Bayern 2 - Zum Sonntag

Ellen Ueberschär Es lebe der evangelische Reformprozess!

Lebt er eigentlich noch - der Reformprozess der Evangelischen Kirche? Vor fünf Jahren startete die Evangelische Kirche in Deutschland einen großangelegten Reformprozess "Kirche der Freiheit".

Autor: Ellen Ueberschär Stand: 19.11.2011
Ellen Ueberschär | Bild: picture-alliance/dpa

Wolfgang Huber, der damalige Ratsvorsitzende, erläuterte der staunenden Öffentlichkeit seine Vision einer evangelischen Kirche im Jahr 2030: Verringerung der Anzahl der Landeskirchen, mehr Profilgemeinden als Ortsgemeinden, die Frauenkirche in Dresden, die Lorenzkirche in Nürnberg, als Leuchttürme evangelischer Kirchlichkeit; mehr Profil, weniger Undeutlichkeit - das war die Ansage einer von betriebswirtschaftlichen Formeln durchzogenen Programmschrift.

Aufregung und Bewunderung

Es hagelte Kritik: Die Aufregung war groß, Ängste brachen sich Bahn. Aber auch Bewunderung mischte sich unter die Reaktionen: Hier ist eine Kirche, die sich angesichts von Demografie und schwindenden Finanzen nicht selbst aufgibt, sondern selbst gestalten will. Hier ist eine Organisation, die nicht in ihren überkommenen Strukturen erstarrt, sondern lebendig sein und bei den Menschen bleiben will. Hier ist eine Institution, die weiß, dass Tradition allein noch nicht die Qualität kirchlicher Arbeit sichert.

Neu eingerichtete Zentren

Ellen Ueberschär ist Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags.

Die Aufregung hat sich also inzwischen gelegt. Die Kritik, der vor allem das geistliche und theologische Profil der Reform fehlte, ist angenommen worden. Das sogenannte Reformbüro ist eines unter vielen anderen Büros im Kirchenamt der EKD in Hannover - Alltagsgeschäft. Die neu eingerichteten Zentren für "Qualität im Gottesdienst", für "Predigtkultur" und für "Mission in der Region" tun geräuschlos ihre Arbeit. Aber wer genau hinschaut, erkennt leise Kurskorrekturen in wenigstens drei Bereichen.

Die Situation der Gemeinden

Die erste: Die Ausrichtung auf die Konzentration der Struktur ist einer Aufmerksamkeit auf die Situation der Gemeinden gewichen. Die ursprünglich favorisierten kirchlichen Leuchttürme beließen die Gemeinden in der Fläche im Dunkeln. Nun aber hat eine Landkirchenkonferenz genau dieses Dunkel ausgeleuchtet. Deutschlands Kirchen, nicht nur die evangelische, sind auf dem Land lebendig. Wie geht es dort weiter, wenn immer weniger Menschen immer älter werden? Mut zum Loslassen und trotzdem kreatives Potenzial für eine kraftvolle Verkündigung entfalten - das versprachen sich die Landkirchenleute und - sie wollen sich wieder treffen.

Aufmerksamkeit auf die Menschen

Die zweite Kurskorrektur im Reformprozess der Evangelischen Kirche: Die Ausrichtung auf die Organisation ist einer Aufmerksamkeit auf die Menschen gewichen, die in ihr tätig sind. Wer soll die Reformideen eigentlich umsetzen? Wer in der Kirche Leitungsaufgaben hat, ist mit dem Alltag ausgelastet. Wenn sich dieser Alltag verändern soll, muss Austausch organisiert, muss Fortbildung angeboten, muss über Qualität von Führung gesprochen werden. Andere machen das ja auch. Was könnte den Haupt- und Ehrenamtlichen in der Kirche Besseres passieren, als dass sie eine weitsichtige, aufmerksame und kompetente Führung hätten? Hier ist ein richtiges Schlüsselthema für die Zukunft der Kirche entdeckt worden.

Die Mission zur Vertiefung

Und die dritte Kurskorrektur, und vielleicht wichtigste im Reformprozess: Von der Mission zur Vertiefung. Mission nicht als Rückkehrarithmetik und Zählvorgang, sondern als aufmerksames Hören der Kirche auf die Zeit: Erschöpfung - einer der Grundzustände unserer Gesellschaft wird zum Anknüpfungspunkt: "Glauben heißt, sich im eigenen Leben von Gott heilsam unterbrechen zu lassen" - so sagt es die auf der Synode der EKD in der letzten Woche frisch verabschiedete Kundgebung. Kirche darf nicht ihrerseits aktionistisch sein, in hektische missionarische Betriebsamkeit verfallen. Nein, Kirche muss sich selbst zurücknehmen, sich selbst von Gott unterbrechen lassen und still werden vor ihm - dann ist sie wahrhaft missionarisch und dann kann die Reform gelingen - so Gott will und wir leben.