Vom Erinnern Wie auf der eigenen Beerdigung
"Ich nehme an diesen Gedenkfeiern nicht teil – da käme ich mir vor wie auf meiner eigenen Beerdigung." So dachte und sprach Hanna Mandel, eine Jüdin aus Ungarn, die als einzige ihrer Familie das KZ Auschwitz überlebt und ihre letzten Lebensjahre in München verbracht hat.
"Ich nehme an diesen Gedenkfeiern nicht teil – da käme ich mir vor wie auf meiner eigenen Beerdigung." So dachte und sprach Hanna Mandel, eine Jüdin aus Ungarn, die als einzige ihrer Familie das KZ Auschwitz überlebt und ihre letzten Lebensjahre in München verbracht hat.
Falsche Betroffenheit
Dort haben wir uns kennengelernt und viel miteinander gesprochen. Ich hätte sie gerne gefragt, was sie eigentlich von dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus hält, der am 27. Januar wieder begangen wurde. Leider geht das nicht mehr. Würde sie noch leben, hätte Hanna Mandel gestern wahrscheinlich viel Zeit vor dem Fernseher verbracht, hätte sich die Gedenkreden angehört und bissige Kommentare gemacht: über die falsche Betroffenheit der Nichtbetroffenen, über die pompöse Feierlichkeit, die offenbar zu solchen Tagen gehört und mehr verhüllt als offenlegt. Sie wäre zu keiner Veranstaltung gegangen, aber sie hätte genau verfolgt, was im Bundestag und in den Medien an diesem Tag gesagt wurde. Denn es war ihr schon wichtig, was unsere Gesellschaft aus der Erinnerung an die Naziverbrechen macht.
Das war nicht von Anfang an so. In den ersten Jahren nach der Befreiung aus dem KZ war Erinnerung für sie kein Thema. Hanna Mandel war vollauf damit beschäftigt, ein neues Leben aufzubauen. Und es war auch viel zu schmerzhaft, an die Eltern und die sieben Geschwister zu denken, die die Befreiung nicht erlebt hatten. Erinnerungen schienen ihr gefährlich. Sie könnten ihr neues Leben zerstören, fürchtete sie.
"Warum habe ich keine Großeltern?"
Doch es war das Leben selbst, das die Erinnerungen aus der Vergangenheit zurückbrachte. Sooft andere von ihren Eltern erzählten, musste Hanna an ihre eigenen Eltern denken. Sooft sie ein Kind zur Welt brachte, hatte sie die schlimmsten Alpträume. Denn sie hatte in Auschwitz eine Geburt miterlebt und mit ansehen müssen, wie gleich nach der Geburt ein SS-Mann in die Baracke stürmte, der Mutter das Kind entriss und es in derselben Bewegung an einem Balken zerschlug. Hanna wollte ihre Töchter ohne die Schatten der Vergangenheit aufwachsen lassen. Doch eines Tages kam eine von ihnen vom Kindergarten nach Hause und fragte: "Warum habe ich keine Großeltern?" Hanna hatte keine Wahl. Die Erinnerungen kamen, ohne vorher zu fragen. Und ihre Töchter wurden älter und wollten mehr wissen. Die Vergangenheit war eine Realität, eine Macht, und sie schien für immer zu bleiben. Sie würde nicht aufhören wehzutun.
In ihren Lebenserinnerungen, die unter dem Titel "Beim Gehen entsteht der Weg" erschienen sind, beschreibt Hanna Mandel, wie sich das allmählich für sie veränderte. Wie sie merkte, dass Verdrängen oder Vergessen die Macht der Vergangenheit nicht schwächen konnte – im Gegenteil. Nur tapferes Erinnern konnte dabei helfen, der Vergangenheit nicht länger als passives Opfer ausgeliefert zu sein. Und so begann sie, aktiv zurückzudenken, lange Verblasstes wieder ins wache Bewusstsein zurückzuholen. Sie war regelrecht gierig danach, sich ihre Geschichte zurückzuerobern. Das war befreiend: Was sie klar vor Augen hatte, das konnte ihr keine Angst mehr machen, das konnte ihr Unterbewusstsein nicht mehr quälen. Ihr Leben gehörte immer mehr ihr selber. Das ist das Paradox des Erinnerns: Indem man sich der Vergangenheit bewusst wird, wird ihre Macht über die Gegenwart gebrochen.
Der Vergangenheit ins Auge blicken
Hanna Mandel war überzeugt, dass das nicht nur für die Verfolgten gilt, sondern auch für alle anderen. Man wird kompletter, man steht sicherer auf dem Boden, wenn man der Vergangenheit ins Auge blickt – der familiären Vergangenheit ebenso wie der des Landes. Man muss dann an Gedenktagen kein bedrücktes Gesicht mehr machen, sondern kann erhobenen Hauptes sagen: Ich weiß, was gewesen ist, und ich weiß, was zu tun ist, damit es bei uns menschlicher zugeht.

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