Bayern 2 - Zum Sonntag


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Klimagerechtigkeit Warum wir alle ein bisschen Tuvalu sind

Die Pazifikinseln von Tuvalu werden im Wasser versinken und wir sind schuld. Der Klimawandel darf uns darum nicht egal sein. Klimagerechtigkeit ist eine Aufgabe für alle Menschen, meint Heinrich Bedford-Strohm.

Von: Heinrich Bedford-Strohm

Stand: 29.11.2017

Heinrich Bedford-Strohm | Bild: Heinrich Bedford-Strohm

Der Pfarrer aus Tuvalu hatte Tränen in den Augen. Er war zur in Bonn tagenden Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, dem Kirchenparlament der deutschen Protestanten, zum Grußwort gekommen. Direkt nebenan tagte die Klimakonferenz der Vereinten Nationen, zu der sich viele Tausend Menschen aus aller Welt versammelt hatten. Unter ihnen auch Pfarrer Tafue Lusama aus Tuvalu, einer kleinen Insel im Pazifik. Nun richtete er einen eindringlichen Appell an unsere Synode. Seine Insel versinke wegen der Erderwärmung und dem steigenden Meeresspiegel im Wasser. Seit langer Zeit hätten die kleinen Inselstaaten auf internationaler Ebene auf ihre Situation hingewiesen. Doch je mehr Zeit verstrich, desto mehr – sagt Pfarrer Lusama – "versank unsere kleine Stimme im Meer der großen und mächtigen Länder. Weil wir klein, unbedeutend, arm und machtlos sind, schiebt man uns meist einfach zur Seite."

Pazifische Inselstaaten kämpfen ums Überleben

Während seines Besuchs in Bonn, so sagte er – "kämpfen Tuvalu und alle anderen, tiefliegenden pazifischen Inselstaaten ums Überleben. Je mehr sich die Auswirkungen des Klimawandels beschleunigen und je öfter unsere Küste von den zunehmend größeren und stärkeren Wirbelstürmen heimgesucht wird, desto härter und schwieriger wird unser Kampf." Er beendete sein Grußwort mit dem Verweis auf unseren gemeinsamen christlichen Glauben: "Es ist höchste Zeit, das Engagement für Klimagerechtigkeit und den Einsatz für globale Solidarität noch weiter zu verstärken. Als Christ glaube ich, dass es unsere heilige Pflicht ist, als Brüder und Schwestern zusammenzustehen, damit Heilung geschehen kann."

Zum Autor:

Heinrich Bedford-Strohm ist Landesbischof der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Seine Rede wird keiner vergessen, der ihm zugehört hat. Natürlich wissen wir, dass die Klimaerwärmung vor allem durch den hohen Ausstoß von Treibhausgasen verursacht wird. Im Jahr 2016 wurden in Deutschland 906 Millionen Tonnen Treibhausgase in die Luft geblasen. Ein großer Anteil ist der Verkehr. Die einzelnen Autos werden zwar umweltfreundlicher, aber es werden mehr Autos mit großen Motoren gekauft und es werden viel mehr Kilometer gefahren. Und damit ist die technisch erreichte CO2 Einsparung wieder futsch. Schlimmer noch: Durch den Verkehr ist der Ausstoß von Treibhausgasen in einem Jahr um 4 Millionen Tonnen gestiegen.

Und bei uns steigt und steigt der CO2-Ausstoß

Die Folge: Menschen wie Pfarrer Lusama werden ihre Heimat verlieren. Ihre Insel wird im Wasser versinken. Ich will mich nicht damit abfinden. Ich denke: Wie kann uns ihr Schicksal egal sein, wo wir wissen, dass sie im Pazifik ausbaden müssen, was wir hier verursachen?

Den größten Dreck machen bei uns die Braunkohlekraftwerke. Aber sie produzieren den billigsten Strom. Empirische Studien haben gezeigt, dass das Umweltbewusstsein in Deutschland sehr hoch ist. Die Studien haben aber auch gezeigt, dass es radikal sinkt, wenn es an den Geldbeutel geht. Wir beschweren uns über hohe Stromkosten. Schnell wechseln wir den Stromanbieter, wenn wir einige Euros sparen können. Aber raffen wir uns auch auf, um Strom zu sparen? Klar, eine Kilowattstunde Ökostrom ist ein paar Cent teurer als konventioneller Strom, aber können wir uns das wirklich nicht leisten? Und müsste ein so reiches Land wie unseres nicht in der Lage sein, denjenigen unter uns unter die Arme zu greifen, die so wenig Geld zum Leben haben, dass sie es finanziell vielleicht wirklich einfach nicht schaffen?

Das Umweltbewusstsein darf nicht am Geldbeutel enden

Die Technologien für eine drastische Reduzierung des CO2-Ausstoßes haben wir. Wir müssen nur bereit sein, dafür zu zahlen. Aus meiner Sicht wäre das nur fair. Verglichen mit vielen anderen Ländern geht es uns in Deutschland gut. Niemand muss hungern, wir haben ein gut ausgebautes soziales Netz, die Arbeitslosigkeit ist auf einem Tiefstand seit Jahren. Es geht uns gut. Lassen Sie uns gemeinsam mithelfen, dass es auch den Menschen in den anderen Ländern gut geht. Pfarrer Lusama und die Menschen in Tuvalu wollen ihre Heimat behalten, wollen in dem Land bleiben können, in dem auch ihre Eltern und Großeltern lebten. Die Menschen in Tuvalu sind weit weg. Aber ganz fremd sind sie uns auch nicht. Wir können uns vorstellen, wie es schlimm es wäre, wenn wir wegen einer Überflutung für immer unsere Heimat verlassen müssten. Alles zurücklassen müssten, was wir aufgebaut haben im Laufe der Jahrzehnte. Wir kennen die Menschen in Tuvalu nicht persönlich, aber wir sind alle Gottes Kinder auf der einen Erde, die uns allen gemeinsam anvertraut ist.


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