Bayern 2 - Zum Sonntag

Pater Jörg Dantscher Menschen zu Gott schleppen?

Es gibt im Evangelium, wie es uns Markus (Mk 2,1-12) berichtet, eine Erzählung, die mich immer wieder berührt: Jesus ist in seine Lieblingsstadt, nach Kafarnaum gekommen...

Autor: Jesuitenpater Jörg Dantscher Stand: 17.02.2012
Pater Jörg Dantscher | Bild: Privat

Durch seine Freunde spricht sich seine Ankunft sehr schnell herum und viele kommen, um ihn zu sehen. Vor dem Haus gibt es einen großen Andrang von Menschen. Es bringen auch ein paar Männer einen Schwerkranken auf seinem Bett zum Hause Jesu, sehen dann aber, dass sie durch das Gedränge nicht bis zu ihm vordringen können und beschließen, den Kranken über die Dächer der anliegenden Häuser bis zu dem Dach zu schleppen, unter dem Jesus sich aufhält.

Jesus vergibt dem armen Kranken

In Predigten wird oft an den Kranken mit seinem Vertrauen, an Jesus mit seiner heilenden Kraft  und an die Schriftgelehrten  mit ihren ärgerlichen Fragen gedacht. Denn Letztere finden es ja anmaßend, dass Jesus dem armen Kranken die Sünden vergibt, nur weil er durch das aufgebrochene Dach auf seinem Bett abgeseilt worden war. Ich denke bei dieser Erzählung allerdings meistens an die Männer, die den Kranken herbeigeschleppt haben. Was mag in ihnen vorgegangen sein? Sind sie vom Kranken gedrängt? Halten Sie den Plan, einen auf seinem Bett durch die Straßen zu tragen, für ärgerlich, für selbstverständlich, für dienlich? Was empfinden sie, wenn sie mit ihrem sperrigen Bett und Patienten die vielen Menschen vor dem Haus stehen sehen? Versuchen sie, dem Kranken seinen Wunsch auszureden? Verlangsamen sie ihren Schritt? Merken sie, dass es ohnehin nichts bringt?

Ein ganzes Bett hinab seilen

Was kommt ihnen in den Sinn, als sie über die Dächer der anliegenden Häuser steigen, immer bemüht, den Kranken nicht von seiner Pritsche fallen zu lassen? Wie gehen sie auf den armen Mann ein, der schwankend über die Dächer getragen wird? Was sagen sie ihm? Und was denken sich diese Männer, als sie sich daran machen, das Dach aufzuschlagen, nicht um ein kleines Loch zu bohren, durch das man vielleicht Jesus sehen kann, sondern um ein riesiges Stück Dach zu zerstören, damit sie ein ganzes Bett hinab seilen können? Ja, was denken sich diese Männer, als sie oben auf dem Dach hören, dass Jesus dem Kranken seine Schuld vergibt? Hatten sie nicht auf anderes gehofft? Wie empfinden sie den Streit mit den Schriftgelehrten?

Arme Frauen mit kranker Seele

Ich hatte einen Freund, er hieß Josef. Er war auch Jesuit, also ein Ordensmann. Ich bewundere ihn, weil er mehr als dreißig Jahre neben seiner Arbeit, die er als Verwaltungsfachmann erledigte, in ein Gefängnis ging und dort Frauen betreute, meistens Mörderinnen, arme Frauen mit einer kranken Seele. Er verstand sich als jemand, der wie diese Männer  in der Erzählung des Markusevangeliums andere Menschen bei der Hand nahm und ihnen zeigte, wie sie wieder einen guten Weg gehen können. Er wollte sein Leben lang nichts anderes als einer von diesen Männern sein.

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Und am Ende seines Lebens – er starb viel zu früh mit 57 Jahren an Krebs – bat er darum, dass wir beim Dankgottesdienst für sein Leben, das er Gott zurückgab, diese Lesung vorlesen sollten, keine Predigt, kein Lebenslauf, kein Nachruf, nur die Lesung von den Männern, die einen Kranken auf einer Bahre über die Dächer zu Jesus tragen und die den Mut haben, dabei Dächer abzutragen. Ich wünsche uns, den Menschen von heute, solche Menschen. Und ich bin dankbar, dass ich Josef als Freund haben durfte; und dass es viele gibt, die den Kranken unserer Welt beistehen, im ärztlichen Dienst, in pflegerischen Berufen, in der Sorge um Kranke und um alt gewordene Familienangehörige. Es gibt sie, diese Männer, die den Kranken zu Jesus schleppen. Wir können dafür dankbar sein.