Bayern 2 - Zum Sonntag

Norbert Reck kommentiert Pontifikat auf der Kippe

Nein, die vielfach geäußerte Hoffnung auf Überraschungen hat der Papst bei seinem dritten Deutschlandbesuch nicht erfüllt. Kein spektakulärer Kurswechsel, keine bahnbrechenden Ankündigungen. Wenn ein besonderes Bemühen bei ihm erkennbar war, dann das, keinen Anstoß zu erregen, weder Juden noch Muslime noch Evangelische zu vergrätzen.

Autor: Norbert Reck Stand: 24.09.2011
Norbert Reck | Bild: Privat

Ein kurzes Treffen mit ausgewählten Opfern klerikaler Sexualverbrechen fand ebenfalls statt, und so ist sein Besuch eine Art Good-Will-Tour geworden, ein Werben um Sympathie, ein Versuch, die Wogen zu glätten, die sich in den vergangenen Jahren zu einer bedrohlich schweren See aufgeschaukelt hatten.

Hat der freundlich lächelnde alte Herr aus Rom sich also gemäßigt? Sind seine Positionen in Wahrheit viel verträglicher, als seine schäumenden Kritiker hierzulande glauben?

"Diktatur des Relativismus"

Wie immer man zu seinen Ideen stehen mag - man kann feststellen, dass Benedikt XVI. den Grundlinien seines Pontifikats auch bei diesen Besuchstagen ohne Abstriche treu blieb. Das eigentliche Programm ist sein Kampf gegen die von ihm so genannte "Diktatur des Relativismus". Das lässt sich von verschiedenen Seiten aus betrachten. Unter "Relativismus" versteht der Papst die billige, allzu einfache Anpassung an den Zeitgeist, die umstandslose Opferung christlicher Werte auf dem Altar der Konsumgesellschaft.

Auf dem Weg in die Barbarei

Wenn nur noch der individuelle Lustgewinn, das schulterzuckende Hinwegsehen über die Lage der Ärmsten unser Handeln bestimmen, dann sind wir auf dem Weg in die Barbarei und Zerstörung der menschlichen Zivilisation. Bereits am Donnerstagvormittag am Schloss Bellevue kam Benedikt darauf zu sprechen, als er sagte, Freiheit dürfe nicht auf Kosten anderer gelebt werden, sonst füge sie allen Beteiligten Schaden zu.

Rede im Bundestag

Die andere Seite, den philosophischen Hintergrund dazu erläuterte der Papst dann in seiner Rede im Bundestag, allerdings auf sehr abstrakte Weise. Er sprach vom traditionellen Naturrechtsdenken als einer Quelle für Ethik und Moral. Die Natur sei nicht bloßes, wertfreies Material, sondern sei eine Ordnung, die man nicht verletzen dürfe. Man habe sich ihr vielmehr unterzuordnen. Das klingt zunächst sehr ökologisch, hat aber alle Konsequenzen, die Benedikts Position so sperrig machen und die er im Bundestag nicht offen ansprach.

Ablehnung künstlicher Verhütungsmittel

Aus diesem Naturrechtsdenken kommt nämlich die Einteilung der Welt in "natürliche" und "widernatürliche" Dinge, die mit Ökologie nur sehr am Rande etwas zu tun haben. Dazu gehört die Ablehnung künstlicher Verhütungsmittel, die Verurteilung der Homosexualität, die Idee, dass Frauen von ihrer Natur her anders seien und deshalb nicht alles tun dürfen, was Männer dürfen. Und daraus ergibt sich dann auch ein entsprechendes Bild der Kirche.

Festhalten an allen überlieferten Regeln

Sie soll ein Bollwerk sein gegen alle Verfallserscheinungen der modernen Welt; sie muss unter allen Umständen an allen überlieferten Regeln festhalten: am monarchischen Aufbau der Kirche, in der Mehrheitsentscheidungen nichts zu suchen haben, am exklusiven Männerpriestertum, am Zölibat. Alles andere wäre Relativismus. Bündnispartner sieht der Papst dafür immer noch eher in der traditionalistischen Piusbruderschaft als in der Befreiungstheologie, sein Ziel ist eher die Kirche als eine in sich geschlossene Gesellschaft, als societas perfecta, wie man das früher nannte.

Anstrengungen zur Bewahrung des Althergebrachten

Die Motive Benedikts mögen ehrenwert sein, sie zielen auf den Schutz einer bedrohten Tradition. Aber kann das wirklich funktionieren? Die Geschichte zeigt, dass verbissene Anstrengungen zur Bewahrung des Althergebrachten meist zu größeren Zusammenbrüchen geführt haben und noch schmerzhafter gescheitert sind. Das Pontifikat Benedikts steht auf der Kippe: Führt er die Kirche in die angstvolle Selbstabschließung oder in die engagierte Zeitgenossenschaft? Die Würfel sind noch nicht endgültig gefallen.