Kardinal Reinhard Marx kommentiert Die Würde der Erde
Wir erleben in diesen Tagen einen wunderbaren, warmen Frühherbst. Die Sonne bringt die Farben der Natur noch einmal so richtig zum Leuchten. Die Wiesen sind fast alle abgegrast, die meisten Felder abgeerntet, viele schon gepflügt und neu eingesät.
Die Kinder sammeln Kastanien, Nüsse und die ersten bunten Blätter. Die Scheunen sind gefüllt, das Getreide ist längst in der Mühle und wir sind mitten in der Apfelernte. Deshalb haben wir allen Grund, an diesem Sonntag in unseren Gottesdiensten Erntedank zu feiern für die vielen Gaben, die wir entgegen nehmen. Landwirte und Winzer, Obst- und Gemüsebauern, Forstwirte und viele andere haben durch ihre Arbeit und mit viel Liebe zur Natur alles getan, damit die Ernte groß wird und uns nähren kann.
Denn das ist immer noch lebensnotwendig für uns alle, auch wenn wir zumeist unsere Abhängigkeit von der Natur nicht mehr so deutlich und unmittelbar vor Augen haben. Danke, dass viele in ungezählten Arbeitsschritten dafür sorgen, dass die Gaben der Schöpfung für uns alle herrliche Gaben auf unseren Tischen werden können: Kartoffeln, Brot, Wein, Gemüse und Obst!
Der Ursprung allen Lebens
Um leben zu können, brauchen wir die Arbeit vieler anderer, und die Natur als Grundlage unseres menschlichen Lebens. Ohne die Erde gibt es keinen Menschen. Ohne die Schätze der Natur können wir nicht leben. Deshalb heißt Erntedank auch, über uns selbst nachzudenken: Wer sind wir, wenn wir empfangen und wenn wir selbst geben? Und: von wem empfangen wir?
Als Christen glauben wir, dass wir unser Leben Gott verdanken und dass wir alles, was wir zum Leben brauchen, letztlich auch von ihm empfangen. Die Würde des Menschen verdanken wir diesem Schöpfergott, der den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen hat. Deshalb ist die Würde jedes Menschen unantastbar; nicht, weil wir das so festlegen, sondern weil Gott es so will. Und dieser Gott ist auch der Schöpfer von Himmel und Erde. Er ist der Ursprung allen Lebens. Die Erde ist - mit allem, was zu ihr gehört - von Gott geliebt und angenommen, und deshalb ist auch die Erde mit Würde ausgestattet. Sie ist für uns nicht frei verfügbar nach eigenem Willen, sondern uns von Gott anvertraut. Und das ist ein kostbares Gut. Wir wissen, dass wir dieses Gut nicht verschwenden und vernichten dürfen, damit auch die Generationen nach uns leben können. Dennoch handeln wir oft gegen diese Überzeugung.
Die Weite der Welt sehen
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Papst Benedikt hat vor wenigen Tagen in seiner großartigen Rede vor dem Deutschen Bundestag von dieser "Würde der Erde" gesprochen. Und er sagte: "Die Fenster müssen wieder aufgerissen werden, wir müssen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen und all dies recht zu gebrauchen lernen." Das ist ein Aufruf an uns: Die Fenster aufmachen, die selbst geschaffenen Räume öffnen und verstehen lernen, was es heißt, sich der Gnade Gottes zu verdanken. Mit den Worten von Papst Benedikt ausgedrückt: "… nicht verbergen, dass wir in dieser selbstgemachten Welt im Stillen doch aus den Vorräten Gottes schöpfen, die wir zu unseren Produkten umgestalten."
Die Erde ist eine wunderbare Gabe Gottes. Als seine Schöpfung trägt die Erde selbst ihre Würde in sich und wir müssen auf ihre Stimme und Weisung hören - so hat es Papst Benedikt vor wenigen Tagen gesagt. Das heißt: Wenn wir die Würde der Erde verletzen, verletzen wir die Würde des Menschen. Und wir versagen Gott die Ehre.
Der Mensch wird nicht kleiner angesichts dieses Schöpfergottes, sondern wird erkennbar in seiner Größe. Deshalb bekräftigt der Dank für die Ernte auch unsere Verantwortung für die Erde. So ist Erntedank Ausdruck unserer menschlichen Würde und wird zum Lobpreis der Herrlichkeit Gottes.
Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien ein gesegnetes Erntedankfest!

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