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Fremdenfeindlichkeit in England Wie Tjinder von der Band Cornershop in London seit dem Brexit lebt

Tjinder Singh hatte in den Neunzigern mit der Band Cornershop einen Nummer-1-Hit in Großbritannien mit "Brimful Of Asha". Heute lebt er mit seiner französischen Frau Marie in London. Dort erleben beide regelmäßig Fremdenfeindlichkeit am eigenen Leib. Ein Besuch.

Von: Robert Rotifer

Stand: 09.02.2018

Cool Britannia in den Neunzigern: Cornershop waren eine der Bands, die den Briten damals ein gutes Gefühl gaben. Wenn ein Sikh aus Wolverhampton, wie Cornershop-Sänger Tjinder Singh, nun ein Popstar sein durfte, dann war das faktisch der Beweis, dass diese Nation ihren Minderwertigkeitskomplex über das verlorene Weltreich endgültig abgeschüttelt hatte. Singh selbst traute dem Mythos eines weltoffenen, neuen Großbritannien zwar nie so recht, aber sein Nummer-1-Hit „Brimful of Asha“ reichte immerhin, um nicht nur sein Leben zu verändern, sondern auch das seiner Partnerin, der Französin Marie Remy. Heute leben Tjinder und Marie verheiratet in London mit ihren zwei Kindern und einem Hund. Aber so stabil, wie sich ihre Beziehung erwiesen hat, so weit hat sich Großbritannien in den letzten zwei Jahrzehnten von seinem Selbstbild der Neunzigerjahre entfernt. Dass Einwanderer aus der EU einmal zum neuen Feindbild erklärt werden würden, hätte damals wohl niemand geahnt.

"Du bist doch eh mit einem Briten verheiratet"

Ein typisches viktorianisches Reihenhaus im liberalen Nord-Londoner Stadtteil Stoke Newington, wo eine vierköpfige Familie mit bunt gemischten Haut- und Haarfarben sicher kein Aufsehen erregt. Aber auch hier gibt es kein Verstecken vor dem Thema, das Tjinder Singh und Marie Remys Leben verändert hat. "Erwähne nicht den Brexit“, sagt Tjinder. Und spielt damit scherzhaft auf die Attitüde der englischen Freunde an, die mit dem leidigen Thema, das ihn und Marie verfolgt, am liebsten nichts zu tun haben wollen. Marie ist gewohnt, dass in Gesellschaft alle mit den Augen rollen, wenn sie davon zu reden beginnt.

"Es sind schon zweieinhalb Jahre seit dem Wahlkampf bis zum Referendum. Das ist eine lange Zeit, die Leute sind ausgelaugt und sie blenden das Thema aus. Sie verleugnen es vor sich selbst, und wenn man sagt, 'Ich bin selbst davon betroffen', dann sagen sie: 'Du bist doch eh mit einem Briten verheiratet.' Sie spielen die Wichtigkeit herunter, weil sie selbst nicht daran denken wollen", erklärt Marie.

"Das war Brexit 1, und jetzt ist Brexit 2.0"

Allein die Verdrängung hilft auch nicht. Marie witterte das Eskalieren der Fremdenfeindlichkeit gegen zugewanderte Europäer früher als andere. Sie besorgte sich schon 2014 sicherheitshalber die britische Staatsbürgerschaft. Aber das ändert nichts an ihren verletzten Gefühlen gegenüber dem Land, das sie sich einst zum Leben ausgesucht hatte, weil es so viel weltoffener wirkte als die französische Provinz, wo sie herkam. Der Brexit hat Britannien die coole Maske vom Gesicht gerissen, und dahinter ein Land zum Vorschein gebracht, das genauso rassistisch und chauvinistisch ist wie jedes andere in Europa. Tjinder überrascht das wenig: "Für mich begann der Brexit, als ich geboren wurde. Das war Brexit 1, und jetzt ist Brexit 2.0. Mit einiger Ironie sagte ich zu Marie: Du kannst wenigstens deinen Mund halten, damit du keinen Ärger kriegst."

Marie ergänzt: "Wir leben seit 24 Jahren zusammen. Ich habe unzählige Beispiele von Vorurteilen erlebt, die ihm jeden Tag widerfahren. Ich hatte es also nicht nötig, das am eigenen Leib bestätigt zu bekommen. Aber natürlich ist man betroffen. Eine Meile von hier entfernt steht ein Geräteschuppen in einem Park, und ein paar Tage nach dem Referendum war darauf in riesigen Buchstaben zu lesen: 'EU-Abschaum, geht heim'. Diese Aufschrift wurde sofort entfernt, nachdem sich Bilder davon in den sozialen Medien verbreitet hatten, aber man kann immer noch die übermalte Schrift erkennen, und für mich wird sie auch nie verschwinden. Weil das nur eine Meile von meinem Haus entfernt ist."

"Der Brexit ist der politisch korrekte Weg, ein paar Leute loszuwerden"

Die britische Politik hat in den letzten Jahren versucht, die Einwanderer aus der EU und die aus den alten Kolonien gegeneinander auszuspielen. Der indischen Exil-Community wurde etwa vor dem Referendum versprochen, dass Einwanderungsbegrenzungen gegenüber Europäern mehr Indern den Weg nach Großbritannien öffnen würden. Aber daraus wurde selbstverständlich nichts. Ganz im Gegenteil: Tjinder macht sich keine Illusionen darüber, wohin die Sehnsucht nach einem verklärten alten, monokulturellen Britannien als nächstes führen wird: "Soweit ich sehen kann, ist der Brexit der politisch korrekte Weg, ein paar Leute loszuwerden. Und wenn sie dann die Türe zugemacht haben und das Land abgeschottet ist, werden sie an der Hautfarbe erkennen, wer ihr nächstes Ziel ist. Das wird nicht einfach werden."

Seit dem Brexit-Referendum haben die Londoner eine Achterbahnfahrt der Gefühle durch gemacht. Hier geht's zum Generator-Podcast über "The Long Goodbye". Mit einem Klick auf das Bild oben könnt ihr den Podcast anhören!


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