Schuldenkrise Die Bibel warnt vor Wucherzinsen
"Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern." Wir alle kennen diese Bitte aus dem Vaterunser. Interessanterweise wird dabei in der Überlieferung im Matthäus-Evangelium ein Begriff aus der Finanzwelt verwendet, der an Überschuldung erinnert. Hat uns die Bibel vielleicht auch etwas zur Schuldenkrise zu sagen?
Schulden werden in der Bibel überwiegend kritisch gesehen: "Wer borgt, ist des Gläubigers Knecht", heißt es in den Sprüchen Salomos, in denen auch davor gewarnt wird, für Schulden anderer zu bürgen. Dazu kommt das Problem mit den Zinsen: "Wenn du Geld verleihst an einen aus meinem Volk, an einen Armen neben dir, so sollst du an ihm nicht wie ein Wucherer handeln; du sollst keinerlei Zinsen von ihm nehmen."
Allerdings: Dieses Zinsverbot aus dem 2. Buch Mose ist auf den Bruder bezogen, auf das Mitglied des eigenen Volkes, und ist in der von Gott gestifteten Lebensgemeinschaft begründet. "Von dem Ausländer", so heißt es im Unterschied dazu im 5. Buch Mose, "darfst du Zinsen nehmen." Also, ganz so radikal wie das manchmal behauptet wird, ist das Zinsverbot der Bibel nicht. Jesus spricht in einem Gleichnis sogar davon, dass es besser ist, sein Geld auf die Bank zu bringen, anstatt es im Garten zu vergraben - so brächte es wenigstens Zinsen.
Dicker Gewinn trotz Zinsen
Die Zinskritik des Alten Testaments hat wohl vor allem zwei Zielrichtungen: Zum einen wendet sich die Bibel gegen Wucherzinsen, die es Schuldnern fast unmöglich machen, Kredite zurückzuzahlen. Zum anderen hängt die Zinskritik mit der Wirtschaftsstruktur im landwirtschaftlich geprägten Alten Israel zusammen: Der wesentliche Produktionsfaktor ist das Land. Grund und Boden sind aber im Prinzip nicht vermehrbar; die antike Wirtschaft ist daher ein Nullsummenspiel: Was der Eine gewinnt, zum Beispiel an Zinsen, das verliert der Andere.
Die heutige Wirtschaftsordnung sieht anders aus: Ein Unternehmen, das eine Investition plant, ist gerne bereit, sagen wir mal, 5 Prozent Zinsen für einen Bankkredit zu zahlen, wenn es sich von der Investition eine Rendite von 10 Prozent erhofft. Wenn alles gut geht, gewinnen bei diesem Geschäft das Unternehmen, die Bank und damit die Anleger, die bei der Bank ihr Geld angelegt haben. Auch die gesamte Volkswirtschaft gewinnt, weil es sich eben nicht um ein Nullsummenspiel handelt, sondern weil - wie Ökonomen sagen - der Kapitalstock der Volkswirtschaft gesteigert wird.
Sinnvolle Kredite
Kredite in diesem Sinn sind also sinnvoll, Zinsen für solche Investitionskredite nicht verwerflich. Das ließe sich auch für Immobiliendarlehen zeigen, solange es nicht zu Exzessen kommt wie in den USA. Und das gilt auch für die Idee der Mikrokredite in Dritt-Welt-Staaten, die Armen helfen sollen, eine eigene Existenz aufzubauen.
Davon zu unterscheiden sind Konsumentenkredite: Hier geschieht genau das, wovor die Bibel warnt, das Nullsummenspiel: Was der eine an Zinsen erhält, muss der andere zahlen. Man hat zwar den Vorteil, schneller an die ersehnten Möbel zu bekommen oder sich endlich mal eine große Reise leisten zu können - doch damit bürdet man sich ohne Not Lasten auf, denen in der Zukunft kein Ertrag mehr gegenüber steht.
Moralisches Dilemma
Ihre Meinung:
Wie ist Ihre Meinung zu unserer Sendung "Zum Sonntag"? Haben Sie Anregungen, was wir besser machen könnten? Und was gefällt Ihnen an der Sendung besonders gut?
Schreiben Sie uns:
zumsonntag@bayern2.de
Postanschrift
Bayerischer Rundfunk
Redaktion Religion und Kirche
Rundfunkplatz 1
80335 München
Telefon: 089/5900 - 3238
Telefax: 089/5900 - 3518
Staatsschulden sind noch problematischer. Denn hier wird das Prinzip "heute leben, morgen bezahlen" noch verschärft: Die Lasten werden anderen, nämlich künftigen Generationen aufgebürdet, deren Handlungsfreiheit auf diese Weise eingeschränkt. Zu Recht hat Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Friedenstreffen der katholischen Gemeinschaft Sant'Egidio zu Wochenbeginn in München die Schuldenkrise daher als moralisches Problem benannt: Es ist eben nicht nur wirtschaftlich vernünftig, wenn Staaten auf das Schuldenmachen verzichten, sondern auch ethisch geboten.
Zugegeben: Eine Lösung für die aktuelle Schuldenkrise ist das nicht. Und aus dem Vaterunser ergibt sich auch nicht einfach die Forderung nach einem Verzicht auf die Rückzahlung von Staatsschulden. Der Blick auf die Menschen, die hinter den vielen Zahlen stehen, darf aber nicht verloren gehen. So wie es Jesus um den einzelnen Menschen geht, dem von Gott ein unbeschreiblich großer Schuldenerlass gewährt wird. Ein Schuldenerlass, der - zumindest im persönlichen Bereich - eine Motivation für Großzügigkeit gegenüber anderen sein sollte.

Wetter

