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Leadsänger der Temptations ist tot Wie Dennis Edwards das Bassfundament des HipHop gelegt hat

The Temptations wurden bekannt mit perfektionierten Drei-Minuten Pop-Songs für Motown wie "My Girl". Zwei Tage vor seinem 75. Geburtstag ist Leadsänger Dennis Edwards gestorben. Eine Hommage.

Von: Klaus Walter

Stand: 03.02.2018

The Temptations, Von Links nach Rechts: Otis Williams, Melvin Franklin und Glenn Beonard. Hintere Reihe von links, Richard Street und Dennis Edwards | Bild: picture-alliance/dpa

"Ball Of Confusion, that´s what the world is today"

aus Ball Of Confusion

The Temptations 1970. Ja, manchmal ist die Welt schon ein Ort der Konfusion und wenn es denn einen Gott oder eine Göttin gibt da oben, dann hat sie oder er einen makabren Sinn für Humor. Eigentlich wollten wir Dennis Edwards am 3. Februar zum Geburtstag gratulieren, er wäre 75 Jahre geworden. Wäre. Konjunktiv. Denn er ist am 1. Februar, zwei Tage vor seinem Geburtstag, gestorben. So wird aus einem Geburtstagsgruß ein Nachruf auf Dennis Edwards.

Die Sendung in der Ur-Fassung

Die obige Sendung wird eine Woche in der Fassung nachzuhören sein, die nicht auf seinen Tod eingeht.

Dennis wer? Werden nicht wenige sagen, dabei haben sie ihn alle schon mal singen hören. Dennis Edwards war eine der markanten Stimmen von einer der größten Soul-Gesangsgruppen, wenn nicht der größten: The Temptations, in den Sixties und Seventies große Hitlieferanten der Firma Motown in Detroit. Von den frühen Sechzigern bis Mitte der Siebziger machen die Temptations einige Metamorphosen durch. Das Gesangspersonal wechselt häufig, stilistisch entwickeln sich die Temptations vom konfektionierten 3-Minuten-Pop-Song zum ausladenden psychedelischen Soul, anfangs geht es fast ausschließlich um Boy meets Girl, später singen die Temptations über vaterlose Familien, über Sklaverei und Rassismus, den Krieg in Vietnam oder ganz allgemein über die chaotischen Verhältnisse auf unserer Erdkugel, dem "Ball Of Confusion".

Von Boy Meets Girl zu Songs über Drogen

Ruhe in Frieden, Dennis Edwards

Manchmal singen sie auch über Drogen, zumindest durch die Blume, oder durch die Wolke, wie in „Cloud Nine“. Aber auch in „Cloud Nine“ kommt der Protagonist aus einer kaputten Familie, er hat einen Vater, der das Wort Arbeit nur vom Hörensagen kennt und seine Mutter misshandelt. Ein typischer Song für die späten der Sechziger, einerseits eine vorsichtige Kritik an der Realitätsflucht in die Droge, aber auch eine Feier der Droge als Fluchtmöglichkeit aus eben dieser miesen Realität.

Bei vielen der sozialkritischen bis politischen Songs übernimmt der am 1. Februar verstorbene Dennis Edwards den Leadgesang. Auch bei ihrem berühmtesten. „Papa was a rolling stone”, ein Melodram von epischer Breite, über den Vater, der keine Verantwortung übernimmt, der immer dort zu Hause ist, wo er gerade seinen Hut aufhängt. 1972 ist der abwesende Vater ein dringendes Thema in vielen afroamerikanischen Familien, daran hat sich im 21. Jahrhundert nicht viel geändert.

Die Solokarriere von Dennis Edwards

Dennis Edwards Verhältnis zu den Temptations ist ein einziges Auf und Ab. Edwards wird mehrfach gefeuert und kehrt wieder zurück, seine Versuche als Solo-Künstler kommen zunächst nicht so recht voran. Zunächst.

Der Solokünstler Dennis Edwards ist ein echtes One Hit Wonder. Aber dieser eine Solohit, der ist tatsächlich ein ziemliches Wunder. Er stammt aus dem Jahr 1984 und schafft es gerade mal auf Platz 45 in England, in den USA sogar nur auf 72 in den Billboard Charts, aber: auf den zweiten Rang der Black Charts. Er heißt „Don´t look any further“ und Dennis Edwards singt im Duett mit Siedah Garrett. Getragen wird „Don´t look any further“ von einer der markantesten Basslinien der Popgeschichte. Und wenn es mit rechten Dingen zugehen würde, dann wäre ein gewisser Paul Jackson Jr. jetzt ein steinreicher Mann. Er ist nämlich verantwortlich für Gitarre und Schlagzeug auf diesem Song. Und für den Bass.

Die Bassline morpht seit nunmher 34 Jahren durch die Popwelt, die Website „Who sampled“ verzeichnet 82 Einträge bei „Don't Look Any Further“, der Song wurde also in 82 Songs anderer Künstler gesamplet.

Das Samplen von Soul- und R&B-Hits war ja ein künstlerischer Baustein im frühen Hip-Hop und so dauert es keine drei Jahre, bis der von Paul Jackson Jr. gespielte Bass aus “Don't Look Any Further” zum Fundament wird für einen der ganz großen Tracks der Gründerjahre des Rap.

Ab heute wird zurückgezahlt, “Paid in full”, der Titelsong des Debütalbums von Eric B. & Rakim, das bahnbrechende Album von 1987. Bahnbrechend, weil Rakim hier einen völlig neuen Rap-Stil einführt, und weil hier zum ersten Mal die Möglichkeiten des Samplings ausgeschöpft werden. “Paid in Full”, mit dieser Bassline. Diese Bassline kam in – mindestens – 82 Songs zum Einsatz, vor allem im HipHop und R&B.

Der Song wurde nicht nur mindestens 82 mal gesamplet, er wurde auch mehrfach gecovert, zum Beispiel von den Weather Girls. Die beiden erfolgreichsten Covers kommen interessanterweise von zwei englischen Bands. Englische Bands von weißen Soulboys aus dem Norden, die im Postpunk angefangen haben und dann den Funk für sich entdeckt haben: M People und Kane Gang. M People verdanken ihren Namen dem Gründer der Band. Der heißt Mike Pickering und fand den ersten Buchstaben seines Vornamens gut genug um gleich einen ganzen Menschenschlag danach zu taufen: M People.

Ruhe in Frieden, Dennis Edwards

Seine große Glanzzeit hatte Edwards mit den Temptations: “Message From A Black Man”, die Botschaft eines schwarzen Mannes aus dem Jahr 1969. „Together we stand, divided we fall“ heißt die Botschaft, und „no matter how hard you try, you can´t stop me now“, egal wie sehr ihr es auch probiert, ihr könnt mich nicht aufhalten. Eine Hymne der Selbstermächtigung, eine der grandiosen Produktionen von Norman Whitfield, Miterfinder des sogenannten Psychedelic Soul. Mittendrin Dennis Edwards, der am 3. Februar 75 Jahre alt geworden wäre. Leider ist er zwei Tage vor diesem Geburtstag gestorben.


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