Bayern 2 - Zum Sonntag

Sommer ohne Sonne "Ferien finden im Kopf statt"

So ein Glück, die Sonne scheint. Nicht bei uns, aber wenigstens dort, wohin es unsere sonnenhungrigen Landsleute Jahr für Jahr zieht: Italien, Spanien, Griechenland - die Schmuddelkinder des Kontinents, wirtschaftlich und finanztechnisch gesehen. Dafür haben sie Eines: Sonne im Überfluss.

Autor: Hans-Georg Becker Stand: 12.08.2011
Mann sitzt im Liegestuhl am Meer | Bild: colourbox.com

Die Nordländer dösen auch heuer wieder zu Hunderttausenden in glühender Sommerhitze auf den Liegestühlen, die kilometerweit an den Sonnenstränden des Südens ein Jahr lang auf die Gäste gewartet haben. Ein Traum von Urlaub und Ferien? Oder nicht doch eher stinklangweilig, fad?

Mag sein, aber wer will darüber richten. Hierzulande, wo es heuer einen Sommer bisher kaum gegeben hat, wie schaut es da aus mit Urlaub und Erholung? Wenn es gerade mal nicht regnet, wälzt sich der Lindwurm des Touristenstroms durch die Fußgängerzonen der Großstädte, die im Grunde an Attraktionen auch nicht viel mehr zu bieten haben als ein endloser Sand-strand: Irgendwann ist das Interesse an Luxustempeln und Viktualienmärkten erschöpft. Auch ein bisserl fad, oder? Und Kreuzfahrten, Reisen um die Welt in zwölf Tagen - fad oder spannend, alles ist möglich.

"Der Mensch bleibt nicht daheim"

Georg Friedrich Lichtenberg, geboren 1742, gestorben 1799, Mathematiker, Physiker und Astronom von Beruf und Lebensbeobachter aus Passion, war ein unterhaltsamer Mensch und Lehrer. Seinen Studenten demonstrierte er mit Hilfe von Flugdrachen die Elektrizität in Ge-witterwolken; Schweinsblasen blies er mit Gas auf und ließ sie lustig davon fliegen - ein frühes Exempel von Ballonfahrt. Sein eigentlicher Ruhm oder Nachruhm rührt jedoch von seinen so genannten Sudelbüchern, in denen er unzählige Aphorismen festhielt: dem Augenblick entsprungene Gedankensplitter, witzig, boshaft, tiefsinnig. Einer davon sagt, das ganze Unglück der Menschheit käme daher, dass der Mensch nicht in seinem Zimmer bleibt.

Gut, aber was macht der Mensch in seinem Zimmer? Noch dazu im Urlaub? Und siehe da, auf der Suche nach Vorschlägen begegnen wir Papst Benedikt XVI. Er hat seinen Urlaub heuer auch sozusagen im Zimmer verbracht, in der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo in den luftigen Albaner Bergen südöstlich von Rom. Für einen Ausflug in das geliebte Südtirol reichte die Zeit nicht, zu viel Arbeit, zu viele Probleme. Entschädigt wird er für manchen Ärger, wenn ihm der Jubel der Menschen entgegenschlägt.

Was ist der Sinn von Urlaub?

So auch vergangene Woche, als sich über 5.000 Menschen, die meisten von ihnen Urlauber und Touristen, zur Generalaudienz auf dem Hauptplatz von Castel Gandolfo versammelten. Und der Papst sprach, wie auch anders, über den Sinn von Urlaub und Ferien. Über die inneren Kraftquellen, die es zu einer umfassenden Erholung brauche.

Dass der lebenslange Bücherwurm Ratzinger neben Gebet und Gottesdienst auch empfahl, doch auch mal zu einem guten, vor allem einem religiösen Buch zu greifen, vielleicht sogar zur Bibel, wundert nicht. Solche geistlichen Akzente seien es, die den Urlaub bereichern und wirklich tiefe Erholung schaffen, meint der Papst.

Phantastische Erholung

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Das mag etwas weltfremd klingen, doch jubelten die 5.000 Gläubigen dem Papst zu. Wer möchte ihm auch widersprechen? Ich kenne Menschen, die einen ganzen Urlaub lang unter einer Schatten spendenden Pinie sitzen, vertieft in ein Buch, und nur hin und wieder aufs wunderschön blaue Meer schauen, wenn ein Boot vorbei schippert oder am Horizont ein Dampfer seine Bahn zieht und langsam wieder verschwindet. Ohne einen Hauch von Lange-weile. Und es gibt Menschen, die mit dieser Lektüre ihre nächste Arbeit vorbereiten und phantastisch erholt wieder nach Hause kommen. Also: Wer sich langweilt, ob am Meer oder in der Fußgängerzone, ist selbst schuld. Ferien, die finden nämlich im Kopf statt. Abschied vom Herkömmlichen zu nehmen, Neues und Anderes zu denken, das kann unglaublich viel Erholung schenken. Also: Probieren.