Bayern 2 - Zum Sonntag

Johannes Schießl kommentiert Der Bundespräsident und die religiöse Sprache

Seit sechs Wochen dreht sich die deutsche Debatte nun um den Bundespräsidenten. Das liegt sicher ein Stück weit an Christian Wulffs Salami-Taktik, aber auch an seiner unklaren Sprache, die mehr vermuten lässt als sie sagt.

Autor: Johannes Schießl Stand: 09.12.2011
Johannes Schießl | Bild: Privat

Oft genug wird dabei in die religiöse Wortschatz-Kiste gegriffen. Und solche Anleihen gehen meistens schief – ähnlich wie historische Vergleiche. So hat Christian Wulff in seinem Fernseh-Interview folgenden Satz aus dem achten Kapitel des Johannes-Evangeliums zitiert: "Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein." Wie wahr dieser Satz doch ist und wie einsichtig auf den ersten Blick, was übrigens für viele Jesus-Worte gilt. Doch ist er auch hier anzuwenden? Zumindest in zweierlei Hinsicht nicht. Denn erstens spricht diesen Satz im Evangelium nicht die betroffene Ehebrecherin, sondern Jesus, dessen Gesetzestreue hier auf die Probe gestellt werden soll.

"Wulffs TV-Beichte"

Bundespräsident Christian Wulff steht in der Kritik.

Und zweitens bezieht er sich auf eine existenzielle Notlage – nämlich auf die Bedrohung mit dem Tod durch Steinigung – und nicht auf das angemessene Verhalten in einem öffentlichen Amt. Aber nicht nur Christian Wulff hat sich da vergriffen, sondern auch viele Medien, die sich erstaunlicherweise immer noch religiöser Begriffe bedienen, wenn sie eine gewisse Bedeutungsschwere herstellen wollen. Da war etwa die Rede von "Wulffs TV-Beichte", vom "Präsidenten im Büßerhemd" oder von seinem "öffentlichen Kniefall". Das stimmt alles irgend-wie, aber mehr als es stimmt, stimmt es nicht.

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Eine Beichte findet nun einmal nicht im Fernsehen statt, Wulff trug einen Anzug und kein Büßerhemd, und er fiel auch nicht auf die Knie, sondern saß zwei Hauptstadt-Journalisten gegenüber. Die Beichte hingegen ist ein katholisches Sakrament, das allerdings immer mehr vergessen wird. Mit "Buße" ist im religiösen Bereich einerseits ein Akt gemeint, mit dem eine Schuld gegenüber Gott gesühnt werden soll. Buße drückt sich aus in Gebet und guten Taten. Andererseits meint Buße auch eine Haltung der Bescheidenheit und des Vertrauens auf Gottes Vergebung.

Das Bekennen von Verfehlungen

Man mag nun einwenden, es gebe auch so etwas wie zivilreligiöse Bußakte, die eine Gesellschaft immer wieder brauche, um sich zu reinigen. Als Bilder fallen einem schnell Willy Brandts Kniefall am Denkmal des Warschauer Ghettos vor über 40 Jahren ein oder das Schuldbekenntnis von Johannes Paul II. zum Millennium im Jahr 2000. Doch in beiden Fällen ging es nicht um eine individuelle Schuld des Bundeskanzlers oder des Papstes, sondern um das Bekennen von Verfehlungen eines Volkes oder einer Institution.

Auch hier muss zum Bußakt im übertragenen Sinn die Reue und die Umkehr kommen, sonst ist so etwas wie Vergebung nicht möglich. Die Unsitte, sich selbst entlasten zu wollen, hat freilich weit um sich gegriffen. Nicht nur kleine Kinder murmeln – mehr oder weniger schuldbewusst – ein schnelles „Tschulligung“, oder die Deutsche Bahn behauptet per Durchsage von sich, sie selbst entschuldige sich für Verspätungen. Doch da geht etwas durcheinander, was den Absender und den Empfänger der Botschaft an-langt. Richtig müsste es vielmehr heißen: „Ich bitte um Entschuldigung.“ Das gilt sogar für einen Bundespräsidenten.