Heinrich Bedford-Strohm Wie war das mit dem Glashaus und den Steinen?
Moralische Empörung kann etwas sehr Gesundes sein. Sie hilft nämlich dazu, dass verloren gegangene moralische Maßstäbe wieder zurechtgerückt werden. Wer sich empört, sagt: so geht es nicht. Was da passiert, ist unerträglich.
Im Moment haben wir ziemlich viel moralische Empörung. Viele Menschen nehmen Anteil an der Diskussion um den Bundespräsidenten, weil sie das Gefühl haben, dass die moralischen Maßstäbe verloren gegangen sind. Dumm nur, dass Manche zu völlig entgegen gesetzten Schlüssen kommen. Die einen greifen den Bundespräsidenten an und sagen: Das geht nicht, dass sich Politiker von Wirtschaftsleuten zu privaten Vergnügungen einladen lassen. Wirtschaft und Politik müssen klar getrennt sein. Sie sehen diese Regel vom Bundespräsidenten verletzt und sind empört darüber.
Die anderen sind ebenso empört. Aber aus ganz anderem Grunde. Der Bundespräsident – so sagen sie – wird in unerträglicher Weise bloßgestellt. Die Journalisten, die ihn jagen, sollten sich schämen!
Empörung - pro oder contra - Hauptsache laut!
Und im Internet gießen beide Lager Häme übereinander aus und schreiben Dinge, für die der Ausdruck "unter der Gürtellinie" noch eine Beschönigung wäre. Das Maß ist verloren gegangen. Es ist Zeit, Stopp zu sagen und nochmal nachzudenken. Dazu sind die biblischen Geschichten oft sehr hilfreich. Mir fällt zum Thema moralische Empörung eine Geschichte über den König David ein, der nach seiner Affäre mit der schönen Bathseba Besuch vom Propheten Nathan bekommt.
Und Nathan erzählt dem König eine Geschichte: "Es waren zwei Männer in einer Stadt, der eine reich, der andere arm. Der Reiche hatte sehr viele Schafe und Rinder; aber der Arme hatte nichts als ein einziges kleines Schäflein, das er gekauft hatte. Und er nährte es, dass es groß wurde bei ihm zugleich mit seinen Kindern. Es aß von seinem Bissen und trank aus seinem Becher und schlief in seinem Schoß und er hielt's wie eine Tochter. Als aber zu dem reichen Mann ein Gast kam, brachte er's nicht über sich, von seinen Schafen und Rindern zu nehmen, um dem Gast etwas zuzurichten, der zu ihm gekommen war, sondern er nahm das Schaf des armen Mannes und richtete es dem Mann zu, der zu ihm gekommen war. Da geriet David in großen Zorn über den Mann und sprach zu Nathan: So wahr der HERR lebt: Der Mann ist ein Kind des Todes, der das getan hat! Dazu soll er das Schaf vierfach bezahlen, weil er das getan und sein eigenes geschont hat. Da sprach Nathan zu David: Du bist der Mann!" (2. Samuel 12, 1b-7)
Und die eigenen moralische Maßstäbe?
Was mich an dieser Geschichte besonders fasziniert, ist die moralische Empörung des Königs, Sie ist echt. David ist ehrlich zornig über das moralische Fehlverhalten des reichen Mannes. Und er merkt überhaupt nicht, dass er selbst wie dieser reiche Mann ist, der sich falsch verhalten hat.
Über die Verquickung von Politik und Wirtschaft zu diskutieren ist richtig, ja notwendig. Denn demokratische Entscheidungen müssen den Menschen und der Sache dienen und dürfen nicht durch Lobbyisten gesteuert werden. Aber die Diskussion darum darf nicht zur Rechtfertigung persönlicher moralischer Herabwürdigung werden, gleich auf welcher Seite.
Diejenigen, die sich über grenzwertige Vorteilsannahmen von Politikern erregen, sollten jedenfalls vorher nochmal genau prüfen, ob sie bei ihrer eigenen Steuererklärung oder bei der Handwerkerhilfe ohne Quittung die gleichen strengen Maßstäbe an sich selbst angelegt haben.
Und diejenigen, die sich über kritische Journalisten empören, sollten zuallererst darauf schauen, ob sie selbst eigentlich die Maßstäbe der Fairness einhalten.
Der Splitter im Auge des anderen und der Balken im eigenen Auge
Den Balken im eigenen Auge zu sehen anstatt sich über den Splitter im Auge des anderen zu empören, ist jedenfalls nicht falsch. David versteht. Er sagt zu Nathan: Ich habe gesündigt gegen den HERRN. Und Nathan antwortet: So hat auch der HERR deine Sünde weggenommen; du wirst nicht sterben.
Moralische Empörung ist manchmal höchst angebracht. Aber sie beginnt bei dem kritischen Blick auf sich selbst. Davon brauchen wir mehr. Das täte nicht nur unserer politischen Kultur gut. Auch für unser persönliches Leben kann das reinigend sein. David jedenfalls darf befreit weiterleben.

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