Bayern 2 - Zum Sonntag

Hans-Georg Becker Frische Luft, das erwarten wir!

Als Papst Johannes XXIII. im Oktober vor 50 Jahren das 2. Vatikanische Konzil eröffnete, fragte ein Freund, was er sich denn davon erwarte. Der Papst soll ein Fenster seines Arbeitszimmers aufgerissen und gesagt haben: "Frische Luft, das erwarten wir vom Konzil."

Stand: 13.01.2012
Hans-Georg Becker | Bild: Privat

Sollte diese Anekdote nicht wahr sein, dann ist sie jedenfalls gut erfunden. Die Menschen, welche die Zeit vor dem Konzil bewusst erlebt haben, werden immer weniger. Die später Geborenen können sich kaum vorstellen, welche Enge, welch stickige Atmosphäre in der Kirche damals herrschte und wie bitter notwendig eine gehörige Portion an Frischluft war. Die Angst vor dem, was man, im Gegensatz zur Kirche, "die Welt" nannte und für böse hielt, war beherrschendes Element. Der bewusste Rückzug aus dieser bösen Welt und die Ablehnung der ebenso bösen Moderne führten in ein Getto, in dem es sich keineswegs fröhlich glauben ließ.

Kirchenputzerinnen waren willkommen

Kirche verstand sich damals keineswegs als Gemeinschaft der Gläubigen, sondern als eine Mehrklassengesellschaft aus Klerikern und Laien: An der Spitze der absolut herrschende Papst, dann die Bischöfe als seinen Beamten, die seine Anordnungen auszuführen hatten, und schließlich der gewöhnliche Klerus, der vor Ort das Sagen über die unmündigen Laien hatte. Eine wie immer geartete Mitwirkung dieser Laien gab es nicht. Die Position der Frau in der Kirche? Wenn nicht Klosterschwester, dann allenfalls Caritassammlerin. Kirchenputzerinnen waren allerdings willkommen.

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Auch in der Liturgie war eine echte Teilhabe der Gläubigen nicht erwünscht. Die sogenannte stille Messe, die der Priester am Altar mit dem Rücken zum Volk und in lateinischer Sprache flüsternd las, war an der Tagesordnung. Das konnte etwa zu der grotesken Erscheinung führen, dass an drei oder vier Altären nebeneinander gleichzeitig entsprechend viele Priester, jeder für sich allein und assistiert nur von einem Ministranten, vor sich hin zelebrierten.

Religiöse oder theologische Literatur brauchte die kirchliche Genehmigung, Zensur war so alltäglich wie die Verbannung von religiösen wie rein weltlichen Werken auf den Index der verbotenen Bücher. Moderne Literatur war verpönt, ebenso wie die moderne bildende Kunst und die Musik. Und die Wissenschaften standen unter Generalverdacht.

Ständige Erneuerung

Unter ökumenischer Gemeinschaft mit anderen christlichen Kirchen verstand man die Aufforderung, reumütig in den Schoß der katholischen Kirche zurückzukehren. Von Religionsfreiheit gar nicht zu reden.

Mit vielem räumte das II. Vatikanum auf, viele Fragen blieben trotzdem offen – was in der Natur der Sache liegt. Ein dreijähriges Konzil kann nicht den Schutt der Jahrhunderte komplett abräumen. Doch verstand sich diese gewaltige Reformleistung auch gar nicht als einmaliger Akt. Es ging vor allem darum, eine grundsätzliche Bereitschaft zum Dialog und zur ständigen Erneuerung zu wecken.

Was die heutige kirchliche Wirklichkeit betrifft, so ist davon nicht viel übrig geblieben. In Deutschland gibt es zwar einen sogenannten Dialogprozess zwischen Bischöfen und Laien, doch die Themen wollen die Bischöfe diktieren – keine guten Aussichten. Das gilt auch für die zentrale Leitung der Kirche im Vatikan, wo man, den Papst nicht ausgeschlossen, bestrebt scheint, wenn schon nicht das ganze Konzil, so doch manche seiner Errungenschaften zurückzunehmen. Dazu ein Zitat des großen Theologen und Religionsphilosophen Eugen Biser: "Eine solche Kirche braucht keine Feinde mehr, denn sie arbeitet selbst auf ihren Ruin hin."