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Darf eine Weiße einen Schwarzen malen? Wie in der Kunst über Identitäten gestritten wird

FUCK WHITE PEOPLE steht in großen Lettern auf Dean Huttons Anzug. Damit läuft sie seit zwei Jahren durch Johannesburg - oder auch München. Die Künstlerin will die weiße Vorherrschaft aufbrechen, das Weißsein infragestellen. Dabei ist sie selbst weiß. Eine radikale Selbstkritik.

Von: Alexandra Martini

Stand: 14.01.2018

"Ich bin weiß, ich bin queer, ich habe eine nicht-binäre Trans-Identität. Ich bin fett, ich lisple, und ich kann absolut nicht stillhalten angesichts der Scheiße, und damit meine ich: eine Welt, die gebaut ist auf einem cis-männlichen, imperialistischen, kapitalistischen, weißen, rassistischen Patriarchat."

Dean Hutton

Dean Hutton

Dean Hutton hat sich mit ihrem FUCK WHITE PEOPLE-Projekt nicht nur Begeisterung sondern auch einen Shitstorm eingehandelt. Vom Chef der ultranationalistischen Cape Partei wurde sie sogar auf Hate Speech verklagt - ohne Erfolg. Das Gericht befand: Die Kunstaktion habe Südafrika zu einem Moment der Selbstreflektion aufgefordert - ihre Message sei gewesen, weiße Übermacht sichtbar zu machen und abzulehnen. Letzten Herbst, zum Spielart Festival für freies Theater, lief Dean Hutton mit dem Anzug auch durch München:

"Ich finde es wichtig, das auch hier in Europa zu machen. Weil ich glaube, dass die Europäer ziemlich viel verdrängt haben. Sie nehmen nicht mehr wahr, wie sehr sie von der Gewalt profitiert haben, die in den Kolonien ausgeübt wurde."

Dean Hutton

Schwarz-weiß-Denken

Dean Hutton denkt die Rassenkonzepte "schwarz" und "weiß" konsequent durch, denn sie bestimmen die Erfahrungswelt vieler Menschen. Auch wenn sie nur Konstrukte sind. Denn dass Menschen als "weiß" bezeichnet wurden - und andere als "schwarz" - begann erst im 17.Jahrhundert, aufgrund der Sklaverei.

"Es ging darum, zu unterteilen: in die Klasse der Sklaven und die Klasse der Meister. Man kann sich seine Position innerhalb der Meisterklasse verdienen. Indem man eine gewisse alltägliche Gewalt mit unterstützt. Als sich ein Kind war, wurden Griechen zum Beispiel nicht zu den Weißen gezählt. Aber als ich erwachsen wurde, hatten die Griechen in Südafrika sich ins weiße Projekt integriert. Sie hatten Privilegien zugestimmt, über die Menschen mit dunklerer Hautfarbe nicht verfügen können. Das darf man nicht vergessen: Die Menschen sind weiß geworden, es ist eine Entscheidung, weiß zu werden. Es ist nicht unbedingt dein Aussehen. Es ist vielmehr deine soziale Identität", erzählt die Künstlerin.

Identitätspolitische Debatten erreichen die Kunst mit neuer Heftigkeit

Um schwarz und weiß ging es auch in einer der größten aktuellen Identitätsdebatten in der Kunst: Dana Schutz' Bild "Open Casket", dass dem Foto des schwarzen Lynchmordopfers Emmet Till nachempfunden ist.

Ein offener Protestbrief warf die Frage auf, ob eine weiße Künstlerin ein Bild von schwarzem Leid malen darf - oder ob das auch schon kolonialistische, gewaltvolle Angeignung ist - denn jahrhundertelang haben weiße Menschen schwarze Menschen ausgebeutet und getötet, jahrundertelang gab es nur eine Deutung ihrer Kulturen: die europäische. Bis heute ist Gewalt gegen schwarze Menschen Realität, zum Beispiel in den USA. Wie geht man mit diesem Misstand um? Wie soll sich die Kunstwelt dazu verhalten? Muss sie sich dazu verhalten?

Für Kulturjournalist Boris Pofalla war die Debatte um "Open Casket" eine Diffamierungskampagne gegen die Künstlerin, und er warnt davor, dass so ein "digitaler Mob" in den sozialen Netzwerken Künstler zur Selbstzensur treiben könnte: "In der Avantgarde in den 50er, 60er, 80er Jahren in der Kunst haben teilweise sehr wenige Menschen die Dinge gesehen, die provokant waren. Wenn man sich vorstellt, dass einige Kunstwerke damals auf eine Twitter-Öffentlichkeit gestoßen wären, dann würden die wahrscheinlich längst irgendwo zensiert im Schrank hängen. Weil das einfach eine Riesenmenge von Leuten gibt die nichts Besseres zu tun haben als sich über Dinge aufzuregen, von denen sie nichts verstehen."

Der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich diagnostiziert eine grundlegende Aufspaltung der Kunstwelt: in die Kategorien "Markt" und "Politik" und vermisst zunehmend eine Kunst, die autonom ist.

Der Streit um das Gedicht eines alten weißen Mannes

"avenidas" von Eugen Gomringer an der Hochschulfassade

Ein weiterer offener Brief sorgte für Furore, diesmal in Deutschland: Studenten der Alice-Salomon-Hochschule Berlin forderten, dass das Gedicht "avenidas" von Eugen Gomringer von ihrer Hochschulfassade verschwinden solle. An einer Stelle im Brief heißt es: "Dieses Gedicht reproduziert nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren, es erinnert zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen alltäglich ausgesetzt sind."

Doch selbst wenn sich in dem Gedicht ein sexistisches Frauenbild der 50er Jahre widerspiegeln sollte, das offenbar noch nicht ganz überwunden ist - muss ein Gedicht politisch korrekt sein?

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