ von Lars Norén und am Burgtheater „Über meine Leiche“ von Stefan Hornbach, eine Koproduktion mit den Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin.

Aufführung: Mi, 3. Mai, 19:30 Uhr, Große Bühne

Karabulut

Pınar Karabulut
"Gott wartet an der Haltestelle"
Von Maya Arad Yasur
Staatsschauspiel Dresden

Pınar Karabulut, Jahrgang 1987, studierte Theaterwissenschaft, Kunstgeschichte und Neuere Deutsche Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Ihre erste Inszenierung am Schauspiel Köln, „INVASION!“ von Jonas Hassen Khemiri, wurde zu „Radikal jung“ in München und zum „Kaltstart Festival“ Hamburg eingeladen. Für ihre Inszenierung von Dirk Lauckes „Furcht und Ekel. Das Privatleben glücklicher Leute“ am Schauspiel Köln erhielt sie den Nachspielpreis des Heidelberger Stückemarktes. Außerdem inszenierte sie im Studio Я des Maxim Gorki Theaters Berlin. In der Spielzeit 2016/2017 eröffnet sie mit der Uraufführung „Karnickel“ von Dirk Laucke die Außenspielstätte Offenbachplatz des Schauspiel Köln, die sie mit leiten wird. Am Staatsschauspiel Dresden inszeniert Pınar Karabulut „Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“ nach Janne Teller und die Deutsche Erstaufführung „Gott wartet an der Haltestelle“ von Maya Arad Yasur. Zuletzt inszenierte sie die Uraufführung von Herbert Achternbuschs „DOGTOWN Munich“ am Münchner Volkstheater.

Aufführung: Do, 4. Mai, 19:30 Uhr / Fr, 5. Mai 17:00 Uhr und 21:00 Uhr, Große Bühne

Fischer

Florian Fischer
"Kroniek oder wie man einen Toten im Apartment nebenan für 28 Monate vergisst"
Von Florian Fischer
NT Gent

Florian Fischer hat Regie an der Otto Falckenberg Schule studiert und assistierte unter anderem bei Stefan Pucher, Michael Thalheimer und Johan Simons. Derzeit inszeniert er in Gent.
Im vergangenen Jahr war er mit einem Stück von Ewald Palmetshofer bei "Radikal jung", "die unverheiratete", das die Nachwirkungen einer Denunziation in den letzten Kriegstagen fortschrieb. Nun zeigt er mit "Kroniek oder wie man einen Toten im Apartment nebenan für 28 Monate vergisst" - ein eigenes Stück, das er in Gent inszeniert hat: die fragmentarsiche Chronik eines unbeachteten Todes in der Gegenwart.

Aufführung: Sa, 6. Mai, 17:00 und 21:00 Uhr, Große Bühne

Elagoz

Samira Elagoz | Bild: Münchner Volkstheater

Samira Elagoz
"Cock, Cock.. Who's There?"
Von Samira Elagoz


Samira Elagoz, Jahrgang 1989, ist eine finnisch-ägyptische Künstlerin und lebt in Amsterdam. Sie schloss ihr Studium der Choreographie an der Kunstakademie in Amsterdam 2016 ab. 2014 gewann sie den „Bloom Award“ in Köln mit ihrem Kurzfilm „Four Kings“. 2016 erhielt sie den „André Veltkamp Award“ für ihre dokumentarische Performance „Cock, Cock. Who's There?“. Ihr erster Spielfilm „Craigslist Allstars“ hatte im November 2016 beim holländischen Filmfest IDFA Premiere.

Aufführung: So, 7. Mai, 19:30 Uhr, Große Bühne

Postdramatisch: Aktuelle Improvisation und öffentliche Introspektion

In diesem Jahr greifen nur zwei der neun eingeladenen Produktionen kanonische Stoffe der Literaturgeschichte auf: Nicolas Charaux lässt sich von Kafkas Roman "Das Schloss" inspirieren und Leonie Böhm von Lessings "Nathan der Weise", womit sie heuer die einzige ist, die bei "Radikal jung" auf ein klassisches Drama zurückgreift. Damit spiegelt sich im Programm des Festivals ein Trend, der bereits in den vergangenen Jahren bei "Radikal jung" und überhaupt in der gegenwärtigen Theaterlandschaft zu beobachten ist: Die Theaterbühne wird zur Performance-Bühne, die Darsteller gehorchen nicht vorgegebenen literarischen Texten und verkörpern nicht fixe Figuren, sondern entwickeln, oft gemeinsam mit den RegisseurInnen, neue Projekte. Stimme, Gestik, Beleuchtung und Bühnenbild - im traditionellen Sprechtheater im Dienst der vorzuführenden Handlung - entwickeln jetzt im sogenannten "postdramatischen Theater" ein Eigenleben. Das Theater integriert andere Medien - Fotos, Audios, Videos und TV: sogar live wie eben Jan Philipp Stange in "Der 2. Mai 2017" -, es öffnet sich anderen Künsten wie dem Tanz und dem Gesang - und vor allem anderen Stoffen: der aktuellen politischen Lage, sozialen Problemen, emanzipatorischen Kämpfen und persönlichen Krisenszenarien.

Publikumsgespräche mit Bayern 2

Zu jeder der zum Festival eingeladenen Inszenierungen findet im Anschluss an eine der Vorstellungen ein Publikumsgespräch statt. Auf dem Podium sitzen jeweils die Regisseurin oder der Regisseur und ein Vertreter aus der Jury des Festivals.

Moderation: Sven Ricklefs (Bayern 2)

Publikumspreis, Zeitung, Party

Der Auswahljury für "Radikal jung" gehören auch in diesem Jahr die Schauspielerin Annette Paulmann, der Theaterkritiker Prof. C. Bernd Sucher und Kilian Engels an, der inzwischen als Stellvertretender Direktor an die Otto Falckenberg Schule gewechselt ist, aber nach wie vor das Festival im Volkstheater leitet. Das Team sichtete zahlreiche Produktionen und wählte neun aus, die sich am Münchner Volkstheater präsentieren dürfen. Während des Festivals hat dann das Publikum die Wahl: Jeden Abend kann es im Anschluss an die Aufführungen sein Votum abgeben, aus den abgegebenen Stimmen wird am Ende der Publikumspreis von "Radikal jung 2017" ermittelt.

Auch ein Rahmenprogramm begleitet wieder die Theaterwoche im Volkstheater: Eine Festivalzeitung - schön old-school auf Papier - stellt Themen, Köpfe und Stücke bei "Radikal jung" vor, am 7. Mai findet um 17:00 Uhr ein Abschlussgespräch mit den Regisseuren und der Jury statt. Und der "Tanz in den Mai" kann heuer nicht wie letztes Jahr am letzten Abend stattfinden, sondern gehört schlicht kalendarisch schon auf den dritten. Angekündigt wird er als "Geheimkonzert" - die Band ist gebucht, so ist zu erfahren, wird aber erst kurz vor der Veranstaltung bekanntgegeben. Man darf also nicht nur auf anregende Theaterabende gespannt sein.

"Radikal jung 2017"

Das Festival junger Regisseure

28. April bis 7. Mai 2017
Münchner Volkstheater

Informationen zu Programm und Tickets auf der Homepage des Festivals: